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Fliegerbombe löst Großeinsatz aus

André Nitzsche ist der Schreck noch anzusehen. Es ist kaum zwei Stunden her, da hatte der 40-jährige Baggerfahrer eine Bombe auf seinem „Löffel“. Jetzt gegen 13 Uhr steht er am Polizei-Absperrband an der Ecke Augsburger-/Huttenstraße und freut sich, dass das Ding nicht hochgegangen ist.

Von Alexander Schneider, Tobias Winzer und Tobias Wolf

André Nitzsche ist der Schreck noch anzusehen. Es ist kaum zwei Stunden her, da hatte der 40-jährige Baggerfahrer eine Bombe auf seinem „Löffel“. Jetzt gegen 13 Uhr steht er am Polizei-Absperrband an der Ecke Augsburger-/Huttenstraße und freut sich, dass das Ding nicht hochgegangen ist. Er habe schon eine Schachtel Zigaretten geraucht, sagt er.

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Diese Bombe: Der 250-Kilo-Sprengsatz war am Morgen bei Bauarbeiten ausgegraben worden. Foto: André Nitzsche
Diese Bombe: Der 250-Kilo-Sprengsatz war am Morgen bei Bauarbeiten ausgegraben worden. Foto: André Nitzsche
Ehrenamtliche Kräfte vom Roten Kreuz betreuen Menschen in der Turnhalle des Striesener Martin-Andersen-Nexö-Gymnasiums. Hier befindet sich eine von zwei Notunterkünften.  Foto: Jörn Haufe
Ehrenamtliche Kräfte vom Roten Kreuz betreuen Menschen in der Turnhalle des Striesener Martin-Andersen-Nexö-Gymnasiums. Hier befindet sich eine von zwei Notunterkünften. Foto: Jörn Haufe

Auf der langjährigen Brachfläche in der Augsburger Straße 7 baut Fira seit gestern zwei Wohnhäuser mit einer Tiefgarage. „Wir haben heute Morgen mit dem Graben angefangen“, sagt Nitzsche, der bei Nestler arbeitet. Seit 20 Jahren sitzt er im Bagger. Vier Kipper hat er schon gefüllt, als er plötzlich die Bombe bemerkt. Er hatte den 250-Kilo-Findling neben einem alten Kellergewölbe schon aus der Erde gehoben und ausgeschüttet – und dabei nicht bemerkt. Der runde Metallkörper fällt ihm erst auf, als er ihn zum zweiten Mal auf den Löffel nehmen will. Sofort stoppt er und ahnt nichts Gutes.

Nitzsche fotografiert die Bombe, schickt das Foto per Handy seinem Chef und fragt, ob er auch glaubt, dass es ist, wonach es aussieht. Der Chef informiert sofort die Polizei – es war gerade 10.55 Uhr. Baggerfahrer Nitzsche gibt zu, dass er weiche Knie hatte. Erst nachmittags hat der Mann aus Dresden seinen Humor wiedergefunden. „In der Nachbetrachtung bin ich mit der Gesamtsituation zufrieden, um das mal technisch auszudrücken“, sagt er.

Mittags ist Sprengmeister Thomas Lange, der Chef vom Kampfmittelbeseitigungsdienst Sachsen, da und sieht sich die britische Fliegerbombe an. Die Bombe ist gefährlich und muss an Ort und Stelle entschärft werden. Der Heckzünder ist intakt. „Die Bombe dürfte nicht allzu große Probleme machen“, schätzt er trotzdem ein. Sorgen bereitet ihm eher der heranziehende Orkan Xaver. „Es beginnt, etwas kühl zu werden“, sagt er. „Das wird ein Kampf gegen die Uhr.“ Um 20.18 Uhr entschärft er schließlich die Bombe. Da bläst der Wind allerdings schon kräftig.

Es ist bereits die dritte scharfe Weltkriegsbombe, die in diesem Jahr in Dresden gefunden wurde – im Januar gruben Bauarbeiter eine in der Zirkusstraße aus, erst im September traf es die Gerokstraße. Zum dritten Mal spulen Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienste, Verkehrsbetriebe und andere ihr Programm ab.

Das gefährdete Gebiet wird eingegrenzt, Kräfte angefordert, Notunterkünfte gesucht, Krankentransporter für behinderte und bettlägerige Menschen organisiert und dergleichen mehr.

Heute trifft es alle Wohnhäuser und Einrichtungen in einem Umkreis von 300 Metern – Schulen, Kitas, Läden, den Blutspendedienst des Roten Kreuzes, Apotheken, Bürohäuser. „Etwa 1 800 Menschen leben hier“, sagt Polizeisprecher Marko Laske nachmittags. Trotz der Nähe zum Fundort halten sich die Auswirkungen für die Uniklinik in Grenzen. „Es mussten nur fünf Patienten auf der Krebsstation in andere Zimmer verlegt werden“, sagte Sprecher Holger Ostermeyer. Vor allem Verwaltungs- und Forschungsgebäude der Uniklinik mussten evakuiert werden.

Große Hektik entsteht in der IBB Ganztagsschule an der Huttenstraße – Rund 400 Schüler und Lehrer sind hier in Grund- und Mittelschule und dem Gymnasium. Am Nachmittag war ein großer Weihnachtsmarkt geplant. Nun weinen die Kleinen, weil sie fürchten, umsonst monatelang dafür gebastelt zu haben. Die Großen sind gespannt – eine Bombe, das kommt nicht alle Tage vor. Am Nachmittag teilt Schulleiterin Silke Gerlach erleichtert mit, der Markt werde am Freitag stattfinden. Was mit den Kindern wird, ob sie etwa auch in die Notunterkünfte müssen, das wusste sie noch nicht. „Mit uns hat noch niemand gesprochen“, sagt sie.

Die Evakuierung startet gegen 16 Uhr. Die Polizei geht in kleinen Gruppen von Haustür zu Haustür. „Bitte bleiben Sie ruhig, verlassen Sie ihre Wohnungen mit den wichtigsten Dingen unverzüglich“, schallt es per Lautsprecherdurchsage durch das Viertel. „Das ging alles so plötzlich“, sagt Johanna Bertram, die in der Wittenberger Straße wohnt. An einer Straßenecke wartet sie nun auf ihren Bruder, der sie in die Altstadt mitnehmen will.

Wer nicht bei Bekannten und Verwandten unterkommt, für den gibt es zwei Notunterkünfte in Schulen am Pohlandplatz und in der Haydnstraße – im Martin-Andersen-Nexö-Gymnasium. Gegen 19.30 Uhr haben sich in der dortigen Turnhalle 137 Menschen versammelt. „Hier ist alles noch ganz entspannt“, sagt Einsatzleiter Markus Nikulski vom Deutschen Roten Kreuz. Für die Wartenden gibt es heißen Tee, Kaffee und Tomatensuppe. „Das ist einwandfrei“, sagt Karin Neumann. „Nun hoffen wir, dass wir bald wieder in unsere Wohnung zurückkönnen.“