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Flüsterin im Dunkeln

Es gab eine Zeit, da stand Ramona Böhme täglich auf der Bühne. Das heißt, „stehen“ ist eigentlich das falsche Wort, denn sie war Tänzerin, ausgebildet an der renommierten Palucca-Schule in Dresden. Das Rampenlicht, das Publikum, der Applaus – das war ihre Welt.

© Norbert Millauer

Es gab eine Zeit, da stand Ramona Böhme täglich auf der Bühne. Das heißt, „stehen“ ist eigentlich das falsche Wort, denn sie war Tänzerin, ausgebildet an der renommierten Palucca-Schule in Dresden. Das Rampenlicht, das Publikum, der Applaus – das war ihre Welt. 1986 kam sie an die Landesbühnen in Radebeul, 14 Spielzeiten tanzte sie im Ballett, ihre Lieblingsrolle war die des Aschenbrödels. „Es war eine wunderschöne Zeit“, sagt sie.

Erste Reihe, vierter Platz von links: Das ist Ramona Böhmes Platz während der Proben. In den Vorstellungen sitzt sie versteckt neben der Bühne.Fotos: Norbert Millauer
Erste Reihe, vierter Platz von links: Das ist Ramona Böhmes Platz während der Proben. In den Vorstellungen sitzt sie versteckt neben der Bühne.Fotos: Norbert Millauer © Norbert Millauer

Doch das Tänzerberufsleben ist kurz. Wenn andere gerade richtig loslegen mit Anfang 30, machen Balletttänzer sich Gedanken, was danach kommt. Ramona Böhme wollte unbedingt an den Landesbühnen bleiben, und mit dem 15. Jahr stand die Übernahme in die Unkündbarkeit an. Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere: Ramona Böhme wurde Souffleuse für Sprechtheater. Ihr neuer Beruf ist dem alten nah. Und gleichzeitig ist er Lichtjahre davon entfernt.

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Nah, weil sie geblieben ist. „Ich bin ein altes Theaterpferd“, sagt sie, „das ist der Platz, wo ich hingehöre.“ Fern, weil die heute 47-Jährige von der Sichtbarkeit in die Unsichtbarkeit gewechselt hat. In seinem Gedicht „Die Soufflöse“ schreibt der Kabarettist Peter Ensikat: „Ich sitze im Dunkeln, da oben ist Licht. Die Schauspieler tun so, als gäb’ es mich nicht. [...] Ich spiele nicht mit, doch ich bin immer dran. Die Einzige, die hier den Text wirklich kann.“

Am Anfang fiel Ramona Böhme der Wechsel nicht leicht. „Ich war Rampenlicht und Applaus gewohnt.“ Auch heute gibt es noch Momente, in denen sie tanzen möchte, sich bewegen, zurück auf die Bühne. Doch sie arbeitet jetzt im Verborgenen. Sie hat gelernt, auch das zu lieben, und heute, sagt sie, könnte sie sich keinen anderen Beruf vorstellen. Zu verstehen, dass ein Teil des Applauses auch ihr selbst gilt, das sei ein Prozess gewesen.

Ihr Job ist es jetzt, da zu sein. Nicht nur anwesend, sondern voll gegenwärtig, in jeder Sekunde. Wenn einer der Schauspieler seinen Text vergisst, dann ist Ramona Böhmes Einsatz. Der Einsatz der Souffleuse, vom französischen „souffler“, was so viel bedeutet wie „flüstern“ oder „hauchen“. Sie muss also losflüstern, oder eher zischeln, damit sie auch gehört wird auf der Bühne. Abseits der Bühne spricht sie überlegt, mit längeren Pausen; auf der Bühne muss es schnell gehen, damit der Zuschauer den Texthänger nicht mitbekommt.

Das erfordert Sensibilität, Intuition und Geistesgegenwart. Ramona Böhme muss den Moment abschätzen, in dem ein Schauspieler Text braucht, sie muss eine gespielte Pause von einem Blackout unterscheiden können. „Sonst kann ich viel zerstören.“ Woran sie merkt, wann sie gebraucht wird? Erstens: Es entsteht eine immens große Pause, die nie geprobt wurde. Zweitens: Ein Schauspieler sucht Blickkontakt. Drittens: Er sagt leise „Text“. Oder viertens: Er kommt nahe zu ihr heran, näher als sonst. Dann muss sie ihre Lautstärke so regulieren, dass die Schauspieler sie hören können, die Zuschauer aber nicht. „Auf die Bühne senden“, so nennt sie das.

Ein Vormittag in der Woche, Probe zu „Frank der Fünfte“, eine musikalische Komödie des Schweizer Dramatikers Friedrich Dürrenmatt. Noch haben die Schauspieler ihre Alltagsklamotten am Leib und Alltagsfrisuren auf dem Haupt, statt der karikaturenhaft-grellbunten Kostüme und der haarsträubenden Kopfkunstwerke, die in den Vorstellungen zu bewundern sein werden. Der Regisseur Arne Retzlaff überzieht die Zeit bei seiner Kritik zur Probe vom Vortag. Ramona Böhme setzt sich auf ihren Platz in der ersten Reihe, putzt ihre Lesebrille mit dem Schal und setzt sie sich Lehrerinnenhaft vorn auf die Nase. „So, da kann es langsam anfangen“, sagt sie.

Eine Fanfare erklingt, und dann kommt ein verbaler Paukenschlag: „Lasst den romantischen Quark“, fordert der Sprecher im Prolog, „der Mensch ist nicht frei, er lebt im Geschäft, von Wölfen umstellt, von Hunden umkläfft.“ So fängt sie an, die Geschichte von Frank dem Fünften: eine Geschichte über kriminelle Machenschaften im Bankengeschäft, über Erpressung, Bilanzenfälschung, Versicherungsbetrug. Eine Geschichte über die Unvereinbarkeit von Kapital und Menschlichkeit.

„Genau richtig, dass das jetzt gespielt wird“, sagt Ramona Böhme. Vor ihr steht ein Pult mit Leselampe und dem aufgeschlagenen Textbuch. An manchen Stellen hat sie sich Notizen gemacht: „Gang Jost rüber“ – der Schauspieler wechselt die Bühnenseite. „Tempo machen“ – die Geschwindigkeit zieht an. „Achtung, Falle: Mario spielt so“ – an der Stelle wiederholt der Schauspieler die Frage „Was, was, was?“ Anfangs fühlte sich Ramona Böhme jedes Mal angesprochen.

An diesem Tag wird sie während der ersten halben Stunde erst einmal nicht zum Einflüstern gebraucht, es gilt also wohl, was ein Dramaturg einmal zu ihr gesagt hat: „Je weniger Texthänger es gibt, desto besser hat die Souffleuse zuvor gearbeitet.“ Dann der erste Einsatz: eine fast unmerkliche Pause, „Ich finde das ja unerhört“, souffliert Ramona Böhme, „Ich finde das ja unerhört“, sagt der Personalchef Richard Egli alias Mario Grünewald, beinahe synchron kommt der Satz aus beiden Mündern; die Souffleuse ist da gewesen, exakt im richtigen Moment.

Dürrenmatts Sprache ist eine leichte Übung für Ramona Böhme. Eine willkommene Abwechslung zu Shakespeares „King Lear“, den sie zurzeit auch souffliert. „Klassiker, die sind eine Konzentrationskiste“, sagt sie. Da sitzt sie bei der Arbeit mit gespannter Körperhaltung vorn auf der Stuhlkante. Nach einer solchen Probe ist sie meist erschöpft. Um 14 Uhr geht sie nach Hause, den Nachmittag über hat sie frei, macht Einkäufe, geht spazieren mit ihrem schwarzen Pudel. Ein Cappuccino um 17 Uhr, eine halbe Stunde die Füße hochlegen, 19 Uhr wieder Proben bis 22 Uhr.

Manchmal ertappt man Ramona Böhme dabei, wie sie über sich in der dritten Person spricht. Es hat etwas Charmant-Schelmisches; wenn sie von ihrem Sommer-Job auf der Felsenbühne Rathen erzählt, klingt das dann etwa so: „Da läuft die Souffleuse den Berg nach Rathen mit dem Textbuch im Rucksack, das sind komplett andere Arbeitsbedingungen.“ Dort im Freien kommt es auf eine kräftige Artikulation an. Klassisches Stimmtraining hat sie zwar nie gemacht, doch eine erfahrene Souffleuse gab ihr einmal den Tipp, zu Hause die Tageszeitung laut zu lesen. Das half.

Wenn an diesem Sonnabend die Premiere von „Frank der Fünfte“ auf die Bühne kommt, dann wird Ramona Böhme unsichtbar sein. Sie wird links neben der Bühne sitzen, vom Zuschauer aus gesehen, man wird ein Loch ins Bühnenbild gesägt haben, damit sie das Geschehen im Blick hat. Wenn sie nicht gebraucht wird, wird sie ihren Job am besten gemacht haben. In jedem Fall werden alle froh sein, dass sie da war. Für die Schauspieler ist sie immer auch seelisch-moralische Unterstützung. „Gut, dass Du da bist“, sagen sie.

Premiere von Dürrenmatts Groteske „Frank der Fünfte“: diesen Sonnabend, 19 Uhr, an den Landesbühnen in Radebeul. Weitere Aufführungen: 20. April, 19 Uhr, Radebeul; 30. April, 19.30 Uhr, Radebeul; 25. Mai, 18 Uhr, Schloss Großenhain; 8. Juni, 15 Uhr, Radebeul.