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Was die Neißeflut in Görlitz verändert hat

Große Teile der Stadt blieben 2010 unversehrt. Doch die Anwohner am Ufer traf es hart. Sie haben ihre Lehren gezogen.

Flut Hotherstraße Görlitz

Noch Tage nach der Flut im August 2010 war die Hotherstraße eine Schlammpiste. Anwohner räumten das, was nicht mehr zu retten war, auf die Straße.
Flut Hotherstraße Görlitz Noch Tage nach der Flut im August 2010 war die Hotherstraße eine Schlammpiste. Anwohner räumten das, was nicht mehr zu retten war, auf die Straße. © SZ-Archiv / Ines Eifler

Jörg Daubner arbeitete im August 2010 in Berlin, als er im Deutschlandfunk die Katastrophenwarnung für Görlitz hörte. Der damals 24-Jährige rief seine Mutter an, die zu jener Zeit die Inhaberin der Görlitzer Obermühle war. „Nein, hier ist nichts“, konnte sie ihren Sohn beruhigen. Sie ahnte nicht, dass ihr Restaurant gleich überflutet werden würde. „Erst eine Stunde vor der großen Welle hat sie dank des damaligen Landtagsabgeordneten Volker Bandmann erfahren, dass da etwas kommt“, berichtet der Sohn, der die Obermühle inzwischen leitet. Seine Mutter habe daraufhin als Erstes die Ruderboote höher angebunden.

Die Obermühle und die Neißeinsel standen am 7. August 2010 im Wasser des Flusses.
Die Obermühle und die Neißeinsel standen am 7. August 2010 im Wasser des Flusses. © Archivfoto: privat

Was sie nicht verhindern konnte: Gastraum, Terrasse, Nebengelasse und Keller wurden an jenem 7. August 2010, als der Staudamm der Witka in Polen gebrochen war, überflutet. Der Schaden lag bei 250.000 bis 300.000 Euro. Glück im Unglück: Die Brauerei der Obermühle sowie der Hotelbetrieb waren nicht betroffen: So hoch stieg das Wasser nicht.

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Und auch sonst blieb in Görlitz vieles unversehrt. Die meisten Stadtteile liegen weitaus höher und damit flutsicher. Schlimm traf das Hochwasser vor allem Hother- und Uferstraße, Hochschule, Obermühle sowie Teile von Weinhübel, Hagenwerder, Ludwigsdorf und Ober-Neundorf. Heftig war es in Altweinhübel. Dort war das mittlerweile verstorbene Ehepaar Elfriede und Helmut Geisler bestens vorbereitet. „Wenn man hier unten an der Neiße lebt, muss man mit Hochwasser rechnen“, sagte damals der 77-jährige Hausherr, der seit seiner Kindheit in dem Altweinhübler Haus wohnte und schon mehrere Überschwemmungen miterlebt hatte. 

Schaulustige blicken sich am 8. August 2010 auf der überschwemmten Hotherstraße um.
Schaulustige blicken sich am 8. August 2010 auf der überschwemmten Hotherstraße um. © Archivfoto: Anja Hecking

Das Gebäude In der Aue 3 ist das wahrscheinlich am niedrigsten gelegene bewohnte Haus von ganz Weinhübel. 1958 und 1981 wurde das Erdgeschoss brusthoch überflutet. Also hatten die Geislers ihre wichtigsten Zimmer ins Obergeschoss verlegt, Türen und Fenster aus Plastik eingebaut, dazu eine verzinkte Innentreppe. Allein: Genutzt haben die Vorkehrungen nicht viel. Das Wasser kam einen Meter höher als bei den anderen beiden Überschwemmungen. Sogar die Decke zwischen Parterre und Obergeschoss hat es komplett durchweicht.

In der Altstadt war Bernd Thiedig damals gerade dabei, die Häuser Hotherstraße 3 bis 7 sowie 37 bis 39 zu sanieren. Ein Teil war schon fertig und bewohnt, ein Teil noch in Arbeit. Gerade in den Parterrewohnungen der sanierten Häuser war der Schaden enorm. Thiedig zog daraufhin seine Lehren. „Wir haben nachher überall Schotten eingebaut, die wir binnen zwei Stunden in allen Gebäuden einsetzen können“, sagt Thiedig heute. Das betreffe nicht nur die Hotherstraße, sondern auch die Gebäude auf der Neißeinsel, die ihm ebenfalls gehören. Zudem laufen überall Pumpen an, wenn das Wasser von unten kommt. Später setzt von oben eine weitere Pumpe ein. „Außerdem haben wir die Heizung auf zwei Meter Höhe gesetzt und eine Notstromversorgung installiert“, sagt Thiedig.

Hochwasser-Test 2012 in der Hotherstraße: Bauleiter Matthias Strohbach betrachtet die Schotten.
Hochwasser-Test 2012 in der Hotherstraße: Bauleiter Matthias Strohbach betrachtet die Schotten. © Archivfoto: Pawel Sosnowski

Die Zukunft sieht er entspannt: „Ich rechne nicht damit, dass der Witka-Staudamm erneut bricht.“ Er ist selbst hingefahren, um sich von dem neuen Bauwerk ein Bild zu machen. Thiedigs Schotten sind höher als für ein normales hundertjähriges Hochwasser nötig. Einmal pro Jahr gibt es bei ihm jetzt eine Hochwasser-Übung, bei der die Pumpen angelassen werden und das Notstromaggregat überprüft wird. Zudem achtet er persönlich darauf, dass die Schotten da stehen, wo sie hingehören – und nicht immer weiter hinten landen und mit anderen Dingen zugestellt werden.

Auch Gerda und Ludwig Stalf, zwei von Thiedigs Nachbarn in der Hotherstraße, beobachten die Entwicklungen der Neiße mit Sorge und Aufmerksamkeit. Erst diese Woche haben sie sich an das Landratsamt gewandt. Unter anderem schreiben sie: „Durch die hohen Sedimentansammlungen seit 2010, die nicht entfernt werden, verengt sich das Flussbett erheblich und der Wasserspiegel liegt um einiges höher als vor den Hochwässern.“ Unzufrieden sind sie zudem mit dem Wassermanagement an der Witka: „Bei jedem Starkregen sehen sich die Verantwortlichen für den Witka-Staudamm genötigt, zusätzlich zu dem schon vorhandenen Wasseraufkommen Wasser abzulassen.“

Das Landratsamt will die vom Ehepaar Stalf geschilderten Sachverhalte in der Neiße jetzt prüfen, teilt Sprecherin Julia Bjar der SZ mit. Zur Witka hingegen erklärt sie, dass es sich beim Staudamm um eine Anlage zur Brauchwasserversorgung des Kraftwerks Turow handelt, nicht um eine Hochwasserschutzanlage. Es gebe einen Informationsaustausch zwischen der polnischen und der deutschen Seite, unter anderem bei Hochwasser. „Ein direkter Einfluss auf die Bewirtschaftung der Talsperre in Polen ist dem Landratsamt Görlitz aber nicht möglich“, sagt Julia Bjar.

So schlimm sah es im Gastraum der Obermühle aus, als das Wasser endlich zurückgegangen war.
So schlimm sah es im Gastraum der Obermühle aus, als das Wasser endlich zurückgegangen war. © Archivfoto: Ines Eifler

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Jörg Daubner glaubt, dass er sich nicht hundertprozentig schützen kann. Auch er hat einiges unternommen, hat im Gastraum ein Fenster mit stärkerem Rahmen eingebaut, zudem Schotten vor dem Fenster. Außerdem hat die Obermühle eine neue Hochwasserversicherung. „Aber am Ende ist Demut wichtig“, sagt er. Wasser gehöre zu den Elementen, die der Mensch nicht bestimmen kann: „Naturgewalten sind größer als wir und unsere Pläne.“ Aber für „normale“ Hochwasser, wie sie etwa alle 30 Jahre kommen, sei die Mühle gebaut: „Da fließt das Wasser rein und auch wieder raus, ohne dass größere Schäden entstehen.“ Und worüber sich Jörg Daubner besonders freut: Bis November wird der Kredit von 2010 abgezahlt sein. Wegen Corona hat er aber seit diesem Jahr einen Neuen ...

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