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Flüchtlingskrise spaltet Dresden

Hoffnung, Hilfsbereitschaft und Hass prägen das Asyljahr 2015. Ein Rückblick.

© Tobias Wolf

Von Sandro Rahrisch

Bagger und Bulldozer rollen in der Nacht an. Eilig stellen die Helfer des Technischen Hilfswerkes Flutlichter auf, roden Bäume und verteilen Schotter. Nur 24 Stunden dauert es, bis am 24. Juli Dresdens erstes Zeltlager aufgebaut ist. Keine zwölf Stunden später stehen sich schon Linke und Rechte auf der Bremer Straße gegenüber. Böller, Warnbaken und Fäuste fliegen. Das Tempo, die Anti-Asyl-Proteste, aber auch die große Hilfsbereitschaft prägen Dresden 2015.

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In Zelten und Turnhallen: Flüchtlinge leben ohne Privatsphäre

So schnell, wie das Camp an der Bremer Straße errichtet wird, so schnell tauchen die ersten Probleme auf. Helfer kritisieren die drückende Enge. Auf 50 Quadratmetern leben 34 Flüchtlinge, die Stimmung ist gereizt. Im August kommt es unter den Asylsuchenden zu einer Massenschlägerei. Den rund 1 000 Flüchtlingen stehen anfangs nur 10 bis 20 Bau-Toiletten zur Verfügung. Dresdner Ärzte warnen vor einer humanitären Katastrophe. Erst nach Wochen wird eine Krankenversorgung aufgebaut, die den medizinischen Standards in Deutschland zumindest nahekommt.

Ein Erstlager nach dem anderen: Freistaat überrumpelt die Dresdner

In den Erstaufnahmelagern werden neue Asylbewerber zunächst registriert sowie auf Tuberkulose, Typhus und Krätze untersucht, bevor sie in die Obhut der Kommunen gegeben werden. Das Camp in der Friedrichstadt bleibt nicht das einzige Erstlager in Dresden: In das ehemalige Technische Rathaus an der Hamburger Straße ziehen ebenso Flüchtlinge wie in die neue Mensa an der Bergstraße. An sieben Orten schafft das Land bis zum Jahresende rund 3 000 Plätze. Auch dort läuft nicht alles reibungslos ab: In der Heeresoffizierschule, wo eine Turnhalle zum Notquartier umfunktioniert wurde, verschwinden im September rund 200 Asylsuchende, ohne dass sie vorher registriert werden. Vermutet wird, dass sie sich auf den Weg zu Verwandten irgendwo in Deutschland gemacht haben.

Immer mehr Flüchtlinge: Kein Verlass auf die Vorhersagen des Landes

Immer wieder korrigiert die Landesdirektion die Zahl der Neuankömmlinge nach oben: Im Februar ist noch von 1 742 Flüchtlingen die Rede, die bis zum Jahresende nach Dresden kommen sollen, im Mai schon von 2 683. Tatsächlich sind es Mitte Dezember 3 495 Menschen, die in Heimen und angemieteten Wohnungen untergebracht wurden. Demgegenüber stehen rund 200 Abschiebungen. Wenn die Flüchtlinge in den Erstaufnahmeeinrichtungen registriert und untersucht wurden, übernehmen die Kommunen die Betreuung. Dort warten sie darauf, ob sie in Deutschland bleiben dürfen. Die meisten, die in Dresden unterkommen, stammen aus dem Bürgerkriegsland Syrien (903), aus Afghanistan (431), Pakistan (337), dem Irak (315) und Kosovo (226).

Das Platzproblem: Stadt verabschiedet sich von kleinen Wohnheimen

Spätestens im Sommer wird klar, dass die Wohnplätze für Asylbewerber nicht reichen werden. Das Rathaus lässt im Oktober Sporthallen räumen, unter anderem am Terrassenufer. Nur wenige Tage später kauft die städtische Stadtentwicklungsgesellschaft Stesad für 3,1 Millionen Euro das Hotel Prinz Eugen in Laubegast. Zuvor hatte sich der Stadtrat bereits von dem Ziel verabschiedet, auf Container zu verzichten sowie nicht mehr als 65 Flüchtlinge in ein Heim einzuquartieren, ein Notfallplan. Die Frage, wo die Asylsuchenden auf ihren Bescheid warten sollen, spaltet den Stadtrat, der Umgangston wird rauer. Im Dezember stoppt die rot-grün-rote Ratsmehrheit Hilberts Pläne. Die Anschaffung von Containern wird ausgesetzt, Mietpreise und Vertragslaufzeiten mit Hotels soll das Rathaus herunterhandeln – mehr als 2 700 geplante Plätze sind so unsicher. SPD-Stadtrat Thomas Blümel argumentiert, Dresden könne nicht massenhaft Container bestellen, ohne zu wissen, ob man sich diese überhaupt leisten kann. 6,2 Millionen Euro sollten die Unterkünfte kosten, die in Übigau, Seidnitz und der Südvorstadt für 1 400 Flüchtlinge aufgebaut werden sollten.

Proteste und Anschläge: Asylfrage spaltet Dresden

Vor der Schule an der Boxberger Straße fliegen am 9. Oktober Steine, Bengalos brennen. Etwa 100 teils stark alkoholisierte Anwohner und Rechtsextreme attackierten das Willkommensfest „Herz statt Hetze“. In dem Schulgebäude leben seit Ende Oktober Flüchtlinge. Die Kinder, die bislang dort lernten, werden nun am Terrassenufer unterrichtet. Protest auch an der Thäterstraße: Anwohner blockieren eine Turnhalle, in die Flüchtlinge ziehen sollen. Nach drei Wochen lässt die Stadt am 22. Oktober die Protestler von der Polizei wegtragen. Mit Anschlägen versuchen Asylfeinde mehrmals, die Eröffnung neuer Übergangswohnheime zu verhindern. So werfen im Juli mutmaßlich Rechtsextreme Steine auf den Stetzscher Lindenhof, sechs Fensterscheiben gehen zu Bruch. Schaden: rund 3000 Euro.

Spenden und Willkommensfeste: Dresden hat ein andere Seite

Demgegenüber werden zahlreiche Willkommensfeste veranstaltet: Vor dem Zeltlager an der Schnorrstraße stehen sich im September rund 100 Teilnehmer einer NPD-Demo und etwa 300 Gegendemonstranten vom Bündnis „Dresden nazifrei“ gegenüber. Getrennt werden sie von Polizisten und Wasserwerfern. Während die Rechtsextremisten gegen die Flüchtlingspolitik wettern, tanzen die Asylbefürworter ausgelassen mit Flüchtlingen vor dem Camp. Die Spendenbereitschaft der Dresdner ist im September so groß, dass das Rote Kreuz sein Lager in Übigau schließen muss. Fast zwei Wochen brauchen die Mitarbeiter, um Shirts, Schuhe und Spielzeug zu sortieren und zu verteilen. Das Aktionsbündnis „Herz statt Hetze“ schätzt die Zahl der aktiven Flüchtlingshelfer in der Stadt auf 10 000 Menschen.

Diebstahl und Krankheiten: Asylgegner streuen Gerüchte

Quarantänezelte im Park des Friedrichstädter Krankenhauses, aufgestellt für tuberkulosekranke Flüchtlinge: Der Beitrag, der im September kurzzeitig auf dem Facebook-Profil von Ex-OB-Kandidatin Tatjana Festerling erscheint, sorgte im Klinikum für Heiterkeit. Tatsächlich handelt es sich um Festzelte für die Grundsteinlegung des neuen Krebszentrums. Die wenigsten Gerüchte, die über Asylbewerber verbreitet werden, sind zum Lachen. Befeuert werden sie im September von einem Marokkaner, der an der Nossener Brücke eine junge Frau vergewaltigt. Seit Januar ermittelt die Polizei in sechs weiteren Vergewaltigungsfällen, die Ausländer verübt haben sollen. Bekannt sind zwei Taten im Januar und Oktober. Bei den übrigen vier Taten werden laut Polizei deutsche Verdächtige ermittelt. Ein mutmaßliches Opfer gibt im November zu, eine angezeigte Tat erfunden zu haben. In den sozialen Netzwerken taucht ein Gerücht nach dem anderen auf. So die Behauptung, Asylbewerber dürften stehlen, die Stadt käme für alle Schäden auf. Das Rathaus dementiert vehement.

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