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Fluss ohne Brücken

Einst verbanden 48 Brücken die Ufer der Neiße zwischen Bad Muskau und Zittau. Davon ist die Region heute weit entfernt.

Alte Schlepper auf neuer Brücke. Zu ihrem 8. Treffen der Traktorenfreunde unlängst in Klein Priebus rollen die Fahrzeuge über die Grenzbrücke zwischen Podrosche und Przewoz (Priebus). 1994 wurde die Autobrücke neu gebaut.
Alte Schlepper auf neuer Brücke. Zu ihrem 8. Treffen der Traktorenfreunde unlängst in Klein Priebus rollen die Fahrzeuge über die Grenzbrücke zwischen Podrosche und Przewoz (Priebus). 1994 wurde die Autobrücke neu gebaut. © Rolf Ullmann

Das Neißeland ist auch ein Brückenland, zumindest bis 1945 gewesen. Zwischen der Himmelsbrücke südlich von Zittau und der Englischen Brücke im Muskauer Park überspannten laut Wikipedia 46 mehr oder wenige große Brückenbauwerke die Neiße. Sie dienten der Flussquerung für Fußgänger, Herdenvieh, Fuhrwerke, Kraftfahrzeuge und Eisenbahnen nach Ost und West.

Nicht wenige von ihnen, besonders in Görlitz und südlich davon, wurden erst am letzten Kriegstag, am 7. Mai 1945, von deutschen Soldaten gesprengt, um den Vormarsch der Sowjetarmee zu verzögern. Heute sind rund 15 dieser Bauwerke wieder befahr- und begehbar. Jede Brücke hat ihre eigene Geschichte. Sie alle zu erzählen, würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen. Greifen wir uns vom Norden her die bedeutungsvollen Bauwerke über die Lausitzer Neiße heraus.

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Bad Muskau: Fürst-Pückler-Park braucht seine Verbindungen

Insgesamt fünf Brücken überspannen in der Parkstadt die Neiße. Sie waren alle im Krieg zerstört worden. Im Fürst-Pückler-Park sind das die Doppelbrücke und die Englische Brücke. Sie sind erst 2003 beziehungsweise 2011 als Neubauten wieder eröffnet worden. Wichtiger war, die Autobrücke als Grenzübergang und das Eisenbahnviadukt wieder aufzubauen. Die Bahnstrecke von Weißwasser ins polnische Lubsko (Sommerfeld) wurde Ende 2000 stillgelegt. Die Brücke fiel in ihren Dornröschenschlaf und erwachte erst 2015 als Überquerung für Wanderer und Radler wieder. Vom Badepark aus lässt sich auf ihr gut in den Zajazd Park in Łęknica (Lugknitz) wandern.

Zwischen Bad Muskau und Rothenburg: Zwei Autobrücken sind neu entstanden

In jedem Neißedorf nördlich von Rothenburg führte eine Brücke an das andere Ufer des Flusses. Zwischen Rothenburg und Sagar waren das acht Bauwerke. Alle sind gesprengt worden. Neu aufgebaut wurde einzig die Autobrücke zwischen Podrosche und Przewóz (Priebus). In den 1990er Jahren wurde sie ein zweites Mal zerstört und durch einen 1994 eröffneten Neubau ersetzt. Bis zur Jahrtausendwende war Przewóz der Anlaufpunkt für Einkauf- und Tanktouristen. Ein großer Polenmarkt in Blechhallen entstand am Ortsrand.

Der Sprengwut der Wehrmacht zum Opfer fiel auch die Eisenbahnüberquerung der Kleinbahn von Horka über Rothenburg nach Priebus. In der Nachwendezeit gab es wiederholt Aktivitäten, die Strecke wieder zu beleben. Aber bis heute blieb das ein Wunsch. Auch die Rothenburger haben den Wunsch nach einer Brücke über die Neiße nie ganz aufgegeben. Vor 1945 führte eine in das benachbarte Tormersdorf. Nach dem Krieg verschwand das zerstörte und jetzt polnische Prędocice von der Landkarte. Sichtbar ist nur noch die Allee, die von der Neiße ins Dorf führt – und seit 2003 ein Gedenkstein. Eine neue Brücke würde heute von Rothenburg aus nur in die waldreiche Natur führen.

Aufwind bekamen die Gedanken, die Dorfbrücken neu entstehen zu lassen, durch einen Kreistagsbeschluss im Juli 2006. Mit diesem sollten sechs Brücken zwischen dem Muskauer Park und Deschka wieder entstehen. Aber das Ganze war nur eine Willensbekundung, umsetzen sollten das allein die Kommunen an der Neiße. Und zwar bis 2013. Die einzige Brücke, die in dieser Zeit neu gebaut wurde, war die Grenzbrücke zwischen Krauschwitz und Łęknica (Lugk-nitz). 2009 ist mit dem Bau begonnen worden, im Dezember 2011 folgte die Einweihung. Die von polnischer Seite gebaute Straßenbrücke kostete 77 Millionen Złoty. Das sind heute rund 18 Millionen Euro.

Von Rothenburg nach Görlitz: Keine Brücke für den Fahrzeugverkehr

Während nördlich von Rothenburg der Autofahrer auf drei Brücken die Neiße überqueren kann, muss er südlich der Kleinstadt bis nach Ludwigsdorf (A 4) oder Görlitz fahren. In Nieder Bielau, Deschka und Zentendorf hat es vor dem Krieg befahrbare Brücken gegeben. Dazu ein Eisenbahnviadukt südlich von Zentendorf. Die eiserne Bahnbrücke wurde schnell wieder aufgebaut und eingleisig befahren. Erst mit dem Ausbau der Niederschlesischen Magistrale kamen eine neue Stahlbetonbrücke und das zweite Gleis samt Elektrifizierung. Bereits vorher, am 1. Juli 2007, konnte zwischen Deschka und Piensk (Penzig) eine von den Polen gebaute Fuß- und Radfahrerbrücke eingeweiht werden.

In den Folgejahren ist sie zu einem Zankapfel geworden, da sie auch von Kraftfahrzeugen passiert wird – berechtigt und illegal. Seit Jahren arbeiten polnische und deutsche Behörden daran, dieser Brücke eine für Autos folgen zu lassen. „Aber das Projekt steckt noch in den Kinderschuhen“, sagt der Bautzener Niederlassungsleiter des Lasuv, Andreas Biesold. Ein Grund ist die noch nicht festgelegte Variante. Sechs Vorschläge gibt es. Die Insulaner auf der Kulturinsel, heute Welt von Turisede, sind da pfiffiger gewesen. An der Stelle der Wutbrücke haben sie 2008 eine hölzerne Selbstbedienungsfähre installiert, die Jahre später durch einen Holzsteg ersetzt wurde.

Görlitz: Brückenschlag nach 60 Jahren in der Altstadt

Sieben Brücken verbanden Görlitz einst mit der „Ostvorstadt“, dem heutigen Zgorzelec. Geblieben sind zwei: Die schnell von den Russen nach dem Krieg wieder aufgebaute Stadtbrücke und die Altstadtbrücke. Nach eineinhalb Jahren Bauzeit wurde an der alten Stelle die neue Fußgängerbrücke im Oktober 2004 eingeweiht. Für viele ältere Görlitzer ist dieses Bauwerk ein Brückenschlag in die eigene Kindheit und für Touristen ein beliebtes Fotomotiv.

Zittau. Es bleibt ein Wunsch: Eine Brücke in drei Länder

Hagenwerder, Ostritz, Hirschfelde und Drausendorf. Früher alles Orte mit Neißebrücken. Geblieben davon sind die Autobrücke zwischen Hagenwerder und Radomierzyce (Radmeritz) und die Fußgängerbrücke zum auf polnischer Seite liegendem Bahnhof von Ostritz. Die Stadt hatte mal vier Brücken. Die am Kloster soll irgendwann mal wieder aufgebaut werden. So die Idee von Stadt und Kloster.

Von der Stadt Zittau aus lässt es sich gut nach Polen und Tschechien reisen. Sowohl über die Autobrücke in der Friedensstraße als auch in der Chopinstraße. 2013 kam die Straßenbrücke auf der B 178 dazu. Zudem überquert das Viadukt mit der Bahnlinie nach Liberec die Neiße in Zittau. Nur beim Prestigvorhaben „Dreiländerbrücke“ klemmt es. Mit einem Brückenschlag sollen Deutschland, Polen und Tschechien zu Fuß erreichbar sein. Doch auch dieses Jahr bleiben die Pläne im Schreibtisch. Es gibt keine Fördermittel für das europäische Gemeinschaftsprojekt. Zittaus Oberbürgermeister Thomas Zenker setzt auf die neue Förderperiode ab 2021, wie er erklärte.

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Die Fußgängerbrücke in Deschka wird auch von Fahrzeugen befahren. Das findet nicht jeder Anwohner richtig.
Die Fußgängerbrücke in Deschka wird auch von Fahrzeugen befahren. Das findet nicht jeder Anwohner richtig. © André Schulze
Mit der Altstadtbrücke haben 2004 die Görlitzer und ihre Gäste ein weiteres touristisches Juwel bekommen.
Mit der Altstadtbrücke haben 2004 die Görlitzer und ihre Gäste ein weiteres touristisches Juwel bekommen. © Nikolai Schmidt
Weiter Zukunftsmusik ist die Dreiländerbrücke in Zittau. Bisher fehlen die Fördergelder für ihre Umsetzung.
Weiter Zukunftsmusik ist die Dreiländerbrücke in Zittau. Bisher fehlen die Fördergelder für ihre Umsetzung. © Stadt Zittau

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