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Fliegenlassen ist das Schönste

In der Naturschutzstation in Neschwitz werden Vögel, die aus dem Nest gefallen sind, mit viel Aufwand aufgepäppelt. Manche müssen auch für immer bleiben.

© Uwe Soeder

Von Jana Ulbrich

Neschwitz. Anton kann bellen wie ein Hund und miauen wie eine Katze. Sehr ungewöhnlich für eine Nebelkrähe. Leider nicht für Anton, den wohlmeinende Tierfreunde irgendwo fanden und mit der Pinzette aufzogen. Lange hat Anton wie ein Haustier in der Familie gelebt. Zu lange. Denn jetzt hockt er hier in dieser Voliere und will gefüttert werden. „Er hat es nicht gelernt, sich selber sein Futter zu suchen“, sagt Angelika Schröter. „Und er macht das auch einfach nicht. Wir haben schon alles versucht.“

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Walli, die Uhu-Dame, bekommt hier ihr Gnadenbrot. Sie kann nicht mehr fliegen und würde verhungern.
Walli, die Uhu-Dame, bekommt hier ihr Gnadenbrot. Sie kann nicht mehr fliegen und würde verhungern. © Uwe Soeder
Kleopatra, die Elster, rührt sich kaum. Ob sie wieder ausgewildert werden kann, wird sich zeigen.
Kleopatra, die Elster, rührt sich kaum. Ob sie wieder ausgewildert werden kann, wird sich zeigen. © Uwe Soeder
Die Dohle ist aus dem Nest gefallen. Im August, wenn ihre Artgenossen sich sammeln, soll sie mitfliegen.
Die Dohle ist aus dem Nest gefallen. Im August, wenn ihre Artgenossen sich sammeln, soll sie mitfliegen. © Uwe Soeder

Also steht die Chefin der Naturschutzstation Neschwitz jetzt mit einem Futternapf da, den sie Anton in die Voliere stellt: zwei Küken, ein paar Nüsse, ein paar Mehlwürmer. Die Nebelkrähe kommt angehüpft, als hätte sie nur auf diesen Augenblick gewartet. „Den werden wir wohl hierbehalten“, ahnt Angelika Schröter. Anton will ja auch gar nicht wieder weg. Als übereifrige Tierschützer ihr mal eines Nachts die Voliere aufschnitten, ist sie einfach sitzengeblieben.

Da wird es mit der Dohle in der Voliere nebenan hoffentlich einfacher. Auch sie ist aus dem Nest gefallen. Spaziergänger haben sie gefunden und hier her in die Wildtierauffangstation gebracht. Auf die Art und Weise kommen die meisten Pflegefälle nach Neschwitz: Die Leute bringen Krähen, Elstern, Eulen, Eis- und andere Singvögel. Oft bekommen die Mitarbeiter auch einen Anruf, dass da irgendwo ein verletzter Vogel auf dem Feld liegt. Dann fahren die Mitarbeiter hin. „Wenn wir helfen können, helfen wir“, sagt Angelika Schröter. Das ist Aufgabe der Station, die extra dafür von der Naturschutzbehörde finanziert wird.

Mit ein bisschen Platz zum Fliegen

Eigentlich sollen die Vögel hier nur so lange gepflegt und wieder aufgepäppelt werden, bis sie so gesund sind, dass sie wieder zurück in die Freiheit entlassen werden können. „Sie wieder fliegen zu lassen, das ist das Schönste“, sagt Angelika Schröter. „Es ist doch sehr schade, wenn sie ihr ganzes Leben in einer Voliere verbringen müssen“, findet die studierte Naturschützerin und Hobby-Ornithologin. Aber Schützlinge wie Anton, die Nebelkrähe, würden in Freiheit unweigerlich sterben.

Und es sind ja auch sehr schöne Volieren. Groß, mit viel Grün, mit ein bisschen Platz zum Fliegen, mit Wasserschalen, viel Holz und versteckten Ecken zum Zurückziehen. Lebenswerter kann man es den Vögeln nicht machen. Die Voliere der Dohle nebenan ist mit einer Bambusmatte vor den Blicken der Besucher abgeschirmt. Wer wieder ausgewildert werden soll, soll so wenig Kontakt wie möglich zu Menschen haben. Und es kommen ja viele Menschen hier herauf zu den Volieren am Rande des Neschwitzer Schlossparks. Manche wundern sich über den Aufwand, der hier für eine Krähe getrieben wird.

Schlau und gelehrig

In freier Natur aber gibt es immer weniger Krähen. Auch wenn das dort, wo die Krähenkolonien sich einnisten, vielleicht anders gesehen wird, erklärt Angelika Schröter. Dohlen sind sogar extrem selten geworden, weiß die 40-Jährige. Deswegen gehören sie auch zu den geschützten Arten. Überhaupt wird ihr eher schlechter Ruf den Rabenvögeln nicht gerecht, findet die Ornithologin. „Krähen sind doch sehr schlaue und gelehrige Tiere“, sagt sie. „Vielleicht haben die Menschen ihnen früher deshalb so einen Mythos angehangen.“

Die Dohle legt den Kopf zur Seite und beäugt das Geschehen. Vielleicht fragt sie sich gerade, warum Angelika Schröter ihr jetzt nicht auch eine Futterschale vor den Schnabel stellt. Angelika Schröter schmunzelt. Sie wirft der Dohle nur ein paar Nüsse und Mehlwürmer in den Käfig. Soll sich der Vogel sein Fressen mal alleine suchen. Wer wieder ausgewildert werden will, muss das lernen. „Wir hoffen, dass wir sie im August freilassen können“, sagt die Stationsleiterin. „Im August sammeln sich auf den Feldern die Dohlen, da wollen wir sie dazugeben.“

Es wäre dem schönen, schwarzglänzenden Vogel sehr zu wünschen. Und es sitzen ja auch schon genug Dauergäste in den Volieren. Walli, die stolze Uhu-Dame zum Beispiel. Ihr fehlt ein Stück Flügel. Ein Uhu, der nicht fliegen kann, würde in der Natur verhungern. Auch Rosali, die zweite Uhu-Dame, bekommt hier ihr Gnadenbrot. Zweimal schon haben die Mitarbeiter versucht, sie auszuwildern. Jedes Mal ist sie völlig abgemagert und entkräftet aufgefunden und wieder zurückgebracht worden. Dann soll sie eben bleiben.

Füttern mit der Pinzette

Auch die Uhus bekommen tote Küken zu fressen. Lebende Mäuse wären besser, sagt Angelika Schröter. Aber woher sollte sie die nehmen. Die Küken bekommt die Station wie Tierparks gefrostet geliefert. Außerdem stehen Nüsse, Mehlwürmer und Katzentrockenfutter auf dem Speiseplan. Und die überflüssigen Drohnen aus den stationseigenen Bienenstöcken. Am Wochenende übernehmen Neschwitzer ehrenamtlich das Füttern. Und Jungvögel, die aller paar Stunden mit der Pinzette gefüttert werden, nehmen die Mitarbeiter an den freien Tagen mit nach Hause.

Verletzte Schwäne oder Greifvogel dürfen die Mitarbeiter immer nur vorübergehend aufnehmen, wenn es ein Notfall ist. Vögel, die unter das Jagdgesetz fallen, gehören dem Jagdpächter, der für den jeweiligen Auffindeort zuständig ist, erklärt die Stationsleiterin. Aber der muss ja auch erst einmal gefunden werden. Der Jagdpächter entscheidet dann, was mit dem Tier geschehen soll. So ist das gesetzlich geregelt. Er könnte es sich auch ausstopfen lassen.

Die Jungen Ornithologen sind angekommen. Eine Ferienwoche lang werden sie in der Naturschutzstation verbringen. Angelika Schröter wird die Elf- bis 17-Jährigen mit der Vogelwelt bekannt machen. Natur- und Umweltbildung ist auch eine wichtige Aufgabe der Naturschutzstation. Sie wird mit der kleinen Gruppe zu Exkursionen ins Heide- und Teichland aufbrechen, mit den Kindern Nisthilfen für den Wiedehopf bauen und ihnen beibringen, auf den Ruf des Eisvogels zu hören. „Die Ornithologen brauchen Nachwuchs“, sagt Angelika Schröter. Ihr Sohn ist auch in der Gruppe, die jetzt eine Ferienwoche hier verbringt.

Die Jungen Ornithologen können jetzt auch gleich mal helfen, eine neue Voliere zurechtzumachen. Morgen kommt ein neuer Dauergast: Irgendwo in der Sächsischen Schweiz wurde ein Wanderfalke mit einem verwachsenen Flügel gefunden. Ein Wanderfalke, der nicht mehr fliegen kann, ist unweigerlich dem Tod geweiht. Würde es nicht diese Station hier geben.