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Flughafenchef Mehdorn schließt weitere Korruptionsfälle nicht aus

Keine Sippenhaft: Viele Mitarbeiter Jochen Großmanns sollen weiterbeschäftigt werden.

Von Lars Radau

Johann Graf Lambsdorff wirkt fast etwas amüsiert. Das Vorgehen, findet der Volkswirtschaftler, der an der Universität Passau zum Schwerpunkt Korruption forscht und lehrt, wirke „beinahe plump“. Wenn es stimme, dass das Schmiergeld über eine Firma des Verdächtigen fließen sollte, dann sei der ja „sofort identifizierbar“. Es gebe – insbesondere in der Baubranche – „weitaus raffiniertere Methoden“, sagte Lambsdorff der Berliner Zeitung.

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Hartmut Mehdorn, Chef des Berliner Hauptstadtflughafens BER
Hartmut Mehdorn, Chef des Berliner Hauptstadtflughafens BER © dpa

Diese Belustigung dürfte Jochen Großmann kaum teilen. Denn übereinstimmenden Medienberichten zufolge war es genau dieses Strickmuster, mit dem Gründer und Inhaber des Dresdner Ingenieurbüros Gicon versucht haben soll, für die Vergabe von Planungsleistungen am Berliner Großflughafen BER eine halbe Million Euro Schmiergeld einzustreichen. Seit Juni 2013 hat Großmann einen Beratervertrag am Flughafen. Der 56-Jährige soll bei der Vergabe von Planungsleistungen beraten, um die Entrauchungsanlage endlich funktionsfähig zu machen. Sie ist das Haupthindernis für den Start des Airports.

Der Verdacht der Staatsanwaltschaft Neuruppin, die für Korruptionsfälle in Brandenburg zuständig ist: Großmann hat dabei vor allem das Wohl der 13 Firmen seiner Unternehmensgruppe im Auge – und das von Firmen langjähriger Geschäftspartner. Ende November 2013 soll Großmann erstmals mit einem leitenden Mitarbeiter der Firma Arcadis mit Hauptsitz in den Niederlanden über einen Auftrag zur Umplanung der Entrauchungsanlage verhandelt haben. Bis Februar folgen weitere Treffen und Gespräche. Dabei soll Großmann der Firma geraten haben, insgesamt rund 500 000 Euro mehr zu verlangen – den Auftrag würden sie trotzdem bekommen. Großmann werde im Gegenzug ein Angebot seiner eigenen Firma an Arcadis über einen Dienstleistungsvertrag in genau dieser Höhe veranlassen. Im Februar bekommt Arcadis vom Flughafen den mutmaßlich vorher versprochenen Zuschlag. Umfang: knapp zwei Millionen Euro.

Als die interne Compliance-Abteilung von Arcadis Großmanns Angebot prüft, fällt die Unregelmäßigkeit auf. Der Grund ist einem Bericht des Focus' zufolge banal: Die Dienstleistung, die Großmann anbietet, braucht man gar nicht. Der Konzern meldet den Vorgang dem Flughafen, der wendet sich an die Staatsanwaltschaft Neuruppin. Das Ende vom Lied: Vor genau einer Woche stehen vier Staatsanwälte und 20 Mitarbeiter des Landeskriminalamts in Großmanns Büros in Dresden und Berlin – und vor seiner Dresdner Wohnung. Die Ermittler wissen genau, wonach sie suchen. Einen Tag später ist Großmann, der seit Mitte April als Technik-Chefplaner fest am Flughafen angestellt ist, offiziell beurlaubt.

Flughafenchef Hartmut Mehdorn hat angekündigt, alle Auftragsvergaben, an denen Großmann beteiligt war, überprüfen zu lassen. Denn mittlerweile mehren sich die Anzeichen, dass der Arcadis-Fall nicht der einzige gewesen sein könnte. Es geht wohl um vier oder fünf Vorgänge. „Wenn da noch was ist, werden wir das finden“, kündigte Mehdorn gestern nach einer Sondersitzung des Aufsichtsrates an.

Zugleich hoffen die Verantwortlichen, dass die Affäre das Projekt nicht noch weiter verzögert. „Ich sage mal vorsichtig: Eigentlich dürfte da nichts passieren. Aber lassen Sie uns das noch überprüfen“, sagte Mehdorn. Der Berliner Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) als Aufsichtsratschef sagte: „Damit verbunden ist die Hoffnung, dass sich hier ein zeitlicher Verzug nicht ergibt.“

Mehdorn sagte: „Wir sind betroffen, auch ein Stück weit enttäuscht und traurig, dass das, was Herr Großmann dem Flughafen angetan hat, passieren konnte.“ Großmanns 15 Mitarbeiter am Flughafen sind vorerst freigestellt. Mehdorn warnte aber vor Sippenhaft. „Wenn ein schwarzes Schaf so was macht, dann sind das nicht alle bei der Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg.“ Er will möglichst viele Mitarbeiter Großmanns weiterbeschäftigen und hält auch an dessen Plan fest, die Entrauchungsanlage im kritischen Bereich in mehrere Abschnitte aufzuteilen.

Die Brandschutzprobleme sind neben Baupfusch und Planungsfehlern der Hauptgrund dafür, dass der drittgrößte deutsche Flughafen seit zweieinhalb Jahren nicht in Betrieb gehen kann. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) forderte, ein externes Controlling zu Baufortschritt, Kosten und Terminen einzurichten. Externe Experten sollten dafür „direkt und ausschließlich“ an die Eigentümer Bund, Berlin und Brandenburg berichten, sagte gestern ein Ministeriumssprecher.

Auch Brandenburg forderte mehr externen Sachverstand. Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) betonte dabei die Kostenkontrolle. „Wir müssen mehr Klarheit über alle Vorgänge haben, um weitere Verzögerungen bei der Umsetzung des Projekts ausschließen zu können.“

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Beim Bund wächst die Unzufriedenheit. „Die Vorgänge am BER sind inakzeptabel“, sagte ein Dobrindt-Sprecher. Es scheine inzwischen jede Woche eine Nachricht zu kommen, bei der man denke: „Es geht nicht mehr schlimmer. Aber es geht immer noch schlimmer.“ Der Sprecher betonte, dass Mehdorn das Vertrauen der Gesellschafter habe. Es gelte nun alles zu tun, neue Mehrkosten zu vermeiden. (mit dpa)