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Als die Flut über Görlitz kam

Vor zehn Jahren brach der Witka-Staudamm. Und machte das Hochwasser zur Katastrophe. Was hat sich seither getan?

Neiße-Hochwasser 2010 in Görlitz, 8.08.2010 7 Blick auf die Görlitzer Altstadt /// Foto: Nikolai Schmidt
Neiße-Hochwasser 2010 in Görlitz, 8.08.2010 7 Blick auf die Görlitzer Altstadt /// Foto: Nikolai Schmidt © Nikolai Schmidt

Der 7. August 2010 und die Zeit danach werden den Menschen in der Oberlausitz noch lange im Gedächtnis bleiben. Der Himmel hatte mit aller Vehemenz seine Schleusen geöffnet, Wassermassen überschwemmten die Region. Zu allem Überfluss hielt der Damm des Witka-Stausees dem Druck nicht stand, eine Flutwelle ergoss sich über die Gebiete entlang der Neiße. Die SZ erinnert an die damaligen Ereignisse und beantwortet die Frage, was sich seither im Katastrophenschutz verändert hat.

Wie brach die Flut über die Region herein?

Uwe Restetzki kann sich an die dramatischen Stunden rund um den 7. August noch ganz genau erinnern. "Der Tag fing eigentlich ziemlich unspektakulär an. Wir bekamen morgens eine Hochwasserwarnung und riefen dann bei den Eigentümern der gefährdeten Objekte an", erzählt der Leiter der Görlitzer Berufsfeuerwehr. Die starken Regenfälle gingen unvermindert weiter.

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"Nachmittags hieß es dann schon, dass es mehr werden könnte als 1981." Damals hatte der Wasserstand der Neiße 6,78 Meter betragen. Als gegen 18 Uhr der Witka-Staudamm nachgab und sich die Flutwelle mit ihren fünf Millionen Kubikmetern Staubeckeninhalt in die Neiße ergoss, nahm das Unglück erst richtig seinen Lauf. Der Pegel stieg auf sieben Meter.

Wie war der Katastrophenschutz 2010 aufgestellt?

Im Rückblick war die schlecht funktionierende Kommunikation unter den Beteiligten ein wesentlicher Kritikpunkt aus Sicht des Kreises. Die örtlichen Leitstellen seien überlastet, der Austausch per Handy wegen der schlechten Mobilfunkabdeckung nur eingeschränkt möglich gewesen, erklärt Sprecherin Julia Bjar. Zudem war es schwierig, Informationen über den Fortgang der Hochwasserlage - auch grenzüberschreitend - zu bekommen. Nach Berechnungen des Landkreises gab es allein an der kommunalen Infrastruktur Schäden in Höhe von über 110 Millionen Euro. Hinzu kommen noch private Schäden und solche an Infrastruktur in anderer Trägerschaft.

Wie beurteilt der Kreis die Situation nach zehn Jahren?

Wichtigste Veränderung: Der Informationsaustausch hat sich stark verbessert. So ist eine internetbasierte Kommunikationsplattform entstanden, auf die die Landkreise Görlitz, Zgorzelec und Liberec Zugriff haben. Außerdem gibt es die Warn-App "BiwApp", die der Information der Bevölkerung dient. Gelobt wird zudem die neue Form der Frühwarnung des Landeshochwasserzentrums, die über das Internet und die App "Meine Pegel" erfolgt. Auch in Personal und Technik wurde investiert.

So bekam die Einsatzleitung des Kreises separate Fahrzeuge und Kommunikationstechnik zur Verfügung gestellt. Zudem wurden in der für Ostsachsen zuständigen Leitstelle in Hoyerswerda zur Informationsgewinnung und Lageübersicht zwei zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen. Investitionen gab es auch in die Wiederherstellung der Infrastruktur: Gewässer zweiter Ordnung wurden mit mehr als 33 Millionen Euro auf Vordermann gebracht. In den Neubau zerstörter Straßen und Brücken flossen 25 Millionen Euro. Mit rund 16 Millionen Euro wurden Kläranlagen und Kanäle repariert.

Was hat der Freistaat seit 2010 unternommen?

Laut Innenministerium hat der Freistaat seit 2011 mehr als 40 Millionen Euro in die Ausstattung der landeseigenen Katastrophenschutzeinheiten investiert. Der Landkreis Görlitz konnte zum Beispiel mit fünf Tanklöschfahrzeugen, sechs Krankentransportwagen und weiterer Ausrüstung davon profitieren. Auch in die Wiederherstellung baulicher Anlagen habe der Freistaat viel Geld gesteckt, erklärt Sprecher Jan Meinel. Rund vier Millionen Euro flossen in den Kreis. Eines der Projekte war der Ersatzneubau des Feuerwehrgerätehauses Hagenwerder. Die Landestalsperrenverwaltung (LTV) hat neben dem Bau und der Verstärkung von Deichen - zum Beispiel im Bereich des Martinshofes in Rothenburg - auch drei marode, nicht mehr gebrauchte Neißebrücken in Zittau, Drausendorf und Hirschfelde entfernt, um den Wasserdurchfluss zu verbessern. In Hagenwerder entstand ein Lager, in dem rund eine Million Sandsäcke und Schutzvliese auf ihren Einsatz warten. Auch beim Informationsfluss hat sich viel getan.

Das Pegelnetz wurde deutlich verdichtet, sämtliche Neißepegel sind jetzt auf dem neuesten Stand. Überdies wurde an der Brücke in Hagenwerder ein zusätzlicher Messpunkt eingerichtet, der unmittelbar auf die Zuflüsse aus dem Witka-Stausee reagiert. Zudem ist die Datenbasis für Warnmeldungen inzwischen breiter aufgestellt. Hier fließen neben den Pegelständen und Informationen des Wetterdienstes  nun auch Daten der polnischen und tschechischen Behörden sowie von privaten Wetterdiensten sowie dem agrarmeteorologischen Messnetz ein. Die Zahlen aus den Nachbarländern werden aller zehn Minuten in das Hochwassersystem des Freistaates eingespeist und auf der Homepage des Landeshochwasserzentrums mit veröffentlicht.

Wie steht es um den weißen Katastrophenschutz?

Schon seit Jahren kritisiert Markus Kremser von der Bereitschaftsleitung des DRK im Kreis die stiefmütterliche Behandlung der Bereitschaftszüge und Rettungsdienste. Zwar habe es Investitionen in die Technik gegeben, die stehe aber in maroden Gebäuden. In die zu investieren, weigere sich der Freistaat, so Kremser. Und vermutet, dass Vereine, die hoheitliche Aufgaben im Ehrenamt erfüllen, nicht genug wertgeschätzt und unterstützt werden.

Das Geld, das in die Landkreise gehe, komme vor Ort einfach nicht an. Laut Ministeriumssprecher Meinel gibt es rückwirkend seit Januar 2019 doppelt so viele Zuwendungen für Unterbringung und Unterhaltung der Fahrzeuge. Zudem seien investive Zuschüsse aufgestockt worden. Schließlich würden die Landkreise bei der baulichen Ertüchtigung entsprechender Immobilien unterstützt. Diese Leistungen müssten jedoch direkt den Hilfsorganisationen zugutekommen, fordert Kremser. Denn an der Neiße sei deren Technik nur in Einzelfällen in Gebäuden des Kreises untergebracht.

Welche Dinge muss der Kreis noch anpacken?

Der Kreis sieht neben technischen und baulichen Erfordernissen vor allem das Sensibilisieren der Menschen als wesentlichen Punkt an. Der Hochwasserschutz müsse bereits am Ort des Entstehens verbessert werden. "Jeder muss sich bewusst sein, dass eine Versiegelung von Flächen zu einer Verschärfung der Gefahr beiträgt", so Sprecherin Julia Bjar. Technische Anlagen hätten bei extremen Wetterlagen nur eine begrenzte Wirksamkeit. Trotzdem seien sie natürlich notwendig.

So müssten weiterhin Gewässerprofile aufgeweitet und Ufermauern rückgebaut werden. Zudem würden Rückhaltebecken für mehr Stauraum sorgen. Hierbei erhofft sich der Kreis vom Freistaat eine stärkere Unterstützung, um die notwendigen Eigenmittel solcher Baumaßnahmen aufbringen zu können. Wichtig sei zudem die ständige Aktualisierung der Hochwasseralarm- und Einsatzpläne in den gefährdeten Kommunen. "Insgesamt aber", sagt Julia Bjar, "sieht sich der Landkreis im Vergleich zu 2010 besser vorbereitet."

Was unternimmt Görlitz für den Hochwasserschutz?

Die Neißestadt ist dabei, eine mobile Hochwasserschutzwand zu beschaffen. Das Verfahren läuft, im September soll der Auftrag vergeben werden. "Uns bringt es nichts, stationär zu denken, wie man das beispielsweise im Kloster St. Marienthal tut", erklärt Feuerwehrchef Restetzki. "Wir müssen dort aktiv werden, wo es die jeweilige Situation erfordert. An bisherigen Schwachstellen wie in der Uferstraße, in Weinhübel oder Ludwigsdorf."

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Zur Wahl stehen verschiedene Varianten. So gibt es zum Beispiel Schläuche  mit großen Durchmessern, die im Katastrophenfall an der Einsatzstelle mit Wasser gefüllt werden und dann die gewünschte Barriere bilden. Oder ein Palettensystem, das in sich verbunden ist. "Wir wollen Material, Zeit und Personal beim Aufbau dieser Schutzwand auf ein Minimum reduzieren", nennt Uwe Restetzki das entscheidende Kriterium. Die Stadt Görlitz setzt dafür 200.000 Euro ein.

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