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Floß ahoi!

Dicke Fichtenstämme aus der Sächsischen Schweiz schippern auf historische Art die Elbe hinab – gemächlich.

Von Jörg Stock

Quäääk! Ein Frosch mischt sich laut und frech in die Unterhaltung ein. Uwe Meinel späht übers Wasser nach dem Tier, das sich aber nicht blicken lässt. Vielleicht wird es ein blinder Passagier. Letztens fuhr ein Frosch den ganzen Weg bis nach Meißen mit, erzählt Herr Meinel. „Und abends fing er immer an, zu quaken.“

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Der Frosch würde eine seltene Gelegenheit nutzen. Das Wasserfahrzeug von Uwe Meinel und seinen Leuten ist nämlich kein stinknormales Boot, sondern ein Floß. In den 1950er-Jahren ist die Flößerei auf der Elbe ausgestorben. Aber einmal im Jahr, meist um Pfingsten herum, lebt das alte Handwerk wieder auf. Verantwortlich dafür ist die Flößermannschaft Meißen. Gestern gingen sie von Prossen aus auf große Fahrt. Tags zuvor im Prossener Hafen: Erleichterung herrscht bei dem kleinen Baukommando, das die letzten Handschläge an dem sonderbaren Gefährt tut. Der Mann vom Schifffahrtsamt war eben da und hat alles abgenickt. Ja, auch ein solch uriges Ding wie ein Floß muss die Vorschriften der modernen Bundeswasserstraße Elbe einhalten, sagt Uwe Meinel. „Und die Vorschriften sind streng.“ Das Wichtigste am Floß ist der Zusammenhalt. Zuerst hat man das Holz, dreißig Raummeter Fichte aus dem Bielatal, ins Hafenbecken gerollt. Das ungeheure Platschen, wenn die Stämme ins Wasser kollern, gehört zu den Höhepunkten beim Bauen. Mikado für Erwachsene nennt Uwe Meinel das. „Gigantisch!“ Schwimmt die Holzladung, wird sie ausgerichtet und zunächst mit Bauklammern fixiert. Darüber legt man Querstämme, und dann wird alles mit Stahlseilen fest verflochten. Früher waren auch die Seile aus Holzfasern. Da würde das Schifffahrtsamt heute streiken. Die alten Flößer fuhren auf den nackten Stämmen. Jeder Ballast wurde vermieden. Die Flößermannschaft Meißen macht es sich bequemer. Um nicht ständig nasse Füße zu kriegen, hat sie auf die Floßtafel eine Plattform aus Baumstammschwarten gezimmert. Außerdem gibt es Sitzbänke, eine Hütte fürs Gepäck, eine kleine Gulaschkanone, eine große Vorratskiste und eine bescheidene Bierbar, die bereits in Betrieb ist, wie der tropfende Zapfhahn verrät. So ist das halt, sagt Herr Meinel. „Ganz spartanisch geht es los, und dann kommen immer mehr Ideen.“

Die Idee, wieder mal ein traditionelles Floß auf die Elbe zu setzen, hatten 1999 zwei Meißner, ein Tischler und ein Gastwirt. Seit 2000 wurden jährlich Flöße in der Sächsischen Schweiz, manchmal auch in Tschechien, zusammengebaut und in mehreren Etappen bis nach Meißen und darüber hinaus bis Mühlberg und Belgern geschippert. Aus den Unentwegten unter den Hobbyflößern formierte sich 2005 die Flößermannschaft, kein Verein, sondern eine rein privat organisierte Truppe aus Gleichgesinnten, etwa zwei Dutzend Köpfe. Die meisten von ihnen sind Handwerker, so auch Uwe Meinel, der Elektriker gelernt hat. Nur ein Einziger unter den Flößern ist als ehemaliger Binnenschiffer einigermaßen vom Fach. Einen Bootsführerschein haben jedoch mehrere. Ohne den geht es nämlich nicht auf der Elbe mit einem Fahrzeug, das fünfzehn Meter lang ist und siebeneinhalb Meter breit.

Warum flößen? Uwe Meinel liebt vor allem die Ruhe auf dem Strom. Alle Hektik ist dort überflüssig. Auf dem Floß lernt man Demut vor der Natur. Denn was man auch tut; es geht nur so schnell vorwärts, wie der Fluss es will.