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Flutgefahr durch alte Eisenbahnbrücke

Als 2002 die Seidewitz anschwoll, wurde sie am Fundament gestaut. Doch beim Land sieht man keine akute Gefahr.

Von Alexander Müller

Klaus Hensel weiß, wovon er spricht. Seit etwa 60 Jahren lebt er in Pirna in unmittelbarer Nähe der beiden Flüsse Gottleuba und Seidewitz. Als ehemaliger Sprecher der Stadtverwaltung und noch immer aktiver Wanderwegewart kennt er zudem die Topografie und die Geschehnisse in der Stadt der vergangenen Jahrzehnte in jedem Detail. „Nach dem Hochwasser von 2002 hat sich zwar der Gesamtzustand der beiden Flussläufe innerhalb des Stadtgebiets durch die Beseitigung von Anschwemmungen und starkem Bewuchs sichtlich verbessert. Aber die baulichen Hindernisse, an denen die beiden Flüsse durch Rückstau über die Ufer traten, sind unverändert vorhanden.“ Er meint bei der Gottleuba die Straßenbrücke Mühlenstraße-Kohlmühle und bei der Seidewitz die ehemalige Eisenbahnbrücke am früheren Südbahnhof.

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Bei der Brücke über die Seidewitz sei insbesondere das Fundament ein gravierendes Abflusshindernis. 2002 hatte sich Treibgut in den Stahlträgern und im Geländer verfangen. „Das Wasser der Seidewitz trat deshalb an dieser Stelle in einer Höhe von mehr als einem halben Meter rechts und links über die Ufer“, berichtet Klaus Hensel. Da die alte Eisenbahnbrücke stillgelegt ist, sollte sie abgerissen, die Flussregulierung endlich abgeschlossen und eine höher gelegene Fußgänger-/Radwegbrücke errichtet werden.

Klaus Hensel hat diese Informationen und Vorschläge an die Landestalsperrenverwaltung gegeben, die seiner Ansicht nach dafür zuständig ist. Die bestätigt das in einer Antwort auch zum Teil und erklärt, dass im Bereich der Kohlmühle tatsächlich der Abriss eines Wehrs geplant sei.

Bei der Seidewitz sei das schwieriger. Die Brücke befinde sich im Eigentum der Deutschen Bahn AG. Auch hier gebe es Pläne, die sich aber vor allem auf den gewünschten Damm im Seidewitztal beziehen, dessen Realisierung aber noch sehr lange dauern könne. Im Moment kommen die Planungen für das Bauwerk zwischen Liebstadt und Pirna nicht voran.

Klaus Hensel kann dieses Zögern in Hinsicht auf die Eisenbahnbrücke nicht verstehen. „Wäre es nicht eine vertrauensbildende Maßnahme seitens der Landestalsperrenverwaltung, ja des Umweltministeriums, den Abriss der seit etwa 40 Jahren bestehenden Gefahrenstelle – der nicht mehr benötigten Eisenbahnbrücke – und den Ausbau von etwa 50 Metern Flusslauf als Lückenschluss kurzfristig anzugehen?“ 2002 seien an dieser Stelle zahlreiche Wohngrundstücke, die Kleingartenanlage, ein Supermarkt, das jetzige Gebäude der Musikschule und das Seniorenzentrum Sächsische Schweiz geschädigt worden. „Es besteht also ein hohes Gefährdungspotenzial.“ Doch er bekommt wieder nur eine hinhaltende Antwort von der Landestalsperrenverwaltung. Die zieht sich erneut auf schwierige Zuständigkeiten und Eigentumsverhältnisse zurück.

Klaus Hensel wendet sich deshalb an deren Vorgesetzten, den Umweltminister. Das Ministerium müsse doch die Beseitigung von Hochwassergefahren an vorderster Stelle auf der Agenda haben und private Eigentümer zur Beseitigung nicht mehr benötigter Brücken auffordern oder so etwas gegebenenfalls selbst vornehmen können. Auf die Bahn oder das Eisenbahnbundesamt zu warten, sei illusorisch. „Auf der Trasse wachsen schon stattliche Bäume.“

Sachsens Umweltminister Frank Kupfer (CDU) antwortet dann immerhin persönlich, doch ebenfalls völlig unverbindlich. „Eine Verbesserung wird sich nur schrittweise und langfristig herbeiführen lassen.“ Auch der Abriss der Brücke sei grundsätzlich möglich, allerdings nicht schnell. Und wenn, dann auch erst, wenn sie entwidmet worden sei.

Enttäuscht vom Umweltminister

Das nun bringt selbst den sonst als ausgeglichen und konstruktiv bekannten Klaus Hensel in Rage. „Es bedurfte zweier Telefonate, und ich hatte die Bestätigung, dass die beiden ehemaligen Eisenbahntrassen Pirna–Gottleuba und Pirna–Großcotta seit 2000 entwidmet sind.“ Seit 14 Jahren bestünde also Handlungsmöglichkeit für die Verantwortlichen an allen betroffenen Eisenbahnbrücken. „Als Bürger frage ich mich schon, wollten Sie oder Ihre Mitarbeiter mich hinters Licht führen oder wussten Sie es wirklich nicht besser?“, fragt er den Umweltminister. Beide Möglichkeiten seien gleichermaßen inakzeptabel.

Klaus Hensel bekommt darauf noch einmal Antwort von Umweltminister Frank Kupfer. Der schreibt nun, dass die Brücke gar kein Gefahrenschwerpunkt sei und man deshalb auch nicht habe prüfen müssen, ob sie schon entwidmet wurde. Das ändere auch gar nichts. „Selbst wenn diese Voraussetzung bereits gegeben ist.“

Klaus Hensel ist angesichts dieser bürokratischen Hinhaltetaktik fassungslos. „Die nächste Flut kommt bestimmt“, erklärt er und zeigt sich auch persönlich enttäuscht vom Umweltminister.

Auf dessen Internetpräsentation habe er die Zeilen von Albert Schweitzer gefunden, über die er sich einst sehr gefreut habe: „Keine Zukunft vermag gutzumachen, was du in der Gegenwart versäumst.“ Vielleicht sollte der Minister mal wieder auf seine eigene Homepage schauen.