merken
PLUS Sachsen

Angekommen: Fünf Flüchtlinge erzählen

„Wir schaffen das“ ist jetzt fünf Jahren her. Tausende Menschen kamen nach Sachsen. Fünf erzählen, wie es ihnen und ihren Familien ergangen ist.

Abdenassar Hssain kam aus Marokko nach Sachsen. Und wünscht sich, hier zu bleiben.
Abdenassar Hssain kam aus Marokko nach Sachsen. Und wünscht sich, hier zu bleiben. © Jürgen Lösel

Suha ist weiter als ihr früheres Land. Syrien hat sich in eine Welt aus Tod, Trümmern und Hoffnungslosigkeit verwandelt. Suha erschafft. „Ein Leben neu zu bauen, braucht viel Kraft, Mühe und Geduld“, sagt die 32-Jährige. „Aber wir sind nicht als Reisende nach Deutschland gekommen. Wir sind gekommen, um zu bleiben.“

Eine syrische Ärztin in Görlitz

Vor fünf Jahren geben die Zahnärztin und Ehemann Mohammad das Leben in ihrer Heimatstadt Homs auf, nur die Flucht verspricht noch Perspektiven. „Man konnte nicht mehr auf die Straße oder in den Supermarkt, alles war voll mit Bomben.“ Historische Bauten verkommen zu Skeletten, an denen nur Schutt und Geröll hängen bleiben, Menschen zehren von letzten Vorräten oder vertilgen Blätter, um nicht zu verhungern. Satt war Syrien lange nicht.

Anzeige
Filmfans, ab ins Dreiländereck!
Filmfans, ab ins Dreiländereck!

Kino, Konzerte, Gespräche: Am 24. September geht das Neiße Filmfestival in seine 17. Auflage – die nicht umsonst den Untertitel "Wild Edition 2020" trägt.

Bis Ende 2015 haben mehr als vier Millionen Syrer ihr Land verlassen, um nach Europa, am liebsten Deutschland zu ziehen. Viele von ihnen ertrinken im Mittelmeer. Ende August sagt Angela Merkel zur Aufnahme von Geflüchteten einen so simplen wie historischen Satz: „Wir schaffen das“. 329.000 Syrer registrieren sich in diesem Jahr in Deutschland, stellen die größte Gruppe der 890.000 Schutzsuchenden. Ende 2019 leben rund 1,8 Millionen Flüchtlinge in Deutschland, darunter 770.000 Syrer.

Die Zahnärztin Suha ist eine von 770.000 syrischen Flüchtlingen, die derzeit in Deutschland leben.
Die Zahnärztin Suha ist eine von 770.000 syrischen Flüchtlingen, die derzeit in Deutschland leben. © privat

Als Suha und ihr Mann fliehen, ist sie im sechsten Monat schwanger, erwartet das erste Kind. Ein überfülltes Boot schaukelt sie von der Türkei nach Griechenland. „Ich möchte mich daran nicht erinnern, aber es bleibt in meinem Kopf.“ Sie landen in einer Gemeinschaftsunterkunft in Löbau. Als Baby Halid da ist, dürfen sie in eine Wohnung in Markersdorf und dann nach Görlitz ziehen. Zwei Jahre später kommt Luna zur Welt. „Wir waren traurig, dass unsere Eltern sie nicht sehen konnten. Im ersten Monat hatte ich das Gefühl, dass ich alleine war. Aber wir haben es geschafft.“

Inzwischen ist Halid vier Jahre alt, kugelt mit seiner Schwester über den bunt gemusterten Teppich der Altbauwohnung, spielt mit singenden Autos. In Görlitz lebt die Familie noch immer. „Am Anfang sind alle Sachen super schwer. Jetzt haben wir ein Leben gegründet.“ Das Paar wechselt sich mit Kinder-Betreuung und Sprachkurs-Besuchen ab. Beide haben sich auf den Rückweg in ihre alten Berufe gemacht. Mohammad braucht Weiterbildungen, um als Elektroingenieur zu arbeiten. Ob der 39-Jährige in Görlitz einen Job findet, ist fraglich. 

890.000
Asylsuchende kamen 2015 nach Deutschland

1,8 Millionen
Geflüchtete lebten 2018 in Deutschland

1.282
Euro verdient ein erwerbstätiger Geflüchteter in Deutschland. 2016 waren es 810 Euro

5
Jahre nach Ankunft ist im Schnitt jeder zweite Geflüchtete in Erwerbstätigkeit

6.645
Menschen nahm Sachsen im Jahr 2019 auf. 2015 wurden noch fast 70.000 Menschen registriert.

1 / 5

"Die Leute sagen, in Westdeutschland gibt es mehr Firmen.“ Suha wird nach dem nächsten Kurs Deutsch auf Level C1 sprechen. Wenn sie dann noch eine medizinische Prüfung besteht, darf sie als Zahnärztin arbeiten. Der Regierung sei sie dankbar für die Starthilfe. „Ich treffe auch Frauen, die denken, die Sprache ist nicht wichtig. Ist sie aber, nicht nur für die Arbeit, auch fürs Leben. Kinder respektieren ihre Eltern nicht, wenn sie nicht Deutsch sprechen.“ 

Dem Satz „Wir schaffen das“ stimmt Suha zu: „Deutschland ist ein großes Land, die Flüchtlinge verteilen sich. In 15 Jahren werden die meisten in Berufen sein. Kinder, die hier geboren wurden, wissen nicht, was Syrien ist. Deutschland ist ihre Heimat. Jetzt haben Eltern Probleme: Wie können wir ihnen Arabisch beibringen?“

Mit Jobs und hohem Sprachniveau dürfte die Familie einen dauerhaften Aufenthaltstitel erhalten. Pünktlichkeit und Ordnung gefallen Suha in Deutschland. „Jeder kriegt Rechte, wenn er Gesetze respektiert. In Syrien ist das anders.“ Probleme hat die Familie mit manchen Einheimischen. „Es gibt Leute, die die Idee vom Kopftuch nicht verstehen. Wir sind alle Menschen und gleich.“ Sollte sie mit Kopftuch als Ärztin akzeptiert werden, möchte sie bleiben. „In einer kleinen Stadt brauchen sie eine Zahnärztin vielleicht besonders.“ Dann könnte sie eine Chance auf eine Praxis haben. „Das ist jetzt unser Leben.“

„Ich dachte nicht, dass sie es schaffen“

Künstler und Abenteurer sehnen sich beim Gedanken an die marokkanische Küstenstadt Tanger, dem „Tor zu Afrika“, nach Farben, Kultur und Meer, Abdenasser Hssain sehnt sich nach Familie. „Ich bin wie alle Menschen“, sagt der 35-Jährige mit gedämpfter Stimme, lächelt, blickt nach unten. „Jeder will eine Familie, Stabilität, ein normales Leben.“ Durch eine persönliche Bedrohung sah er keine andere Option als Flucht. Über Frankreich, Spanien, Dortmund und Chemnitz kommt er nach Dresden. Den Asylantrag stellt er 2014.

Das erste halbe Jahr lebt er mit anderen in einer Plattenbauwohnung, danach im Heim. „Dann sind viel mehr Menschen mit vielen Nationalitäten gekommen. Im Heim war es schwierig, jeder kommt aus seiner Kultur.“ Während er beobachtet, wie Heim, Stadt, Land sich füllen, hört er den Satz der Kanzlerin. „Ich dachte: Nein, sie schaffen es nicht. Es sind zu viele. Wäre ich noch in Marokko und so viele würden kommen, hätte ich vielleicht auch Angst gekriegt.“

Abdenasser arbeitet als Logistiker.
Abdenasser arbeitet als Logistiker. © Jürgen Lösel

Abdenasser besucht Sprachkurse, arbeitet als Ein-Euro-Jobber. In Marokko hat er zuletzt als Logistiker gearbeitet, für seine Wunschausbildungen in Deutschland, Zerspanungsmechaniker oder Mechatroniker, genügen die Sprachkenntnisse nicht. Er beginnt eine Ausbildung zum Fachlageristen, nutzt als einer der Ersten in Sachsen die neue „2+3“-Regelung, die abgelehnten Asylbewerbern den Aufenthalt für eine Ausbildung plus zwei Jahre Beschäftigung erlaubt. 

Seit Abdenasser die Ausbildung beendet hat, muss er sich alle zwei Jahre befristete Genehmigungen vom „Welcome Center“ der Ausländerbehörde erteilen lassen, lebt jetzt in einer eigenen Wohnung. Wenn er seinen Job drei weitere Jahre behält, darf er unbefristet bleiben. „Ich werde hier neun Jahre gelebt haben, bis ich bleiben darf. Ich habe immer Angst, dass ich meinen Job verlieren könnte.“

In Deutschland integriert zu werden, sei schwierig. „Immer wieder legen Behörden Steine in den Weg.“ Als er seine 35-Stunden-Woche mit einem Minijob aufstocken will, lehnen sie ab, der Job entspreche nicht dem Ausbildungsfach. Als sein verschwunden geglaubter Pass auftaucht, wirft man ihm Erschleichung des Aufenthaltstitels vor, ihm entstehen Anwaltskosten von 750 Euro. 

„Deutschland ist ein schönes Land. Aber die Behörden mag ich nicht, sie sind mein Problem. Ansonsten habe ich nur nette Leute getroffen, die mir helfen und Chancen geben.“ Abdenasser möchte sesshaft werden, Kinder kriegen. „Aber nicht in dieser Zeit. Erst wenn ich Stabilität und Sicherheit habe. Ich werde alt sein für jemanden, der eine Familie gründet.“

Flucht vor der Ehe in Äthiopien

Im Leben von Awo Dayib hat sich vieles früh ereignet. Der Traum vom späteren Job, der Schmerz, die Flucht. „Ich wollte immer Krankenschwester werden, und mein Bruder Arzt“, sagt die 21-Jährige. Für ihn stehen die Chancen schlecht, eine Schule kann er nicht besuchen. Awo, die wie er in einer äthiopischen Kleinstadt an der Grenze zu Somalia aufgewachsen ist, könnte es schaffen. 

Seit sechs Jahren lebt sie in Deutschland. Ob sie bleiben wird, ist ungewiss. Ein Gericht hat ihr das Bleiberecht verwehrt, mit ihrer Flucht als Minderjährige aus dem vermeintlich sicheren Äthiopien habe sie Selbstständigkeit bewiesen. Awo floh nicht vor Krieg oder politischer Verfolgung. Sie floh vor einem Polizisten. „Er wollte mich heiraten, ich war jung, wollte keinen heiraten, den ich nicht möchte. Dann wollte er mich zwingen.“ Für sechs Monate inhaftiert der Heiratswillige sie und ihren Vater. 

Awo Dayib floh mit 13 vor der Zwangsheirat in Richtung Europa.
Awo Dayib floh mit 13 vor der Zwangsheirat in Richtung Europa. © privat

„Awo, wenn du mich heiratest, lasse ich dich und deinen Vater frei“, habe er gesagt. Sie stimmt zu, wohnt einige Tage bei ihm. Er fasst der 13-Jährigen an die Brust und fordert Sex, der Vater bleibt in Haft. Awo flüchtet, findet in der Hauptstadt keinen Job, nur Angebote für Prostitution und weitere Männer, die sie anfassen. „Ich hatte furchtbare Angst vor Sex, es hätte so wehgetan.“ Wie die meisten Frauen in Äthiopien ist Awo beschnitten worden. Sie war fünf Jahre alt.

Über den Sudan reist sie nach Libyen, wo sie ein Jahr lang arbeitet, um sich die Überfahrt zu leisten. 2015 kommt Awo in Deutschland an. Nach einigen Jahren in einem Kinderheim zieht sie 2017 nach Dresden um. Bald könnte sie ihren Hauptschulabschluss schaffen. „Ich wollte schon immer Krankenschwester werden und will es immer noch.“ In Dresden würde Awo gerne bleiben. 

„Es ist eine schöne und ruhige Stadt, aber ich habe jeden Tag Probleme. Leute sagen, dass Ausländer raussollen oder, dass schwarze Haut scheiße ist. Ich weiß nicht, warum sie das finden. Ich finde nicht, dass Weiße scheiße sind.“ In Gorbitz lässt ein Paar vor zweieinhalb Jahren einen Hund auf Awo los, sie stürzt und verletzt sich. Den Stadtteil meidet sie seither.

„Wenn ich beschimpft werde, vermisse ich mein Land. Aber wenn ich nicht bleiben dürfte, wüsste ich nicht, wo ich sonst leben soll.“ Ein Anwalt, eine Betreuerin und eine Frauenärztin unterstützen Awo bei dem Kampf um das Bleiberecht. Eine Ausbildungsstelle würde helfen.

Kein Job ohne Pass

Sami ist wahrscheinlich 27 Jahre alt. Genau weiß er es nicht. Auf dem afghanischen Ausweisdokument Tazkira steht nur ein ungefähres Geburtsdatum, das zum Zeitpunkt der Ausstellung geschätzt wird.

Als Sami etwa 13 war, verübten Taliban einen Anschlag auf das Haus seiner Familie in Daikondi. Sie lebte von der Landwirtschaft, baute auch Schlafmohn an. Mit der daraus gewonnenen Droge Heroin fahren die Taliban Milliarden ein. Samis Familie habe sich geweigert, ihren Schlafmohn abzugeben. Die Granate hat das Haus zerstört, Samis linke Körperhälfte ist bis heute hagerer und zum Teil eingeschränkt. Splitter fraßen sich in sein Fleisch, das Feuer hat Muskeln verletzt. „Ich träume oft davon.“

Sami wurde mit 13 Jahren Opfer eines Angriffs der Taliban.
Sami wurde mit 13 Jahren Opfer eines Angriffs der Taliban. © Christian Juppe

Sami zieht in den Iran, das Abschiebe-Risiko sei dort aber zu groß geworden. Der Rest der Familie hat sich auf Pakistan, Iran, Australien aufgeteilt. Sami kommt 2014 über die Balkanroute nach Bayern, Chemnitz, Schneeberg, Löbau wo er sich bis heute ein Heimzimmer mit vier anderen teilt. Nachts schläft er manchmal lieber bei seinen deutschen Freunden in Löbau. „Wenn ich in meinem Zimmer schlafe, habe ich Angst, dass die Polizei kommt, um mich abzuschieben.“ 

Sein Asylantrag wurde abgelehnt, Sami könne in einer anderen afghanischen Stadt eine Existenz aufbauen, hieß es. Ein Job oder eine Ausbildungsstelle würde helfen, als gelernter Fliesenleger hatte Sami schon mehrere Angebote. Dafür braucht er eine Erlaubnis der Behörden, die sie ihm verweigern, weil sie sein Ausweisdokument nicht anerkennen. Zwei mal ist Sami nach Berlin gefahren, um einen Pass zu beantragen. Gebracht hat ihm das nur das schwarze Shirt mit Brandenburger Tor und Fernsehturm.

Die Tazkira ist ein afghanisches Ausweisdokument - und steht wegen ihrer leichten Fälschbarkeit in der Kritik.
Die Tazkira ist ein afghanisches Ausweisdokument - und steht wegen ihrer leichten Fälschbarkeit in der Kritik. © Flickr/Pikaar Baluch

Die Botschaft forderte sein Dokument, das die Landesdirektion für eine etwaige Abschiebung beschlagnahmt hat. „Ich will einfach nur arbeiten“, sagt Sami. Momentan sind Abschiebungen ausgesetzt, im September geht es wieder los. „Ich bin hier kaputtgegangen. 

So viel Stress, so viel nachdenken. Ich muss die ganze Zeit zu Hause bleiben und kann nicht arbeiten gehen. Traurig sein ist normal. Wenn ich zu Hause sitze und ein Spiel spiele, geht mein Kopf kaputt, ich schlage auf mein Handy.“ Sollte Sami doch eine Arbeitserlaubnis erhalten, möchte er in Löbau bleiben. Er hat dort viele Freunde gefunden.

„Willst du leben?“

Ahmad Dawara kann genau sagen, was sein schönster Moment in Deutschland war: „Als meine Familie angekommen ist“, sagt der 37-Jährige. 16 Monate hatten sie einander nicht gesehen, als Ehefrau Alaa, Abdulrahman und Mohammad am 23. Dezember 2016 nach Bautzen kamen. „Wir waren sein Weihnachtsgeschenk“, sagt die 30-jährige Alaa und lächelt, ein Kopftuch mit Muster rahmt ihr Gesicht. 

Die Familie floh aus dem syrischen Aleppo – einst beliebtes Reiseziel, zuletzt ein Moloch der Verzweiflung, wo Mütter tote Kinder anflehen, wieder aufzuwachen. „Ich war mein ganzes Leben dort, bei uns ist es ungewöhnlich, die Heimatstadt zu verlassen,“ sagt Ahmad, dann spricht Alaa: „Aber du entscheidest: Willst du leben oder nicht?“

2013 stirbt ein Freund von Ahmad durch eine Kugel, hinterlässt fünf Kinder. „Ich wollte nicht, dass meine Kinder so etwas erleben müssen.“ 2014 entscheidet die Familie, zu fliehen, 2015 kommt Ahmad über Griechenland, München, Chemnitz und Großröhrsdorf nach Bautzen. 2016 kommt die Familie nach, im selben Jahr fängt er als Maschinenbau-Ingenieur bei einer Firma an, nebenher unterrichtet er in einem Verein den Kampfsport Taekwondo.

Familie Dawara ist getrennt geflohen - und konnte sich nach 18 Monaten 2016 wieder in die Arme schließen. Ahmeds Frau Alaa will sich nicht fotografieren lassen.
Familie Dawara ist getrennt geflohen - und konnte sich nach 18 Monaten 2016 wieder in die Arme schließen. Ahmeds Frau Alaa will sich nicht fotografieren lassen. © Matthias Rietschel

Die Familie beugt sich über den Esstisch und blättert im Fotoalbum, auf dem Boden der Plattenbauwohnung baumeln gelbe Plüsch-Enten über dem vier Monate alten Yussuf. Die Fotos zeigen seine Brüder in einem Spielzeugauto vor der Villa der Großeltern, Mohammad am Meer auf dem Arm des Opas, Abdul vor seinem ersten Tag im Kindergarten. Mit Hemd und Streifen-Pullover steht er im Hauseingang, im Hintergrund fällt fahles Licht durch eine Scheibe, Kugeln haben ein Splitter-Muster hineingezeichnet. An Tagen wie diesen fehlt Ahmad besonders. „Man kann es schwer aushalten, so lange getrennt zu sein, aber anders ging es nicht“, sagt Alaa. „Ich dachte: Lieber ist er weg und lebt als hier und tot.“

Alaas Brüder haben Aleppo verlassen, leben in Holland und Hessen, Reste der Familie blieben in Syrien. „Mohammad sagte heute, dass er sich an seine Oma nicht mehr erinnern kann.“ Alaa und Ahmad rechnen nicht damit, dass sie je zurückkehren werden. „Ich habe viele Freunde hier“, sagt Abdul, der ältere Bruder. „Ich liebe das Kinder-Café, den Saurierpark, da gibt es eine Kletterspinne“, schwärmt Mohammad.

Für die studierte Ökonomin Alaa wird es mit Kopftuch schwierig, einen Job als Buchhalterin oder Kassiererin zu finden. Freundinnen stellten Arbeitgeber in Bautzen die Bedingung, das Kopftuch abzunehmen. Ein Gefühl etwa so, sagt sie, als müsste man als Deutsche nackt arbeiten gehen.

Ahmad mit seinen Söhnen in Syrien.
Ahmad mit seinen Söhnen in Syrien. © privat

Als Alaa angekommen ist, hat eine Frau in ihren Kinderwagen geblickt und ihn weggestoßen, auf der Straße rufen Passanten „Allahu Akbar“, was in diesem Kontext eine Verbindung zu islamistischem Terror vorwerfen soll. Auch Ahmad begegnen in Bautzen ständig Vorurteile. 

Oft zeigen Kollegen ihm Videos, „auf denen Flüchtlinge oder Ausländer schlimme Sachen machen.“ Videos mit hitlergrüßenden Deutschen tun sie als Missverständnisse ab. „Für Hitlergrüße gibt es viele Ausreden, für Vorurteile gegen Flüchtlinge nicht.“

In der Stadt, der Sächsischen Schweiz, an Seen oder im Wald ist die Familie gern unterwegs. Die schwarzen Steine in Bautzen würden ein wenig an Aleppo erinnern. „Wegen der Anfeindungen überlegen wir aber, wegzuziehen.“ Nach Hessen, zu Verwandten. 

„Die meisten Geflüchteten, die wir kennen, wollen Bautzen verlassen.“ Dass einige Menschen so große Probleme mit Moslems haben, hätte das Paar nicht gedacht. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm allein Aleppo Tausende Griechen und andere Flüchtlinge auf. „Für uns ist das normal, wir haben viele christliche Freunde. Wir waren schockiert, dass sie hier mit uns Moslems so ein Problem haben.“

Der Aussage der Kanzlerin, sagt Ahmad, stimmt er zu. „Ich bin sicher, wir haben es geschafft. Die meisten Flüchtlinge, die wir hier kennen, arbeiten, machen Ausbildungen. Aber Integration ist keine Einbahnstraße. Wenn die Gesellschaft Geflüchtete nicht akzeptiert, bleiben sie isoliert. Ich hoffe, dass die Leute uns in fünf Jahren als mehr kennengelernt haben. Dass sie ihre Vorurteile abschaffen und uns akzeptieren, in uns nicht nur Flüchtlinge oder Ausländer sehen.“ Sondern Menschen.

*Name von der Redaktion geändert

  • Dem fünfjährigen Jubiläum von Angela Merkels inzwischen berühmten Ausspruch "Wir schaffen das", widmet sächsische.de eine Serie: Wir schaffen das - fünf Jahre danach. Wie geht es Flüchtlingen in Sachsen? Was läuft immer noch falsch? Und: Haben wir es geschafft?

Mehr zum Thema Sachsen