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Sie rettet Lebensmittel vor der Tonne

Eine Bautzenerin möchte verhindern, dass Essen weggeworfen wird. Jeder kann von ihrer Initiative profitieren.

Christin Wegner zog erst vor wenigen Wochen aus Köln nach Bautzen zurück. Die Umweltschützerin will jetzt unverkäufliche Lebensmittel vor der Tonne retten.
Christin Wegner zog erst vor wenigen Wochen aus Köln nach Bautzen zurück. Die Umweltschützerin will jetzt unverkäufliche Lebensmittel vor der Tonne retten. © Steffen Unger

Bautzen. Vieles an Christin Wegner ist ungewöhnlich: Erst vor wenigen Wochen zog die gebürtige Bautzenerin gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn aus ihrer Wahlheimat Köln zurück in die ostsächsische Kreisstadt. So ein Umzug ist, könnte man meinen, für eine Alleinerziehende schon aufwendig genug. Dennoch begann die 32-Jährige unmittelbar nach ihrer Rückkehr mit einer ehrenamtlichen Tätigkeit, die es hier bislang nicht gibt: Christin Wegner engagiert sich als Foodsaverin. So nennen sich Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Lebensmittel bei Einzelhändlern, Discountern und Restaurants abzuholen, um sie vor dem Wegwerfen zu retten.

Nach ihrer Motivation gefragt, muss Christin Wegner nicht lange überlegen: „Es ist ja alles Geld, was in der Tonne landet. Es tut mir in der Seele weh, wenn ich sehe, wie genießbare Lebensmittel in den Müll fliegen. So bin ich nicht erzogen worden“, sagt sie. Darüber hinaus wolle sie in Bezug auf den Umgang mit Lebensmitteln ein Vorbild für ihren kleinen Sohn sein: „Es ist ja auch seine Zukunft“, erklärt sie und erhofft sich außerdem, durch ihr Engagement in der neuen, alten Heimat schnell Kontakte zu knüpfen. „Ich will so schnell wie möglich wieder in Bautzen ankommen. Über den Foodsharing-Verein trifft man sehr schnell Gleichgesinnte, mit denen man dann auch direkt gemeinsame Anknüpfungspunkte hat.“

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Öffentliche Kühlschränke

Zu dem Verein, der sich hauptsächlich über seine Internetseite und soziale Medien organisiert, kam Wegner in Köln. Dort, erzählt sie, gebe es sehr viele Fairteiler. Das sind öffentlich zugängliche Kühlschränke und Regale, in denen die Resteretter Lebensmittel abliefern, die sie selbst nicht verbrauchen können. „Ich habe mich im Internet informiert, was es damit auf sich hat, habe mich online registriert und war dann länger nur als Abholerin tätig“, erinnert sie sich. Auf diese Weise hatte sie die Möglichkeit, kostenlos an oft qualitativ hochwertige Lebensmittel zu gelangen, die andernfalls in den Müll geflogen wären. Doch allein zur Selbstbereicherung engagieren sich die Essensretter nicht. Ihr Antrieb ist, alle Lebensmittel – also auch abgelaufene und unschöne Waren – zu verteilen, solange diese noch genießbar sind.

Damit konnte sich Christin Wegner identifizieren. Schnell reifte in ihr daher der Entschluss, nicht nur die Vorteile mitzunehmen, die das Projekt ihr bot. Über die Internetseite qualifizierte sie sich als Foodsaverin, wurde schließlich Betriebsverantwortliche. „Foodsaver dürfen Lebensmittel nicht nur untereinander verteilen und abholen, sondern sind berechtigt, unverbrauchte Lebensmittel auch bei teilnehmenden Betrieben einzusammeln. Betriebsverantwortliche wiederum sind Ansprechpartner für teilnehmende Unternehmen und dürfen aktiv auf neue Partner zugehen“, erklärt sie.

Was in vielen größeren deutschen Städten schon längst Usus ist, ist im Landkreis Bautzen noch weitestgehend unbekannt. Das merkt Christin Wegner auch bei ihren Bemühungen, lokale und regionale Unternehmen in Bischofswerda und Bautzen als Partner zu gewinnen. Fünf bis zehn Stunden Zeit investiert sie pro Woche in den Ausbau des Netzwerkes. Das geht, solange sich die Außendienstmitarbeiterin im öffentlichen Dienst noch in Elternzeit befindet. „Jetzt, wo ich diese Zeit noch habe, will ich sie auch nutzen. Sobald ein Netzwerk von Betrieben etabliert ist, wird der Aufwand auch geringer“, sagt sie.

Viel Überzeugungsarbeit notwendig

Bis das gelingt, wird Christin Wegner noch viel Überzeugungsarbeit leisten müssen, denn auf ihre Anfragen reagieren potenzielle Partner bislang noch verhalten. Häufig, sagt sie, fürchteten die Betriebe sich vor Gewinneinbußen, wenn sie unverkäufliche Lebensmittel kostenlos an ehrenamtliche Lebensmittelretter abgeben. Außerdem sei vielen der Unterschied zur wesentlich etablierteren Tafel nicht klar. „Wir nehmen nur die Lebensmittel mit, die die Tafeln nicht wollen. Wir wollen auch nicht betteln oder uns persönlich bereichern, sondern uns geht es ganz konkret um den Umweltschutz“, macht Wegner den Ansatz der Foodsaving-Community noch einmal klar. Deren Ziel sei es, irgendwann so viel Bewusstsein für das Verschwenden von Lebensmitteln zu schaffen, dass ihre Arbeit überflüssig wird.

Offene Türen rannte Christin Wegner damit beim Bautzener Innenstadtverein ein: „Wir kannten das Projekt schon aus anderen Städten und finden es immer gut, wenn jemand sich um Nachhaltigkeit bemüht“, sagt Citymanagerin Yvonne Tatzel. Für sie war es daher selbstverständlich, Christin Wegner bei der Suche nach einem geeigneten Fairteiler-Standort zu unterstützen.

Der war schnell gefunden: „In dem leerstehenden Ladengeschäft im Kornmarkthaus planen wir gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut ein neues Projekt. Dort wäre auch Platz für einen Fairteiler. Die Bedingung ist, dass sich jemand um die Hygiene kümmert“, so Tatzelt. Eine geringe Hürde für Wegner und ihre Mitstreiter. Sie hofft nun, dass die Stadt sich an den Kosten für einen entsprechenden Kühlschrank beteiligt. Etwa 700 Euro würden die Bautzener Lebensmittelretter benötigen, um das Projekt umzusetzen.

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Wer sich als Foodsaver oder Foodsharer engagieren will, ist am 21. März in die Grüne Ecke auf die Wendische Straße in Bautzen eingeladen. Um 10 Uhr informieren Christin Wegner und ihre Mitstreiter dort über das Projekt. Unternehmen, die sich für eine Zusammenarbeit interessieren, können sich außerdem jederzeit per E-Mail melden:
[email protected]

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