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Die verschwundene Fliegenplage

Eine monatelange Fliegeninvasion im westsächsischen Schönau ist plötzlich vorbei. Doch es ist unruhig im Dorf. Dem Frieden traut noch keiner.

Die Gemeinde macht eine Kompostieranlage für die Fliegen-Invasion verantwortlich.
Die Gemeinde macht eine Kompostieranlage für die Fliegen-Invasion verantwortlich. © Andreas Kretschel

Die Banner der Protestaktion hängen noch: „Stoppt endlich diese Fliegenplage – schließt die Kompostieranlage“ oder „Stoppt den Fliegenverkehr“. Bis vor Tagen war Schönau, ein Ortsteil der westsächsischen Kleinstadt Wildenfels, in Aufruhr wegen einer fast biblischen Fliegenplage. Unter Verdacht: das Kompostierwerk Wertstoffzentrum Zwickauer Land am Ortsrand, das bis zu 10.000 Tonnen Bio-Müll aus der braunen Tonne verarbeitet.

Aktenkundig sind die Insekten-Invasionen offiziell für das Jahr 2013 und von 2018 bis jetzt. Aber plötzlich gibt es keine Fliegen mehr. Ein Wunder? Oder geht hier etwas nicht mir rechten Dingen zu?

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Eine Fliegenfalle in Schönau mit dem "Ertrag" weniger Tage.
Eine Fliegenfalle in Schönau mit dem "Ertrag" weniger Tage. © Andreas Kretschel

Manfred Fischers Wohnhaus ist am nächsten dran. Versprühen die in der Anlage mehr Insektizide als sonst? Fischer ist sicher: „Die haben da irgendwas gemacht.“ Zum Frühstück auf der Terrasse kamen bisher täglich unzählige Fliegen, sagt der 69-jährige Gastronom. Er hat Kuchen mit Zuckerguss auf den Tisch gestellt, Kirschen, eine Erdbeere. Er will die Biester anlocken. Nichts. „Es ist wie verhext, sonst sitzt hier alles voll.“ Fischers Frau kommt dazu. „Stell dir vor, beim Friseur keine Fliege.“

"Das ist ekelhaft"

Berthold Grenz lebt mit seiner Familie in einer 500 Jahre alten Wassermühle. “Ich weiß, das ich auf dem Dorf Fliegen erwarten darf. Aber das hier nervt, man sitzt im Garten mit Freunden und es macht keinen Spaß.“ Er hat auf Klebefallen-Papiere in zwei Tagen Hunderte Fliegen angelockt. „Es gibt Tage, da sehen wir hier kaum eine, das hängt wohl mit den Schlüpfzyklen zusammen.“ An eine Insektizid-Aktion des Kompostwerks glaubt er auch angesichts der ausbleibenden Fliegen nicht.

Zehntausende Plagegeister quälten die Einwohner bisher. Auf Tellern und Brötchen oder schwimmend in Bier- und Colagläsern. Sogar das Fernsehen war schon da.

Im nahen Wiesenburg produziert Sven Schürer Expeditionsfahrzeuge. Die teuren Autos konnte er den Kunden bisher nur in der Halle übergeben. Draußen stehe die Tür kurz offen und der Innenraum sitze voll. „Das ist ekelhaft, die hocken ja nicht nur auf den saubersten Flächen und übertragen Keime.“ Der 54-Jährige sammelt die Fliegen in acht Lockfallen, Typ „Ex-Buster“. Fassungsvermögen: gut 1.500 Fliegen pro Stück. Alle zwei Monate muss er ausleeren.

Sven Schürer mit seinen gut gefüllten Lockfallen.
Sven Schürer mit seinen gut gefüllten Lockfallen. © Andreas Kretschel

Der örtliche Busunternehmer Matthias Joram hat seine Flotte mit Fliegenklatschen ausgestattet. Der 70-Jährige fährt noch selbst. Nach den Touren müssen die Busse geputzt werden. „Wenn man fertig ist, sitzen 1.000 Fliegen im Bus.“ Viele bleiben auch nach einer Mückenspray-Behandlung. Kaum fahre er am nächsten Tag los, schwirren die Überlebenden umher. Ein Kunde habe mit Auftragsentzug gedroht.

Plötzlich prüft der Landkreis

Joram beschwere sich seit Jahren beim Landkreis Zwickau, der für den Bau mitverantwortlich gewesen sei. „Das Landratsamt hat sich die Genehmigung für die Kompostieranlage selbst erteilt.“ Dass alle Vorschriften dabei beachtet wurden, bezweifelt Joram. Schon einmal seien nach Proteste die Fliegen für einige Zeit verschwunden. Dem neuen Frieden traut er nicht.

Busunternehmer Matthias Joram wurde schon mit Auftragsentzug gedroht.
Busunternehmer Matthias Joram wurde schon mit Auftragsentzug gedroht. © Andreas Kretschel

Bürgermeister Tino Kögler hat sich 2019 an die Spitze der Bewegung gesetzt, die die Fliegen loswerden will. „Das Landratsamt hat uns immer nur vertröstet, geändert hat sich nichts“, sagt der 49-Jährige. Für 2.000 Euro hat Kögler ein Gutachten von einem Fliegenexperten erstellen lassen und unter anderem vorgeschlagen, häufiger und gezielter Insektizide einzusetzen.

Vor ein paar Tagen war er im Kompostwerk wegen der plötzlich verschwundenen Fliegen, ließ wie immer die Scheiben seines Autos offen. „Sonst standen wir im Kompostwerk und haben dort mit den Händen gefuchtelt, um die Fliegen zu vertreiben, jetzt wollte nicht einmal eine ins Auto.“ 

Tino Kögler ist der Bürgermeister der Gemeinde - und kämpft seit Jahren gegen die Kompostieranlage.
Tino Kögler ist der Bürgermeister der Gemeinde - und kämpft seit Jahren gegen die Kompostieranlage. © Andreas Kretschel

Das Problem am Gutachten: Das Landratsamt hält die Vorschläge für ungeeignet, will jetzt aber Handlungsfähigkeit beweisen: Es hat seine Umweltbehörde in Marsch gesetzt, um den Dingen im Kompostierwerk des Remondis-Konzerns auf den Grund zu gehen. Man gehe davon aus, dass der Bioabfall ursächlich für die Fliegenplage sei, so eine Sprecherin.

Der Geschäftsführer des Kompostwerks Tom Speth ist das Feindbild der Fliegengeplagten. Er wehrt sich gegen derlei Behauptungen. „Bisher liegen mir vom Umweltamt keine Beweise, Unterlagen oder Dokumentationen vor, die diese Aussage bestätigen“, sagt der 35-jährige Umweltingenieur. Die Zuständigkeit liege seit 2013 in Zwickau. Also wäre genug Zeit für eine Untersuchung gewesen. „Wir sind an dieser Stelle nicht in der Beweispflicht.“

Tom Speth ist der Geschäftsführer der umstrittenen Anlage und beruft sich auf seine gültige Genehmigung.
Tom Speth ist der Geschäftsführer der umstrittenen Anlage und beruft sich auf seine gültige Genehmigung. © Andreas Kretschel

Speth hat das Problem 2018 von einer langen Reihe von Vorgängern geerbt. Er beruft sich auf eine gültige Genehmigung für den Betrieb „Jeder kann herkommen und gucken wie wir arbeiten.“ Einmal seien Anwohner gekommen, hätten sich zwar unterhalten, wollten dann aber doch lieber keinen Blick in die Kompostieranlage werfen. Man halte sich an alle Vorschriften.

Das corpus delicti ist die Anlage für den Bioabfall. Ein fabrikgroßer Komplex aus Betonbunker und Leichtbauhalle für die Anlieferung, deren Tore sich in der Theorie schnell öffnen und schließen sollen, wenn ein Mülllaster ein- oder ausfährt. Damit Fliegen und Gestank möglichst drin bleiben. 21 Tage muss der Müll laut Gesetz drinbleiben, um zu kompostieren. Das mit dem Schließen klappt nicht immer reibungslos, so viel lässt sich nach Besichtigung der Anlage sagen.

Eine nicht richtig schließende Tür könnte eine Ursache der Plage sein.
Eine nicht richtig schließende Tür könnte eine Ursache der Plage sein. © Andreas Kretschel

Die Fliegen gäbe es, weil man auf dem Land sei, behauptet Speth, auch wenn der Gedanke naheliege, dass die Verarbeitung des Bioabfalls dafür verantwortlich sei. Kuhweiden und Ställe, Pferdekoppeln, private Schweine-, Hühner, Enten- und Gänsehaltung, private Misthaufen oder ein Glascontainer im Ortskern. Im Kompostwerk war erst ein Schädlingsbekämpfer, hat Insektizid versprüht und neue Schlupfwespen ausgesetzt, die die Fliegenlarven fressen sollen. Gäbe es kein Problem mit dem Werk, müsste es die Fliegenplage nach der Lesart der Betreiber nicht auch jetzt geben?

Bürgern drohen höhere Preise

Speth sagt zur plötzlich ausbleibenden Fliegenplage, er habe nichts anders gemacht als sonst. Bei der Prüfung durch das Umweltamt seien nur ein paar freundliche Fragen gestellt worden und es habe eine kurze Begehung gegeben. Das Gutachten, das der Bürgermeister beauftragt hatte, hält Speth für nicht neutral, weil sich der Experte darin für die Gastfreundschaft bedankt und es nicht unterschrieb. Vor allem wegen all der Angriffe hat Speth im Januar den Bioabfallvertrag mit dem Landkreis zum Jahresende gekündigt.

Bürgermeister Kögler glaubt nicht, dass die Geschichte mit der Fliegenplage schon zu Ende ist. Mit ein paar Bürgern und einem Rechtsanwalt wolle man nun beraten, wie man vorgehen könne, falls die Biester wiederkommen Am Ende wird man sich wohl einigen müssen – Fliegen hin oder her. Sonst muss sich der Landkreis einen neuen Bio-Verwerter suchen und das könnte deutlich teurer für die Bürger werden.

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