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Fleißiges Klischeebrechen im Dreiländereck

Ein Theaterfestival in Zittau will zeigen, wie leicht es sein kann, Grenzen zu sprengen. Dabei herrscht fröhlicher Ausnahmezustand.

© Pawel Sosnowski

Von Johanna Lemke

Zittau. Ach, wenn doch die Welt ein bisschen mehr so sein könnte wie Zittau. Nein, damit ist nicht die schnucklige Altstadt gemeint, auch nicht die leer stehenden Ladengeschäfte und nicht der quasi ständig im Bau befindliche Bahnhof. Obwohl, das Leben ist ein Prozess, da gehören auch Baustellen dazu, die man manchmal braucht, um die Schönheit einer herausgeputzten Fassade erst wertschätzen zu können.

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Aber mal weg von den Metaphern. Wer es dieses Wochenende einrichten kann, sollte dringend nach Zittau fahren. Denn dort wird vorgemacht, was andere verzweifelt suchen: gelebter kultureller Austausch als selbstverständliche Disziplin, als Regel und nicht als Ausnahme. Am Mittwoch startete das Theaterfestival J-O-S, sprich: „Josch“, es läuft noch bis Sonntag. Der vor Jahren zugegeben etwas unglücklich gewählte Name steht für die Berge des Dreiländerecks: Ješted, Oybin und Sniežka in Tschechien, Deutschland und Polen. Das Zittauer Gerhart-Hauptmann-Theater veranstaltet das Treffen gemeinsam mit den Theatern im polnischen Jelenia Góra und im tschechischen Liberec. Diesmal sind auch Inszenierungen aus dem Gastland Slowenien dabei.

Damit stellt das J-O-S so etwas wie das kompakte Portfolio des Zittauer Theaters unter der Intendantin Dorotty Szalma dar. Seit Jahren arbeitet die gebürtige Ungarin nämlich schon mit Künstlern aus Polen und Tschechien zusammen, mit einem heutzutage fast schon naiven Glauben daran, dass Kultur Brücken baut. So schreibt Szalma es auch im Begrüßungstext zum Festival. Geradezu achselzuckend tut die Intendantin damit das, wonach andernorts kompliziert gesucht wird. Wo andere sich fragen, ob ein deutsches Stadttheaterpublikum einen polnischen, mäßig deutsch sprechenden Schauspieler aushält, nimmt sie diesen unter Vertrag. Wo andere nur über aufwendige Förderprogramme Austausch mit europäischen Theatern suchen, ist dieser im Gerhart-Hauptmann-Theater Alltag.

Wenn auch Tanzen nicht hilft

Von Alltag kann man dieser Tage dort allerdings nicht sprechen, eher vom fröhlichen Ausnahmezustand. Im Theaterfoyer herrscht ein reges Sprachengewirr, für den Fall der Fälle liegen Kopfhörer für die Simultanübersetzung aus, die den Zuschauern vor der ersten Vorstellung aber sanft aus den Händen genommen wurden: „Die brauchen Sie jetzt nicht.“ In der Tat: Die Inszenierung „House at the Crossroads 2.0“, die am Eröffnungsabend gezeigt wird, ist zwar dreisprachig – aber man versteht trotzdem alles. Oder es ist gewollt, dass man es nicht versteht. Die Verwirrung durch Sprachbarrieren, die Suche nach einer gemeinsamen Ebene, sie ist das Thema der über 40 Jugendlichen aus Polen, Tschechien und Deutschland, die für dieses Stück anderthalb Jahre zusammengearbeitet haben. Unter der Leitung von Grzegorz Stosz haben sie einen Abend entwickelt, der sich assoziativ durch das Gewirr von Sprache und Sprechen schlängelt. Was passiert, wenn man sich gegenseitig nicht versteht? Wie kann dann Verständnis auf körperlicher Ebene stattfinden? Schade, dass man sie klar erkennbar in Kostüme mit den Farben ihrer Landesflaggen gesteckt hat – wieso so viel Separierung?

Und doch ist es bezeichnend, dass das Festival mit dieser Premiere eröffnete: Diese Generation wird stärker als alle zuvor mit der Globalisierung konfrontiert sein. Angelika Pytel hat mit ihnen Choreografien entwickelt, die leider oftmals haarscharf an der Grenze zum Martialischen schrammen. Wenn es aber von der Gruppenchoreografie abkehrt, entwickelt das Stück große Sogkraft. Da versucht ein Alleinunterhalter mit goldenem Jackett, zwischen allen zu versöhnen, indem er Unterschiede verleugnet. Da zeigt eine stille Prinzessin ihre Zweifel daran, dass Verständnis überhaupt für irgendetwas gut sein soll. Da tanzen sich die Jugendlichen gegenseitig etwas vor, um festzustellen, dass das auch nicht hilft. Zwischendurch werden Videos aus der Entstehungszeit gezeigt, der Arbeitscharakter scheint durch. Die Welt ist eben eine Baustelle!

Die nächsten Festivaltage halten dann Inszenierungen wie das polnische „Gänschen“ bereit, ein deutsch-tschechisches Kabarett aus Prag oder eine tschechische Interpretation des Stücks „Märtyrer“ von dem deutschen Dramatiker Marius von Mayenburg. „Hündchen Karmelek“ ist Kindertheater aus Polen. Das Zittauer Theater zeigt seine Inszenierung „Der Fleck“.

Das titelgebende „House at the Crossroads“ aus der Eröffnungsinszenierung ist übrigens ein Haus an der Kreuzung an der Grenze von Tschechien zu Deutschland. Die Jugendlichen erzählen die ziemlich fiese Nummer, bei der Amphetamin aus Tschechien an deutsche Schüler vertickt wird. Auch das ein Klischee, klar. Morbiden Humor gibt es an diesem Abend genug – und viel Gemeinschaftsgefühl. Nach der Vorstellung von „House at the Crossroads 2.0“ hört man die Spieler hinter dem Vorhang brüllen, um ihr Adrenalin loszuwerden. „Josch! Josch! Josch!“ rufen 40 Jugendliche aus drei Ländern gemeinsam. Wenn die Welt doch ein bisschen mehr so sein könnte wie Zittau.

Das Festival J-O-S läuft noch bis zum Sonntag im Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau. Karten gibt es unter 03581 474747.