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Baden und Chillen im Fränkischen Seenland

An sieben Seen ist eine perfekte Urlaubslandschaft entstanden. Ein Beispiel dafür, dass Tourismus im Einklang mit der Umwelt funktionieren kann.

Abendstimmung am Altmühlsee
Abendstimmung am Altmühlsee © Katrin Saft

Paul hat beim Überqueren der Straße nicht aufgepasst. Tot! Doch Paul, der Biber, lebt weiter. Ausgestopft auf einem Wagen begleitet er Martina Widuch auf ihren Führungen durchs Naturschutzgebiet. Widuch leitet die Umweltstation in Muhr am Altmühlsee. Der See ist einer von sieben künstlich geschaffenen Seen südlich von Nürnberg, die zusammen das Fränkische Seenland bilden. Anders als im Lausitzer Seenland deutet hier nichts mehr darauf hin, dass der Mensch hier gewaltig eingegriffen und eine großzügige Freizeit- und Urlaubslandschaft geschaffen hat. 

Vor fast auf den Tag genau 50 Jahren hat Bayerns Landtag grünes Licht dafür gegeben, Felder, Wiesen und Wälder wegzubaggern und zu fluten. „Anfangs waren wir Naturschützer dagegen“, erinnert sich Widuch. „Doch die frühzeitige Einbeziehung in die Planung zeigt heute, dass der gefundene Kompromiss aus Tourismus und Umweltschutz erstaunlich gut funktioniert."

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Martina Widuch, Leiterin der Umweltstation in Muhr am Altmühlsee, mit Biber Paul.
Martina Widuch, Leiterin der Umweltstation in Muhr am Altmühlsee, mit Biber Paul. © Katrin Saft

Auslöser für das gigantische Vorhaben war nicht etwa der Wunsch nach mehr Badefläche, sondern der nötige Wasserausgleich zwischen Donau- und Main-Gebiet. „Während der Alpenraum und das Donaugebiet über reichlich Wasser verfügen, litten die nordbayerischen Flüsse regelmäßig unter Wassermangel“, sagt Hans-Dieter Niederprüm, Chef des Tourismusverbands Fränkisches Seenland. 

Durch ein ausgeklügeltes Überleitungssystem werden heute aus den Flüssen Altmühl und Donau jährlich etwa 125 Millionen Kubikmeter Wasser in den neu geschaffenen Rothsee gepumpt, das in Trockenzeiten abgegeben werden kann. Führt die Altmühl Hochwasser, fließt es nun über den Altmühl- und Brombachsee ab.An den technischen Hintergrund erinnern heute nur noch Infotafeln. 20 Jahre nach Abschluss der 460 Millionen Euro teuren Bauarbeiten machen an den sieben Seen jährlich eine Million Menschen Urlaub. 

Denn sie finden hier eine perfekt auf ihre Freizeitbedürfnisse zugeschnittene Infrastruktur vor: insgesamt 20 Quadratkilometer Wasserfläche zum Baden, Segeln, Surfen, Tauchen, Angeln oder Stand-up-Paddeln. Fast 60 Kilometer Ufer mit Stränden, Spielplätzen, Kletterpark, Biergärten, Wohnmobil- und Campingplätzen. Dazu mehr als 100 Kilometer Wander- und Radwege rund um die Seen. Anders als zum Beispiel am Bodensee gibt es keine Privatgrundstücke am Wasser. „Alles ist öffentlich“, sagt Niederprüm.

Radeln direkt am Nuturschutzgebiet entlang.
Radeln direkt am Nuturschutzgebiet entlang. © Katrin Saft

Weil für die Seen viele Tiere und Pflanzen ihren Lebensraum verloren haben, einigten sich Umweltverbände und Landesregierung, dass großzügig neue Naturschutzgebiete geschaffen werden. Das eindrucksvollste ist die mit Aushub angelegte Vogelinsel im Altmühlsee, die mit mehr als 200 Hektar knapp die Hälfte des gesamten Sees einnimmt. Martina Widuch lädt hier zu Führungen ein – angesichts der Corona-Beschränkungen möglichst mit Voranmeldung. 

„Mehr als 300 Vogelarten können Sie hier beobachten“, sagt sie, „je nach Jahreszeit bei der Balz, mit ihrem Nachwuchs oder auf der Durchreise.“ Widuch drückt den Gästen ein frisch desinfiziertes Fernglas in die Hand und begleitet sie zum Aussichtsturm. Der Seeadler lässt sich heute nicht blicken. „Das hört man schon, wenn er kommt, weil dann alle Vögel urplötzlich auffliegen.“ Wer allein auf dem 1,5 Kilometer langen Insel-Lehrpfad spazieren will, erfährt auf Tafeln, dass der Haubentaucher bis zu 45 Sekunden unter Wasser bleiben kann, wann welcher Vogel brütet – oder dass ein ausgewachsener Biber im Jahr etwa zehn Bäume frisst. 

„Als hier 1987 die erste Biberspur entdeckt wurde, war das eine Sensation“, sagt Martina Widuch. „Heute leben etwa zehn Familien mit 50 Tieren am Altmühlsee.“ Und natürlich Paul, der vor allem Kinder begeistert.Jetzt in den Sommerferien sind die Quartiere im Fränkischen Seenland nahezu ausgebucht. „Das hat nicht nur etwas mit Corona zu tun, sondern war in der Hochsaison schon vorher so“, sagt Tourismuschef Hans-Dieter Niederprüm. Es gibt hier nur einige wenige 4-Sterne-Häuser. „Die meisten übernachten in Ferienwohnungen, kleinen Hotels und Pensionen.

Über 300 Vogelarten lassen sich vom Aussichtsturm der Vogelinsel beobachten.
Über 300 Vogelarten lassen sich vom Aussichtsturm der Vogelinsel beobachten. © Katrin Saft

Fast ein Drittel machen Wohnmobil- und Campingurlauber aus.“ Niederprüms Geheimtipp ist der zweitkleinste See, der Hahnenkammsee. Dort sei es nicht ganz so voll.Der Tourismusverband hat in den letzten 30 Jahren vor allem mit den vielfältigen Wassersportmöglichkeiten im Seenland geworben. „Jetzt laden wir dazu ein, auch die fränkischen Städtchen und Dörfer in der Region zu entdecken mit ihren schönen Fachwerkhäusern, Kirchen und Gärten."

Wer zum Beispiel hat schonmal davon gehört, dass die Geschichte von Gunzenhausen im Zentrum des Seenlands bis in die Römerzeit zurückreicht?Heute darf sich die 16.500-Einwohner-Stadt staatlich anerkannter Erholungsort nennen. Sie ist nicht nur das Tor zum Altmühltal, sondern auch Ausgangspunkt für mehr als 800 Kilometer markierte Rad- und Wanderwege. „Die meisten Radfahrer sind hier leider durchgerauscht, weil die großen Radwege fast alle in Nord-Süd-Richtung verlaufen, die Seen aber von West nach Ost ausgerichtet sind“, sagt Tourismuschef Niederprüm. 

Das sei Anlass für ihn gewesen, eine neue Route zu kreieren – den Fränkischen Wasserradweg. Die Gesamtrunde von 460 Kilometern führt von Gunzenhausen aus bis nach Rothenburg ob der Tauber im Westen und Neumarkt in der Oberpfalz und Beilngries im Osten. Dank einer Zwischenverbindung lässt sich auch in drei Teilabschnitten radeln, für die man jeweils zwei bis drei Tage braucht.Jessica Pitterle ist vom Tourismusverband eigens damit beauftragt, den Radweg zu betreuen. 

„Ich fahre ihn zweimal im Jahr ab und prüfe, ob zum Beispiel die Beschilderung oder die Wegebeschaffenheit in Ordnung sind“, sagt sie. Angesichts immer mehr E-Biker gibt es entlang der Strecke viele Lademöglichkeiten. Und wer dem Schild „Regionalbuffet“ an Gasthäusern oder Hotels folgt, geht sicher, dass er typische fränkische Küche aus saisonalen, handwerklich hergestellten Produkten bekommt. Schäufele zum Beispiel, geschmorte Schweineschulter mit Schwarte.

Vom Restaurant Strandblick in Gunzenhausen-Schlungendorf bietet sich ein spektakulären Blick auf die im Altmühlsee untergehende Sonne. Die Gäste staunen. Auch über das Blesshuhn, das mit seinen Küken im Wasser schwimmt. Mensch und Natur in wohltuendem Einklang.

Viele Gaststätten im Seenland bieten Stromladestationen an. Das Regionalzeichen steht für heimische gute Küche.
Viele Gaststätten im Seenland bieten Stromladestationen an. Das Regionalzeichen steht für heimische gute Küche. © Katrin Saft

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