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Forststudenten ziehen das Jagdmesser

Gut machst du das. Schön langsam. Pass auf, dass du nicht in die Bauchdecke schneidest.“ Der Ausbilder beobachtet jeden Handgriff, den der junge Mann mit der braunen Strickmütze tut. Es ist die erste Jagd, bei der Christoph Bartz dabei ist.

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Von Jörg Stock

Gut machst du das. Schön langsam. Pass auf, dass du nicht in die Bauchdecke schneidest.“ Der Ausbilder beobachtet jeden Handgriff, den der junge Mann mit der braunen Strickmütze tut. Es ist die erste Jagd, bei der Christoph Bartz dabei ist. Und es ist auch sein erstes Wildschwein, dem er an die Schwarte geht. Wer kein Blut sehen kann, sollte sich jetzt zum Glühweinkessel verdrücken.

Immer wenn sich das Jahr dem Ende neigt, bietet die Tharandter Fachrichtung Forstwissenschaften eine besondere Lehrveranstaltung an: die Lehrjagd. Etwa die Hälfte der Forststudenten erwirbt im Laufe der Ausbildung die Lizenz zum Jagen. Christoph Bartz wird nächstes Jahr seine Prüfung ablegen. Irgendwie gehört es zum Fach dazu, findet er. „Und außerdem erhöht der Jagdschein die Berufschancen.“

Fleisch muss sauber bleiben

Das sieht Wolfram Gläser, Chef des Forstbezirks, auch so. „Wer Förster werden will, muss dieses Handwerk beherrschen“, sagt er. Für die Übung stellte der Bezirkschef gestern den staatlichen Wald bei Grillenburg zur Verfügung. 50 Jäger legten sich auf die Lauer, darunter 15 Studenten. Auf die meisten Studiosi wartete indes der Job als Treiber: Sie stapften durchs Unterholz um Schwein und Reh vor die Gewehrläufe zu drängen.

Das einjährige Borstentier von Christoph Bartz fiel dieser Taktik zum Opfer. Nun muss sich der Student beim „Aufbrechen“ beweisen. Er hat inzwischen die Klinge gewechselt und öffnet die Bauchhöhle. Darunter kommen die Innereien ans Licht. „So, und jetzt greifst du rein und holst das alles raus“, sagt der Ausbilder. Die Kommilitonen stehen gespannt im Kreis herum und gucken was passiert.

Torsten Krüger guckt auch, geht in seiner knallroten Jacke zwischen den hantierenden Studenten umher. Der promovierte Forstwissenschaftler hat den jungen Leuten die Waidwerkstheorie im Hörsaal beigebracht, auch die Anatomie der Wildtiere, wo die Organe liegen, wozu sie dienen, wie man sie findet und wie man sie entfernt. „Ziel ist, dass das Wildbret dabei so sauber wie möglich bleibt“, sagt er.

Das heißt, möglichst nicht Magen- oder Darminhalt an das Fleisch gelangen lassen. Christoph Bartz ist von vornherein im Nachteil, denn die Kugel hat die Innereien seines Schweins perforiert. Mit einiger Kraftanstrengung und mit der Hilfe des Ausbilders gelingt es ihm schließlich, das Geschlinge loszumachen und aus dem Tier heraus auf den Waldboden zu ziehen.

Der Anblick scheint niemandem der Jagd-Eleven ins Schwimmen zu bringen. Wem das Waidwerk zu ungemütlich ist, der steigt meist schon bei der Theorie aus, sagt Dozent Krüger. „Da tritt schon mal der eine oder andere nach hinten weg, das ist normal.“ Tendenziell haben Leute, die vom Land kommen, weniger Berührungsängste als Städter, meint der Wissenschaftler.

Endlich hat Student Christoph Bartz sein Wildschwein fertig versorgt. Er trägt das Tier zum Reisigbett und ist ganz zufrieden mit seiner Premiere. „Es hat gepasst“, sagt er. Förster will der junge Mann trotzdem nicht unbedingt werden. „Ich glaube, man stellt sich das romantischer vor, als es ist.

Am Ende liegen sechs Wildschweine, ein Reh und ein Fuchs auf der Strecke. Forstbezirkschef Gläser hadert ein wenig: viel Wild gesichtet, wenig erlegt. Außerdem muss nach getroffenen Tieren gesucht werden. „Wir haben schlecht geschossen“, resümiert er. Das wäre ein Fall für Torsten Krüger, denn der ist auch Schießlehrer. Einige der Studenten, die heute noch als Fußtruppe dienten, wird er jedenfalls in wenigen Wochen wiedersehen – auf dem Schießstand.