merken
PLUS Niesky

Fleischer kämpfen um ihre Zukunft

Verbraucher sind verunsichert nach dem Tönnies-Skandal. Ein Rothenburger will das heimische Handwerk stärken.

Der Rothenburger Fleischermeister Philipp Eichler setzt auf lokale Produktion. Er möchte, dass die Politik das Handwerk vor Ort noch mehr stärkt.
Der Rothenburger Fleischermeister Philipp Eichler setzt auf lokale Produktion. Er möchte, dass die Politik das Handwerk vor Ort noch mehr stärkt. ©  André Schulze

Der Skandal um Corona-Ansteckungen und Werksverträge beim Groß-Schlachter Tönnies in Nordrhein-Westfalen hat die Produktionsbedingunen in der Branche noch einmal deutlich aufgezeigt. Er trifft nahezu zeitgleich auf eine Petition des Fleischerhandwerks an den Bundestag. Der Rothenburger Philipp Eichler ist einer der Initiatoren und will damit die lokalen Fleischereien stärken.

Seitdem Philipp Eichler im vergangenen Jahr seine Meisterprüfung bestand, ist er  Mitglied der Nationalmannschaft des deutschen Fleischerhandwerks. "Mit Begeisterung", wie der junge Mann voller Stolz erklärt. Denn bei den regelmäßigen Zusammenkünften lässt sich nicht nur für den Beruf viel lernen. "Man kann sich auch dafür einsetzen, dass es der Branche besser geht." Und das tut der Rothenburger. Zusammen mit seinen Kollegen vom Nationalteam hat er eine Petition an den Deutschen Bundestag auf den Weg gebracht, die 50.000 Unterschriften braucht, um es in den Petitionsausschuss zu schaffen. Nach kurzer Zeit haben schon knapp 2.000 Menschen unterschrieben, 28 Tage sind noch Zeit.

Fahrrad
Rauf auf den Sattel
Rauf auf den Sattel

Fit unterwegs und immer auf der Suche nach etwas Sehenswertem? Auf unserer Themenwelt Fahrrad gibt es ganz viel zu entdecken!

Fleischer fordern neue Regeln für ihr Handwerk

Im Kern geht es darum, zwischen der durch den Tönnies-Skandal in die Kritik geratenen  industriellen Fleischproduktion und dem Fleischerhandwerk vor Ort stärker zu differenzieren. Und dieses besser aufzustellen. "Im Moment gelten Gesetze und Vorschriften für beide Seiten gleichermaßen. Wie die großen Player damit umgehen, hat man jetzt gesehen. Wir möchten erreichen, dass kleine Handwerksbetriebe wie die Fleischer in unserer Region in Zukunft weniger stark belastet werden. Dazu braucht es neue Regeln", so Eichler. Konkret meint er damit vor allem staatliche Gebühren, die hohen Energiekosten und vom Gesetzgeber verordnete bürokratische Auflagen.

Alles Dinge, die laut Eichler "nicht fair" sind. "Wenn ich mir zum Beispiel anschaue, was wir regelmäßig auflisten müssen, dann ist das für uns nur mit ganz erheblichem Aufwand zu stemmen", kritisiert der Rothenburger. Wie viel wird verkauft, welche Bestandteile haben die einzelnen Produkte, zu was wird das Fleisch verarbeitet, wo und in welcher Höhe wird investiert, wie wird der Einsatz erneuerbarer Energien forciert - "all das sind Punkte, die abgefragt werden. In Großbetrieben mit tausend Beschäftigten fällt das mit ab. Bei Handwerksbetrieben unserer Größe nicht. Man kann beides nicht auf eine Stufe stellen."

Tönnies-Skandal hat für Verunsicherung gesorgt

Frank Jutzi von der gleichnamigen Fleischerei in Görlitz bestätigt die schwierige Situation der kleinen Handwerksfirmen, die seiner Meinung nach schon manchen Kollegen zum Aufgeben gezwungen hat. "Früher waren wir in Görlitz zwölf private Fleischereien, jetzt sind es vielleicht noch vier oder fünf." Und auch er selbst hätte momentan ein schlechtes Gewissen, würde er unter den aktuellen Gegebenheiten sein Geschäft einem jüngeren Kollegen überantworten wollen.

Denn die Hoffnung, die Kunden würden nach dem Tönnies-Skandal der industriellen Herstellung den Rücken kehren und stattdessen lieber Kasseler und Roulade beim Fleischer um die Ecke kaufen, hat sich laut Jutzi nicht erfüllt. "Wir merken davon bisher nichts. Ich habe eher den Eindruck, die Leute essen generell weniger Fleisch." Tönnies und sein Geschäftsgebahren habe für viel Verunsicherung in der Bevölkerung gesorgt. Was beim lokalen Handwerksbetrieb aber völlig fehl am Platze sei. "Mein Lieferant ist ein Betrieb aus Weißwasser. Hier bleibt die Wertschöpfung in der Region."

Mindestens genauso viel Kopfschmerzen bereiten dem Görlitzer Fleischer die behördlichen Auflagen, die er zu erfüllen hat. "Wenn ich eine neue Wurstsorte kreieren will, muss ich mir nicht nur Gedanken über deren Zusammensetzung machen, sondern vor allem darüber, ob ich alles einhalten kann, was an Vorgaben existiert." Zum Beispiel nachweisen, was drin ist in der neuen Wurst, woher die Rohstoffe stammen und welche Zusatzstoffe verwendet werden. Ein kleiner Betrieb wie seiner gelange da ganz schnell an seine Grenzen.

Noch mehr Lokalkolorit für Fleischereiprodukte

Weiterführende Artikel

Fleischer brauchen mehr Akzeptanz

Fleischer brauchen mehr Akzeptanz

Gute Worte reichen nicht. Um die Branche zu stärken, ist lokal kaufen wichtig. Und Aufmerksamkeit bei der Politik, findet Redakteur Frank-Uwe Michel.

Nora Seitz, Obermeisterin der Fleischerinnung Nordmittelostsachsen, die in Chemnitz ein eigenes Unternehmen führt, setzt große Hoffnungen in die von Philipp Eichler und seinen Kollegen initiierte Petition. Bis jetzt würden immer neue Hürden aufgebaut, sogar die Lebensmittelkontrollen sollen künftig kostenpflichtig werden. Sie setzt darauf, dass Sachsen bald eine eigene mittelgroße Schlachterei bekommt, damit man unabhängig von anderen Lieferanten wird und regionale Kreisläufe dann besser funktionieren können. "Damit wären Erzeugergemeinschaften möglich, Lokalkolorit würde eine ganz andere Rolle spielen." Und die Kunden, hofft sie, kämen dann noch gezielter zum Fleischer um die Ecke.

Die Petition zur Stärkung des lokalen Fleischerhandwerks ist im Internet auf www.fleischerhandwerk.de und www.openpetition.de zu finden.

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Niesky