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Flüchtlingsheime sind umstritten

Der Dresdner Westen muss dresdenweit die meisten Asylbewerber unterbringen. Die Debatte zu den Plänen ist hitzig.

© Sven Ellger

Von Lars Kühl

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Der Faden reißt nach anderthalb Stunden. Solange hat Ortsamtsleiterin Irina Brauner über die neuen Unterkünfte für Asylbewerber im Dresdner Westen lediglich im Zwiegespräch mit den Ortsbeiräten diskutiert. Vorher hatte Sozialamtschefin Susanne Cordts die Pläne der Stadt detailliert und sachlich vorgestellt. „Sie überstrapazieren die Geduld der Bürger“, platzt einem der Zuhörer im völlig überfüllten großen Saal des Cottaer Rathauses schließlich am Donnerstagabend der Kragen, als die Unruhe immer spürbarer wird. Den meisten Gästen brennen ihre Fragen geradezu auf der Zunge.

Geschätzt knapp 200 sind gekommen – zu viele für den größten Raum der Ortsamtsverwaltung. Die Stühle reichen nicht. Viele Besucher sitzen auf dem Fußboden, stehen in zweiter Reihe oder gar vor der Tür. Was sie hören, gefällt einem Teil überhaupt nicht. Vier Asylbewerberheime sollen in ihrer Nachbarschaft eingerichtet werden. Eines in Löbtau in einem leer stehenden Bürokomplex in der Tharandter Straße 8 mit 40 Plätzen und ein weiteres in der Podemusstraße 9 in Stetzsch im jetzigen Hotel Lindenhof (67 Plätze) noch in diesem Jahr. Zwei weitere an der Carl-Immermann-Straße 2 direkt neben dem Cottaer Rathaus (60 Plätze) sowie in der Wendel-Hipler-Straße 13 in Naußlitz in der Nähe des Kauflandes (59 Plätze) bis Ende 2016.

Damit kommt Dresden seiner Pflicht nach, Flüchtlinge aufzunehmen, vor allem aus den Bürgerkriegsregionen im Nahen Osten. In den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl der Asylsuchenden, die der Landeshauptstadt zugewiesen werden, von 175 um über das Achtfache auf 1.444 gestiegen. Neben dezentralen Unterbringungen in Wohnungen, von denen es vor allem in Gorbitz schon über 100 für 690 Menschen gibt, sollen jetzt auch zentrale Übergangsheime eingerichtet werden. In den nächsten zwei Jahren, für stadtweit 821 Flüchtlinge. Zwölf Häuser sind insgesamt geplant, davon im Ortsamtsgebiet Cotta mit vier Einrichtungen für mehr als ein Viertel der Asylsuchenden mit Abstand die meisten. Cordts räumt die ungleiche Verteilung über das Stadtgebiet ein. Man sei auf kommunale Grundstücke angewiesen oder darauf, dass beispielsweise Hotel-Betreiber, wie der vom Lindenhof, der Stadt ihre Häuser auf eine Annonce hin anbieten.

Viele Gäste können das nicht nachvollziehen. Ihrer Wut machen sie dann auch mehr oder weniger sachlich Luft, als ihnen endlich Rederecht erteilt wird. Sie sind verärgert, dass sie jetzt vor vollendete Tatsachen gestellt werden und es im Vorfeld keine Bürgerbeteiligung gegeben hat. Geschürte Ängste vor steigender Kriminalität, Wertverlust von privaten Grundstücken oder um fehlende Kindergarten- sowie Schulplätze machen die Runde. Da nützt es wenig, dass die Kriminalität von Ausländern in Dresden gering sei, wie der Leiter des Polizeireviers West auf die Statistik verweist. Oder künftig Wachschutz rund um die Uhr eingerichtet werden soll.

Die Ortsbeiratssitzung zeigt aber auch eine andere Seite. Im Dresdner Westen gibt es viele, die den Neuankömmlingen offen gegenüberstehen. Vor allem junge Leute sagen dies deutlich. „Wenn alle Vorschläge abgelehnt werden, wo sollen wir sie denn dann unterbringen?“, fragte eine von ihnen. „Zelte, Notunterkünfte in großen Hallen sind die Alternativen“, sagt Sozialamtsleiterin Cordts. „Das wollen wir nicht.“

Die Ortsbeiräte stimmen schließlich über die Vorlage ab, die am 11. Dezember im Stadtrat behandelt wird. Nicht ohne Änderungen einzubringen. So sollen unter anderem die Bürger vor Einrichtung der Heime noch genauer bei Versammlungen informiert werden. Auch der Schlüssel für die Betreuung der Asylbewerber durch Sozialarbeiter soll von 1:150 auf 1:100 herabgesetzt werden. Das Ergebnis ist letztendlich eindeutig: Linke, Grüne, SPD und Piraten sind mit elf Stimmen für die Übergangsheime. Die CDU mit sieben Mandaten enthält sich geschlossen. Nur die AfD und die NPD stimmen zu dritt dagegen. Viele Bürger, vor allem aus dem Lager der Kritiker, sind zu diesem Zeitpunkt nicht mehr im Saal. Vier Stunden Sitzungsmarathon waren ihnen wohl zu viel.