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Mit Wumms zu neuen Jobs

Ministerpräsident Michael Kretschmer will mit Forschungsinstituten in Görlitz und Zittau Jobs schaffen. Wie das geht, sah er auch in einem Görlitzer Betrieb.

Michael Kretschmer beim Besuch des Maschinen- und Anlagenbauers SKAN in Görlitz. Im Hintergrund einer der modernen Isolatoren und die Videoleinwand, wo man sieht, wie Kretschmer virtuell hantiert.
Michael Kretschmer beim Besuch des Maschinen- und Anlagenbauers SKAN in Görlitz. Im Hintergrund einer der modernen Isolatoren und die Videoleinwand, wo man sieht, wie Kretschmer virtuell hantiert. © nikolaischmidt.de

Kaum versah er sich so recht, bekam Sachsens Ministerpräsident eine große schwarze Brille auf. "Unser latest Clou", wie der Mitarbeiter der Schweizer Skan AG ihm in Denglisch erläuterte, als  Michael Kretschmer am Donnerstag deren Görlitzer Standort im Stadtteil Hagenwerder besuchte.

Mit diesen Brillen können Mitarbeiter im Umgang mit neuen Reinraum-Isolatoren geschult werden, die die Skan Deutschland GmbH für große Pharmakunden baut. Sie sind in diesen Tagen nicht zuletzt wegen der Corona-Pandemie besonders gefragt: die Pharmaunternehmen rüsten jetzt bereits ihre Produktionslinien auf, um schnell den neuen Impfstoff herstellen zu können - um für den Zeitpunkt X gewappnet zu sein, wenn die verschiedenen Tests erfolgreich und für die Produktion zugelassen werden.

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Wer die Brille aufhat, sieht einen solchen Isolator vor sich und kann ihn mit Gegenständen oder Seren bestücken - aber nur in der virtuellen Welt. Tatsächlich greift Kretschmer in die Luft und auf einem Bildschirm kann man verfolgen, wie er dadurch einen virtuellen Gegenstand in den genauso virtuellen Isolator stellt. Der Gewinn für das Unternehmen: Die Schulungen können stattfinden, während die realen Isolatoren produzieren. Ein großer Effektivitätsgewinn für die Unternehmen.

Schweizer haben Vertrauen in Görlitzer Standort

Kretschmer gefällt das. Vor allem ist es absolut sicher. "Das ist ja leicht", kommentiert er seine Versuche, und "da kann ja nichts schiefgehen". Der Ministerpräsident hatte zuletzt vor 18 Monaten das Werk besichtigt, damals war das neue Verwaltungsgebäude noch im Bau, jetzt arbeiten dort Ingenieure, Planer und Einrichter. Standortleiter Mario Ludwig freut sich, dass die Skan AG in Görlitz nicht mehr nur verlängerte Werkbank ist, sondern für einige Produkte mittlerweile bis zur Auslieferung beim Kunden verantwortlich zeichnet. 

So steht Markus Boob in einer anderen Halle vor einem weiteren Isolator, der in der kommenden Woche vom amerikanischen Kunden abgenommen werden wird. Da eine Reise in Corona-Zeiten aber zu gefährlich ist, erfolgt die Abnahme über eine Videoschaltung. Dazu setzt sich Boob eine andere Brille auf, an der sowohl ein Mikro als auch eine kleine Kamera installiert sind, so dass er sich mit dem Kunden  jenseits des großen Teiches unterhalten kann und der auch alles sieht, was in der Halle in Hagenwerder steht. Anschließend wird die Anlage in die USA geflogen, wo die Service-Abteilung des Unternehmens das Produkt schließlich aufstellt.  

20 Millionen Euro Umsatz will Skan in Hagenwerder in diesem Jahr machen, 25 Millionen sollen es bereits nächstes Jahr sein. "Und wir haben jetzt schon Arbeit und Aufträge bis Mai und Juni nächsten Jahres", sagt Mario Ludwig.  Solche Erfolgsgeschichten, wo ein ausländischer Unternehmer klein beginnt, dann ausbaut, Vertrauen in die Akteure vor Ort gewinnt und sie schließlich mit mehr Verantwortung belohnt, hört Kretschmer gern, aber viel zu selten in Sachsen, räumt er ein. Und da sich auch vergleichsweise wenige Mittelständler in den vergangenen 30 Jahren zu Großunternehmen entwickelt haben, verfolgt er nun beim Strukturwandel wegen des Kohleausstiegs einen neuen Plan.

Plan für weiteres Forschungsinstitut in Görlitz

In dessen Mittelpunkt steht mehr Forschung, um gemeinsam mit Unternehmen neue Produkte zu entwickeln, deren Herstellung neue Arbeitsplätze  bringen. So suchen Firmen die Nähe zu hochkarätigen Forschungseinrichtungen. Bosch beispielsweise investiert deswegen jetzt in Dresden. 

Dafür aber muss der Staat in Vorleistung gehen. Und deswegen setzt Kretschmer auf den massiven Ausbau der Forschungslandschaft. Die Gründung des deutsch-polnischen Forschungsinstitutes Casus in Görlitz war ein Schritt, die Einrichtungen des Fraunhofer-Institutes in Zittau sowie des Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Cottbus und Zittau waren weitere. Auch der Forschungscampus bei Siemens zielt genau darauf.

Doch nun will Sachsens Regierungschef noch weitere Impulse setzen. So  gibt es Gespräche, ein weiteres Helmholtz-Institut nicht bei Dresden, sondern in Görlitz anzusiedeln. Es ist der Lausitz im Strukturwandel zugesichert worden. Kretschmer spricht sich ausdrücklich dafür aus, damit Strukturpolitik zu gestalten und es eben nicht im Umfeld der Landeshauptstadt aufzubauen. Als er das am Donnerstagabend vor Unternehmern der CDU-Mittelstandsvereinigung in einem Gasthof vor den Toren der Stadt Görlitz sagt, brandet spontan Beifall auf. Erste Gespräche gab es bereits in Görlitz, auch wenn alles noch sehr früh und der Erfolg auch noch nicht sicher ist.

Forschen Sachsen und Tschechien künftig in Zittau?

Ähnlich ambitioniert könnten die Pläne sein, die er am kommenden Freitag in Liberec besprechen will. Ihm schwebe vor, sagte er am Donnerstag, ähnlich wie das deutsch-polnische Casus-Institut in Zittau ein deutsch-tschechisches Forschungszentrum aufzubauen. Gelder aus dem Strukturwandel stehen zur Verfügung. 120 Millionen Euro fließen bis 2038 jedes Jahr in die Landkreise Görlitz und Bautzen. "Eine enorm große Summe", sagt Kretschmer und sorgt sich mittlerweile, dass es genügend große und zukunftsfähige Ideen gibt, die neue Arbeitsplätze bringen. "Es kann ja nicht sein, dass wir damit einen Spielplatz sanieren", sagt Kretschmer, "sondern Ziel muss es sein, dass neue Jobs entstehen".

So wie bei der Skan Deutschland GmbH in Hagenwerder. 170 Mitarbeiter sind es bereits, mit rund 200 rechnet Mario Ludwig Ende des Jahres. Auch wenn es nicht immer leicht ist, sie zu finden. Und bei der Stadt liegt jetzt schon der Antrag für den Bau weiterer Hallen, womit sich die Produktionsfläche verdoppeln würde. Nächstes Jahr, da ist sich Ludwig sicher, geht es mit dem Bau los.

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