merken
PLUS Wirtschaft

Flaute im Windpark

In Deutschland gehen kaum noch neue Windkraftanlagen in Betrieb. Die Branche schlägt Alarm. Sind jetzt Ausbauziele bei erneuerbaren Energien in Gefahr?

Wirtschaftsfaktor mal ganz idyllisch: Die aufgehende Sonne steht hinter einem Windrad.
Wirtschaftsfaktor mal ganz idyllisch: Die aufgehende Sonne steht hinter einem Windrad. © dpa

Berlin. Der Ausbau neuer Windräder an Land in Deutschland ist gewaltig ins Stocken geraten – die Energiebranche spricht von einer „dramatischen Situation“. Sie sieht nun die Bundesregierung am Zug. „Die Delle beim Ausbau muss schnell beendet werden“, sagte Wolfram Axthelm, Geschäftsführer beim Bundesverband Windenergie. „Die Bundesregierung muss zügiger gegensteuern. Maßnahmen etwa für mehr Flächen oder schnellere Genehmigungsverfahren müssen schon in diesem Jahr begonnen werden, damit sie Mitte des kommenden Jahres wirken.“

Nach einer Analyse der Fachagentur Windenergie an Land gingen von Januar bis Ende September 2019 nur 148 Windenergieanlagen mit einer Gesamtleistung von 507 Megawatt ans Netz. Dieser Wert sei in den vergangenen fünf Jahren jeweils schon im ersten Quartal erreicht worden. Die bisherige Neuanlagenleistung in diesem Jahr liege um 82 Prozent unter dem Durchschnitt der Vergleichszeiträume zwischen 2014 und 2018.

Familie und Kinder
Familienzeit auf sächsische.de
Familienzeit auf sächsische.de

Sie suchen eine Freizeitplanung oder Erziehungsrat? Wir unterstützen Sie mit Neuigkeiten sowie Tipps und Tricks Ihren Familienalltag zu versüßen.

Hauptgründe für die Ausbaukrise der Windkraft an Land sind lange Genehmigungsverfahren, zu wenige ausgewiesene Flächen und viele Klagen. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hatte nach einem „Windkraftgipfel“ Anfang September angekündigt, zusammen mit den Ländern in den kommenden Monaten ein Maßnahmenprogramm zu erarbeiten, um den schleppenden Ausbau der Windkraft an Land wieder zu beschleunigen. Dabei soll es etwa darum gehen, mehr Flächen für Windparks verfügbar zu machen und Genehmigungsverfahren zu beschleunigen. Außerdem soll die Akzeptanz erhöht werden – vor Ort gibt es viele Bürgerinitiativen gegen neue Windräder.

„Die negative Entwicklung beschleunigt sich“, sagte Axthelm. „Wenn die Ausbaukrise anhält, hat das nicht nur Auswirkungen auf den Klimaschutz, sondern auch auf die Industriepolitik. Wertschöpfungsketten drohen auseinanderzubrechen, mit Folgen auch auf Jobs.“

Der Energieverband BDEW sprach von einer „dramatischen Situation“. BDEW-Hauptgeschäftsführer Stefan Kapferer sagte, so lasse sich das Ziel von 65 Prozent regenerativ erzeugtem Strom bis 2030 nicht erreichen. Nach BDEW-Berechnungen müssten jährlich zwischen 2,9 und 4,3 Gigawatt aus Windenergie an Land-Anlagen zugebaut werden. „Davon sind wir meilenweit entfernt.“

Im Zuge der Energiewende sollen Kohle, Gas und Atomkraft durch erneuerbare Energieträger ersetzt werden. Bis 2022 wird das letzte Kernkraftwerk abgeschaltet sein, bis 2038 ist der Kohleausstieg geplant. Die Bundesregierung hat das Ziel, im Jahr 2030 einen Anteil von 65 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen wie Wind und Sonne am Stromverbrauch zu erreichen. Im ersten Halbjahr 2019 lag der Anteil nach BDEW-Zahlen bei 44 Prozent.

Bereits im ersten Halbjahr war der Ausbau der Windenergie an Land in Deutschland fast zum Erliegen gekommen. Daher sei davon auszugehen, dass der Gesamtzubau bis Jahresende die Schwelle von 1.000 Megawatt nicht erreichen werde, so die Fachagentur. Der Bundesverband Windenergie hatte im Juli seine Prognose für 2018 heruntergeschraubt, auf einen Zubau von rund 1.500 Megawatt. In den Jahren 2014 bis 2017 lag der jährliche Zubau noch bei durchschnittlich 4.600 Megawatt.

Weiterführende Artikel

Kampf gegen Windräder geht weiter

Kampf gegen Windräder geht weiter

Junge Familien wollen Riesenanlagen in Dittersdorf verhindern. Ihre Gründe haben sie in einem Brief zusammengefasst.

Kapferer sagte, der BDEW habe mit Wirtschafts- und Umweltverbänden bereits zahlreiche Vorschläge vorgelegt, wie die Misere abgestellt werden könne. „Leider hat die Bundesregierung eine regelrechte Windausbau-Bremse in ihr Klimapaket eingebaut: Die pauschale Abstandsregelung von 1.000 Metern zu Wohnhäusern ist völlig kontraproduktiv. Folge wäre eine drastische Einschränkung der Flächen, die den energie- und klimapolitischen Zielen diametral entgegensteht.“ (dpa)

Mehr zum Thema Wirtschaft