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Fliegende Frauen

Die Skispringerinnen starten in ihren ersten Olympia-Winter – ein kleines Zeichen für die Gleichberechtigung in der Luft.

© dpa

Von Lars Becker

In dieser Woche ist Bundestrainer Andreas Bauer noch einmal nach Oberwiesenthal gefahren. Einige Sprunganzüge mussten von einem Kontrolleur des Weltskiverbandes (Fis) abgenommen werden, damit es beim Weltcup-Auftakt der fliegenden Frauen heute in Lillehammer keine Probleme gibt. Die Sprunganzüge sind maßgeschneidert für die Skispringerinnen – mit Platz für Busen und Po. Vor ein paar Jahren mussten die Mädchen noch mit den Männer-Anzügen springen, das ist also durchaus auch ein kleines Zeichen für die neue Gleichberechtigung in der Luft.

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Das wichtigste Signal ist aber zweifellos, dass die fliegenden Frauen bei den Winterspielen in Sotschi erstmals um Olympia-Gold springen. Dementsprechend beginnt in dieser Woche der erste Olympia-Winter, was für entsprechende Aufregung in der Szene sorgt. „Die Mädels haben schon ein Kribbeln im Bauch. Das merkt man, zumal ja Sotschi ständig in den Medien thematisiert wird und auch sonst die Vorboten zu spüren sind“, sagt Bauer. Zum Beispiel haben einige seiner Sotschi-Anwärterinnen einen Olympia-Pass bekommen, mit dem man beim Einkaufen bei einigen Firmen Vergünstigungen erhält.

Für Bauer ist die olympische Aufregung Normalität. Schließlich war er als Aktiver und als Co-Bundestrainer der nordischen Kombinierer schon bei Winterspielen dabei. Für das Frauenskispringen ist die Olympia-Premiere aber ein „historischer Moment“, sagt Fis-Renndirektorin Chika Yoshida. Schließlich ist es noch nicht so lange her, dass Spitzenfunktionäre die mutigen Mädels mit der abstrusen Begründung ablehnten, dass bei der Landung die Gebärmutter platzen könne. Es war ein langer harter Kampf, die Vorurteile abzubauen. Dazu gehörte auch ein Gerichtsverfahren, mit dem sich die Skispringerinnen schon 2010 in Vancouver ins Olympia-Programm klagen wollten. Damals scheiterten sie noch, doch vier Jahre später ist es nun endlich so weit.

Völlig zu Recht, wie Team-Olympiasieger und Grand-Slam-Sieger Sven Hannawald findet. „Das Frauen-Skispringen hat sich sehr gut entwickelt. Das kann man sich richtig gut anschauen. Da hat sich seit unserer Zeit einiges getan. Einige Mädels haben einen Flugstil – mein lieber Mann!“ Auch Bauer stellte fest, dass sich das Frauenskispringen in den vergangenen Jahren enorm entwickelte – nicht nur, weil sich seit der Installierung eines Weltcups vor zwei Jahren die Zahl der Wettbewerbe fast verdoppelte. „Die Frauen sind viel athletischer, und es wird viel aggressiver und risikobereiter gesprungen.“

Als Trendsetter gelten Springerinnen wie die 17-jährige Japanerin Sara Takanashi, die zwei Jahre ältere Weltmeisterin Sarah Hendrickson aus den USA oder die erste 200-Meter-Fliegerin Daniela Iraschko (30) aus Österreich. Doch auch das verjüngte deutsche Team will ein Wörtchen bei der Vergabe der Olympia-Medaillen mitreden. Bis 20. Januar soll nach den Ergebnissen im Weltcup ein Quartett nominiert werden. „Ich will mit vier Springerinnen nach Sotschi reisen, die Richtung Podest springen können. Olympia-Touristen gibt es bei mir mit Sicherheit nicht“, verspricht Bauer.

Seine neben der 21-jährigen Carina Vogt vom SC Degenfeld größte Hoffnungsträgerin ist die erst 14-jährige Gianina Ernst aus Oberstdorf. Sie gewann kürzlich einen internen Ausscheidungswettkampf in Lillehammer – auf der Schanze, auf der nun der erste Olympia-Winter der fliegenden Frauen beginnt. Zum Auftakt gibt es einen Mixed-Teamwettbewerb mit je zwei Männern und Frauen. Er feierte im vorigen Winter eine erfolgreiche WM-Premiere. Deutschland holte Bronze. Der Antrag auf Aufnahme ins Olympia-Programm 2018 läuft bereits.

Die erste Olympia-Entscheidung in Sotschi von der Normalschanze dürfte also nur der Anfang einer Erfolgsstory sein. „Du kannst den Frauen nichts mehr wegnehmen, und das ist gut so. Sie kriegen irgendwann auch eine Olympia-Entscheidung von der Großschanze und einen Vierer-Teamwettbewerb. Die Gleichberechtigung in der Luft kommt“, sagt Bauer.