merken
PLUS Sachsen

Jetzt analysieren Forensiker den Raub im Grünen Gewölbe

Ein Wissenschaftler-Team aus Mittweida versucht zunächst, das Video aus dem Juwelenzimmer „technisch aufzuhübschen“.

Mittlerweile sind bei Polizei und Staatsanwaltschaft mehr als 500 Hinweise zum Juwelenraub ins Grüne Gewölbe eingegangen.
Mittlerweile sind bei Polizei und Staatsanwaltschaft mehr als 500 Hinweise zum Juwelenraub ins Grüne Gewölbe eingegangen. ©  dpa/Sebastian Kahnert

Am Dienstagvormittag ist es noch ein neuer Ermittlungsansatz der Sonderkommission Epaulette – am Nachmittag schon ist „Digital-Forensiker“ Dirk Labudde von der Fachhochschule Mittweida zu Besuch bei den Ermittlern in der Polizeidirektion Dresden. Der Professor und seine Mitarbeiter sind beauftragt, die Überwachungsvideos aus dem Grünen Gewölbe mit ihrer wissenschaftlichen Expertise auszuwerten.

Eine Woche nach dem Einbruch in Sachsens historische Schatzkammer haben die Ermittler die spektakuläre Tat am Montag vor Ort rekonstruiert. Zur selben Stunde, in der die Täter das Fenstergitter aufgetrennt und das schwere Erdgeschossfenster zerstört hatten, um in den Pretiosensaal zu steigen, kletterten nun Polizisten über die Grundstücksmauer des Residenzschlosses gegenüber der Schinkelwache. 

PPS Medical Fitness
Das Gesundheitszentrum für die ganze Familie
Das Gesundheitszentrum für die ganze Familie

Sie wollen mehr Fitness und Gesundheit in Ihr Leben bringen? Lernen Sie die vielen Gesundheitskurse und Angebote kennen und lassen Sie sich von den umfangreichen Angeboten von PPS Medical Fitness begeistern!

Gleichzeitig beobachteten Kollegen, was die Wachmänner in der Sicherheitszentrale des Schlosses davon mitbekommen konnten. „Wir versprechen uns davon, mehr Verständnis zu gewinnen, wie die genauen Abläufe waren“, sagt Oberstaatsanwalt Jürgen Schmidt, der Sprecher der Staatsanwaltschaft Dresden.

Rekonstruktionen am Tatort gehören zum kriminalistischen Alltag. Auch an den beiden anderen Tatorten, der Augustusbrücke und der Tiefgarage in der Kötzschenbroder Straße, waren zu dieser frühen Stunde wieder Polizisten unterwegs. Die erhofften Antworten beziehen sich auch auf das Sicherheitskonzept des Schlosses. Wie hat die Sicherheitstechnik gegriffen? Was lässt sich zur Funktionsweise sagen und was daraus ableiten? Interessant sei, was die Ergebnisse schließlich in Kombination mit anderen Beweismitteln, etwa Beobachtungen von Zeugen, ergeben, sagt Schmidt.

Dirk Labudde ist Professor für Forensik/Bioinformatik an der Fakultät Angewandte Computer- und Biowissenschaften. 
Dirk Labudde ist Professor für Forensik/Bioinformatik an der Fakultät Angewandte Computer- und Biowissenschaften.  © Martin Schutt/dpa

Er freut sich, dass die Bio-Forensiker aus Mittweida nun zunächst versuchen, das Überwachungsvideo aus dem Juwelenzimmer „technisch aufzuhübschen“, wie er es nennt. Erst wenn das gelungen sei, könne man in einem zweiten Schritt auch die Informationen auswerten, etwa um die Kleidung der Täter zu erkennen, körperliche Merkmale oder gar ihre Gesichter. 

Schmidt kennt die Wissenschaft von Dirk Labudde und seinen Kollegen vom Lehrstuhl für Digitale Forensik. „Die machen da eine klasse Arbeit“, sagt er. Dabei gehe es stets darum, technische Mittel zur Aufklärung von Verbrechen einzusetzen oder einen Tatablauf zu visualisieren – seien es nun Mordfälle, die schon viele Jahre zurückliegen, oder diesen nicht für möglich gehaltenen Juwelendiebstahl.

Labudde ist Professor für Forensik/Bioinformatik an der Fakultät Angewandte Computer- und Biowissenschaften. Auf die Frage nach seinem ersten Gedanken, als er die bekannte 30-sekündige Videosequenz gesehen hat, auf dem mehr oder weniger nur Schatten und der Schein von Taschenlampen in dem dunklen Juwelenzimmer zu erkennen sind, reagiert der Mann professionell. 

Es komme auf den Zweck an, den die Überwachungskamera erfüllen sollte, sagt er. Sollte nur so viel zu sehen sein, damit die Wachleute am Monitor erkennen, da findet ein Einbruch statt, damit sie die Polizei alarmieren. „Dafür ist die Qualität hinreichend“, sagt der 53-Jährige. „Im Nachhinein gibt es immer viele schlaue Leute.“

Begrenzungen in Sachen Videoqualität seien natürlich auch, zumal in Deutschland, Datenschutz und die Persönlichkeitsrechte. In vielen deutschen Museen sei die Qualität der Überwachungskameras auch nicht besser als im Grünen Gewölbe. Man müsse eben, abhängig vom Zweck, überlegen, „ob man eine höhere Qualität haben muss oder nicht“.

Aber, räumt Labudde ein: Aus den Videos mehr herauszuholen, „ist eine große Herausforderung“. Sollte sich die Qualität der Bilder tatsächlich technisch verbessern lassen, dann könnten sich neue Erkenntnisse herausarbeiten lassen, mit Mitteln der Mittweidaer Forensiker – z. B. Bewegungen von Verdächtigen, ihren Gang oder ihr typisches Verhalten. Im Idealfall ließe sich eine Struktur herausarbeiten – „neuronale Netze“. „Wir werden das eine oder andere ausprobieren“, sagt Labudde.

Weiterführende Artikel

Steimles Idee für das Grüne Gewölbe

Steimles Idee für das Grüne Gewölbe

Die gestohlenen Schmuckstücke müssen wieder her, sagt der Kabarettist. Der Fernsehturmfan macht deshalb einen überraschenden Vorschlag.

Der Polizist, der die Juwelendiebe jagt

Der Polizist, der die Juwelendiebe jagt

Kriminalrat Olaf Richter leitet die Soko Epaulette, die den Diebstahl im Grünen Gewölbe aufklären soll. Auch persönlich lässt ihn die Tat nicht kalt.

Grünes Gewölbe: Das wurde gestohlen

Grünes Gewölbe: Das wurde gestohlen

Erst nach der Spurensicherung konnten die Museums-Mitarbeiter das Grüne Gewölbe betreten. Nun konnten sie ermitteln, welche Stücke fehlen.

„Wir sind stolz, dass wir von der Polizei angerufen wurden, und wir werden uns die größte Mühe geben, das verspreche ich“, sagt der Wissenschaftler, der Physik und Medizin studiert hat. Er und seine Kollegen haben für verschiedene Strafverfahren als Sachverständige gearbeitet, darunter bekannte Fälle wie der Diebstahl der Goldmünze aus dem Bode-Museum in Berlin oder die Rocker-Schießerei in der Leipziger Eisenbahnstraße.

Mehr zum Thema Sachsen