SZ +
Merken

Firmen bangen vor Rente mit 63

Reißt die neue Regelung vorzeitig Lücken in die Belegschaft? Für viele Unternehmen eine Herausforderung.

Teilen
Folgen

Von Christiane Raatz und Bettina Klemm

Volle Rente mit 63, das findet Andreas Schwarzbach verlockend. Im nächsten Monat wird der gelernte Maschinenbauer 64 Jahre alt. „Ich habe immer in der Montage gearbeitet. Die körperliche und geistige Belastung ist ständig gestiegen“, sagt Schwarzbach. Seit 1971 arbeitet er bei dem Unternehmen Theegarten-Pactec, beziehungsweise dessen Vorgängern. Nun geht er wahrscheinlich ein Jahr früher in Rente.

Das Unternehmen Theegarten-Pactec mit rund 350 Mitarbeitern setzt auf eine langfristige Personalpolitik.„Wenn es jetzt plötzlich neue Regelungen gibt, bereitet uns dies Probleme“, sagt Produktionsleiter Steffen Mildner. Allein in der mechanischen Fertigung und Montage könnten plötzlich vier von 60 Mitarbeitern eher ausscheiden als ursprünglich geplant.

Auch manch anderes Unternehmen in Dresden fürchtet, dass sich der Fachkräftemangel durch die Einführung der abschlagsfreien Rente mit 63 verstärken wird. Die Große Koalition in Berlin will, dass Arbeitnehmer, die 45 Jahre lang Beiträge gezahlt haben, ohne Abzüge in den Ruhestand gehen. „Wer kann, wird die vorgezogene Rente wohl auch in Anspruch nehmen“, vermutet Karin Wagner vom VEM Sachsenwerk. Wie viele der mehr als 600 Mitarbeiter letztlich die neue Regelung in Anspruch nehmen, steht noch nicht fest. Auf jeden Fall will der Maschinenhersteller weiterhin in die Ausbildung investieren, um frei werdende Stellen möglichst mit Nachwuchs aus den eigenen Reihen zu besetzen. Pro Jahr bildet das Unternehmen mehr als 20 Azubis aus.

Von den Reformen sind auch die Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB) betroffen, einer der größten Arbeitgeber in der Stadt. Eigentlich hatte Personalvorstand Hans-Jürgen Credé damit gerechnet, dass in den nächsten zehn Jahren knapp 500 Mitarbeiter in den Ruhestand gehen. Nun könnten insgesamt bis zu 800 Stellen frei werden. Bei insgesamt 1.800 Mitarbeitern reißt das eine große Lücke in die Belegschaft. Credé sieht darin zwar eine Herausforderung, aber keinen Grund, sich Sorgen zu machen. „Wir können uns ja langfristig darauf einstellen“, so Credé. Die DVB seien als Arbeitgeber gefragt, bisher gebe es noch keinen Mangel an Fachkräften. Allein auf die 28 Ausbildungsplätze kommen jedes Jahr rund 400 Bewerber, so Credé. Die frei werdenden Stellen wollen die Verkehrsbetriebe zu 40 Prozent mit Lehrlingen und zu 60 Prozent mit Neueinstellungen füllen. Credé kann den Plänen der Bundesregierung auch Gutes abgewinnen: Der Altersdurchschnitt, der bei etwa 46 Jahren liegt, verjüngt sich. Zudem könnten manche Mitarbeiter schon früher in Rente geschickt werden. Denn oft werden Fahrer etwa nach 20 bis 30 Jahren für dienstuntauglich erklärt, müssen aber weiter beschäftigt werden.

In der Dresdner Stadtverwaltung arbeiten rund 6.500 Menschen, in den nächsten zehn Jahren gehen laut Planung rund 1.440 Angestellte in Rente. Betroffen sind laut Stadt unter anderem die Zentrale Technische Dienstleistungen, das Straßen- und Tiefbauamt, das Schulverwaltungsamt sowie das Brand- und Katastrophenschutzamt. Wie viele von der Rente mit 63 Gebrauch machen, ist derzeit noch unklar.

Nach Einschätzungen der Industrie- und Handelskammer (IHK) wird mit bundesweit rund 200.000 Berechtigten pro Jahr gerechnet, davon zu einem Großteil Männer. Betroffen ist vor allem das verarbeitende Gewerbe. Lars Fiehler, Sprecher der IHK Dresden, bezeichnet die Neuregelung als „ziemlich dickes Überraschungsei für Unternehmen.“ Denn es fehle ein Stück weit an Planungssicherheit. Kehren mehr Facharbeiter ihren Betrieben den Rücken als geplant, könnte das angesichts des Fachkräfte- und Nachwuchsmangels zu einer Verschärfung der Personalsituation führen, so die Einschätzung.

Unternehmen – egal, ob groß oder klein – sollten deshalb so schnell wie möglich analysieren, wer mit 63 in Rente gehen könnte und das Gespräch suchen, rät Fiehler. Denn die Rente mit 63 kann bereits ab dem 1. Juli 2014 beantragt werden. Gestern kam der Entwurf ins Bundeskabinett.