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Der Fluchthelfer, der in Görlitz lebte

Dietrich Rohrbeck schleuste 85 Erwachsene und 16 Kleinkinder in den Westen. Am Donnerstag spricht er zum Mauerbau-Gedenken in Görlitz.

Der 84-jährige Dietrich Rohrbeck steht am Görlitzer Postplatz. Für dessen Sanierung spendete er vor Jahren über 10.000 Euro.
Der 84-jährige Dietrich Rohrbeck steht am Görlitzer Postplatz. Für dessen Sanierung spendete er vor Jahren über 10.000 Euro. © Nikolai Schmidt

Dietrich Rohrbeck kann sich daran erinnern, als ob es gestern gewesen wäre. Wie er seinen Mercedes-Benz 180, Baujahr 1955, im Oktober 1962 so umbaute, dass zwischen Rücksitzen und Kofferraum ein Hohlraum entstand, in dem sich ein schlanker Erwachsener verstecken konnte. Wie er immer wieder zwischen Dänemark und West-Berlin pendelte und unterwegs in der DDR Menschen einsammelte, die er außer Landes schleuste, darunter 16 Kleinkinder. Dass er deren Identität nicht kannte, weil es zu gefährlich gewesen wäre. „Ich würde gern mal eines der damaligen Kinder kennenlernen“, sagt er heute. Einfach, um zu erfahren, was aus ihm geworden ist.

Rohrbeck darf 20 Minuten sprechen

An diesem Donnerstag wird Rohrbeck öffentlich von seiner Zeit als Fluchthelfer berichten. 20 Minuten Redezeit bekommt er beim Gedenken anlässlich des 59. Jahrestages des Baus der Berliner Mauer und der vollständigen Schließung der innerdeutschen Grenze am 13. August 1961. Die Veranstaltung beginnt um 16 Uhr am Gedenkstein Reichertstraße 112. Vor Rohrbeck werden Ministerpräsident Michael Kretschmer, Landrat Bernd Lange und Ratsarchivar Siegfried Hoche kurze Ansprachen halten.

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Dass Rohrbeck in Görlitz redet, ist kein Zufall: Seine Familie stammt von hier. Seine Urur-, Ur- und Großeltern lebten im Gebäude Postplatz 14/15. Er selbst wurde 1936 in Stettin geboren, lebte aber nach der Flucht und einigen Zwischenstationen von 1950 bis 1956 in dem Gebäude am Postplatz. In Zittau lernte er in dieser Zeit Landwirt und schloss seine Ausbildung auf der dortigen Landwirtschaftsschule ab.

Flucht nach der Ausbildung

„Danach sollte ich zum Militär eingezogen werden“, erinnert er sich. Darauf hatte er keine Lust – und entschloss sich, stattdessen in den Westen abzuhauen, was ihm sofort 1956 gelang. Da war er 20 Jahre jung. In der BRD durfte er sich nach einer weiteren zweijährigen Ausbildung „Landwirtschaftsmeister“ nennen, fand damit aber keine Stelle und schwenkte auf die Baubranche um, studierte an der Bauakademie auf der Kurfürstenstraße Architektur.

Als die Mauer gebaut wurde, waren von 36 jungen Leuten in seinem Semester plötzlich nur noch 16 da. Das war für ihn ein Impuls, selbst aktiv zu werden beim Herausholen von Menschen aus der DDR. Aber nicht der einzige. Während der Großteil seiner Familie schon vor dem Mauerbau nach West-Berlin gegangen war, arbeitete seine Schwester Gesine als Krankenschwester im Ostteil der Stadt. Ein Student erzählte ihm, dass er nicht mehr zu seiner Verlobten könne, ein anderer nicht mehr zu seiner Freundin. „Es gab so viele bittere Schicksale“, sagt Rohrbeck.

Dänin nach 17 Tagen geheiratet

Was ihm für seine Fluchthelfer-Tätigkeit zugutekam: Er hatte 1960, nach 17 Tagen Bekanntschaft, eine Dänin geheiratet. Mit ihr hatte er eine kleine Tochter. Sie war in seinem Pass eingetragen, ohne Foto. Seine Schwiegereltern lebten in Dänemark. Er brachte die Tochter oft zu den Großeltern. Doch manchmal hatte er bei der Rückkehr nach West-Berlin nicht sie im Auto, sondern ein anderes Kleinkind, das er als seine Tochter ausgab. War es ein Junge, zog er ihm die Kleider seiner Tochter an.

Bei der Einreise in der DDR auf der Fähre hatte er das Kind freilich nicht dabei. Er ging dann zum Schalter der DDR-Grenzbeamten, legte seinen Pass vor und erklärte, das Kind liege schlafend auf der Rücksitzbank, er wolle es nicht wecken. Das waren die entscheidenden Minuten. Er musste ganz ruhig und freundlich bleiben. Das ging tatsächlich 16 Mal gut: Er bekam den Transitschein ausgestellt. Die Grenzbeamten wussten ja, dass bei der Einreise in die DDR noch eine genauere Personenkontrolle folgen würde. Doch Rohrbeck versteckte die Transitpapiere der Tochter. Als er schon in der DDR war, holte er sie aus dem Versteck und stempelte sie mit perfekt gefälschten Stempeln von einem Dänen ab, die er in der Autoradio-Attrappe versteckt hatte. Dann holte er ein Kind an einer vorher vereinbarten Stelle ab und fuhr mit ihm über die Grenze nach West-Berlin.

Auch die Schwester geschleust

Erwachsene schleuste er in dem eingangs beschriebenen Hohlraum zwischen Rücksitzen und Kofferraum. 85 Erwachsene und 16 Kleinkinder hat er im Laufe von zwei Jahren aus der DDR geholt – 16 davon in dem Hohlraum, andere zu Fuß, durch Tunnel, mit gefälschten Papieren. Auch seine Schwester Gesine war darunter. Jedes Mal riskierte er, erwischt zu werden und im Gefängnis zu landen. Es hätte genügt, wenn ein Erwachsener, der im Mercedes versteckt war, bei der Kontrolle gehustet hätte. Am Ende wurde Rohrbecks Bruder mit dem Auto im Osten geschnappt und kam für zwei Jahre in Haft. Für Dietrich Rohrbeck wurde das Risiko nun zu groß. Zudem war sein Auto weg – für immer.

1965 zog Rohrbeck nach Dänemark um. Heute lebt er in Hamburg und Dänemark. In Görlitz hatte er bis vor zwei Jahren noch eine kleine Wohnung im Haus seiner Vorfahren am Postplatz. Er war auch Miteigentümer des inzwischen verkauften Gebäudes. Doch Rohrbeck kommt immer noch jeden Sommer nach Görlitz, um sich hier mit seinen beiden noch lebenden Brüdern zum Skatspielen zu treffen. Diesmal ist er schon vor den Brüdern da – auch für seine Rede beim Mauergedenken. Das Flucht-Thema beschäftigt ihn aber auch, wenn er anderswo ist. In Dänemark ist bereits ein Buch über seine Geschichte erschienen, allerdings nur auf Dänisch. In Deutschland kommt bald ein ähnliches Buch. Rohrbeck ist der Autor, Welt-Redakteur Sven Felix Kellerhoff der Herausgeber. „Das Buch soll Weihnachten auf dem Gabentisch liegen“, verspricht Rohrbeck.

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