SZ +
Merken

Fragezeichen über Bautzen II

Kritik. Immer mehr Schüler besuchen die Gedenkstätte. Doch die Bildungsarbeit wackelt, warnt die Leiterin.

Teilen
Folgen

Von Ulli Schönbach

Zum Unterricht in die Zelle? Das klingt drastisch, doch wer jungen Menschen vermitteln will, was die Häftlinge im Stasi-Gefängnis von Bautzen erlebten, muss auch ungewöhnliche Wege gehen. Kleine Forschungs-Aufgaben nicht am bequemen Tisch, sondern auf dem harten Boden der Hafträume zu lösen, ist da nur eine von vielen Möglichkeiten.

Fünf verschiedene Schülerprojekte bietet die Gedenkstätte Bautzen an. Anhand von Einzelschicksalen erfahren die Schüler mehr über die Haft zur Zeit des Nationalsozialismus, über das sowjetische Speziallager oder die Wendezeit.

„Dieses Angebot wird von den Schulen immer besser angenommen“, berichtet die Leiterin der Gedenkstätte Silke Klewin. Dennoch blickt sie mit Sorge in die Zukunft. „Die Stelle für Bildung und Öffentlichkeitsarbeit läuft zum Jahresende aus. Obwohl wir schon zum Bautzen-Forum im Mai auf dieses Problem aufmerksam gemacht haben, gibt es bislang keine Anzeichen auf eine Verlängerung .“

Demgegenüber steht nicht nur ein wachsendes Interesse der Öffentlichkeit – die Zahl der Besucher hat sich seit 2001 verdoppelt, gerade das Bildungsangebot der Gedenkstätte entwickelt sich sprunghaft. Wurden 2001 erstmals acht Projekttage in der Weigang straße angeboten, so waren es im vergangenen Jahr bereits 52. Weitere 117 Klassen nahmen an Führungen durch die Ausstellung teil. „Beide Werte werden wir in diesem Jahr überbieten“, sagt Silke Klewin.

Entfalle die Stelle für Bildung und Öffentlichkeit, führe dies jedoch zwangsläufig zu Einschnitten. „Neben den Projekttagen und den speziellen Führungen für Schüler wären auch die monatlichen öffentlichen Vorträge und die Fortbildungen für Lehrer betroffen“, fürchtet die Leiterin der Gedenkstätte.

Mit Verwunderung reagierten derweil das sächsische Wissenschaftsministerium und die Stiftung Sächsische Gedenkstätten auf die Kritik aus Bautzen. „Die Gespräche über eine Fortführung der Bildungsstelle sind noch im Fluss“, so die Pressesprecherin des Ministeriums Eileen Mägel. Auch Stiftungs-Geschäftsführer Norbert Haase nannte die Stellenbesetzung eine offene Frage, da die entsprechenden Haushaltsbeschlüsse des Freistaates noch ausstünden.

Schramm fordert Kontinuität

Silke Klewin weist unterdessen auf einen anderen Aspekt hin. „Bildungsarbeit braucht Kontinuität, wir aber können die entsprechende Stelle schon seit acht Jahren immer nur befristet besetzen“, so die Leiterin der Gedenkstätte. Dies sei unverständlich, denn letztlich gehöre ein pädagogisches Angebot zur Grundausstattung einer jeden musealen Einrichtung.

Neben dem Bautzen-Komitee, das eine Unterschriften-Sammlung zum Thema organisiert hat, fordert auch Oberbürgermeister Christian Schramm (CDU) die Landesregierung zum Handeln auf. „Der Freistaat sollte die Voraussetzung dafür schaffen, dass die Stelle für Bildung und Öffentlichkeitsarbeit dauerhaft eingerichtet wird und eine kontinuierliche Arbeit mit Schülern und Jugendlichen erfolgen kann“, erklärte er auf Anfrage der SZ.