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Fragt doch mal die Kinder

Lehren aus dem Dresdner Jugendtheater: Wird die Demokratie angegriffen, brauchen wir mehr Demokratie - von Anfang an. Ein Gastbeitrag.

© plainpicture

Von Tabea Hörnlein

Ich bin privilegiert, und wenn ich nach einer Vorstellung von Kristo Šagors „Patricks Trick“ im Foyer des Theaters Junge Generation im Dresdner Kraftwerk Mitte sitze und das Publikum belausche, das den Saal verlässt, bin ich mir einmal mehr dieses Privilegs bewusst. Denn ich weiß, anders als eine vorbeigehende Erwachsene, eine Antwort auf ihre sehr laut formulierte – und sehr berechtigte – Frage: „Muss man das Kindern wirklich schon erzählen?“

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Diese Frage wurde von einer Erwachsenen an eine andere Erwachsene gestellt. Das Kind, das sie zum Theaterbesuch begleitet hatten, trottete, laut den Programmflyer der Inszenierung verlesend, hinter den beiden her und hätte ihnen die Frage vermutlich am besten beantworten können. Das Problem ist nur, dass Erwachsene nicht dazu tendieren, Kinder in „schwierigen“ Fragen selbst dazu zu holen. Denn um schwierige Fragen ging es in der Inszenierung in der Tat. Es wurde nicht weniger als die nach lebenswertem Leben gestellt.

Ich hätte ihr stellvertretend die Antwort aus der Perspektive von vielen Dresdner Kindern geben können, da es unser Arbeitsprinzip am TJG ist, bereits in der Erarbeitungszeit einer Inszenierung Kinder an Proben teilhaben zu lassen, sie in ihren Reaktionen beim Zuschauen zu beobachten, sie spielerisch zu befragen und inhaltlich zu involvieren. Ich begreife es als ein Privileg,  eine Arbeit zu haben, die mir den Austausch mit Kindern ermöglicht und so meine eigene Perspektive auf den Alltag oder „schwierige“ Themen erweitert wird.

Es sollte aber kein Privileg sein, denn Beteiligung ist ein Grundrecht. Manchmal denke ich darüber nach, wie unsere Welt aussehen würde, wenn es Standard wäre, Kinder an Arbeitsprozessen der erwachsenen Welt zu beteiligen. Würde das die Norm bestätigen oder Kreativität anregen? Wie lang würden Teambesprechungen noch dauern? Wären wir effizienter oder direkter im Umgang miteinander? Würden wir das Spiel integrieren und damit selbst auf andere Lösungen kommen? Oder würden wir uns immerfort erklären müssen?

Dass Kinder nicht von Erwachsenen einbezogen werden, bestätigten auch die Stimmen der 70 Kinder, die wir am TJG aus Anlass des 70. Geburtstages des Hauses aktuell auf eine künstlerische Begegnung mit den 70 Dresdner Stadträtinnen und Stadträten vorbereiten. Die neun- bis elfjährigen Kinder sind aufgefordert, sich mit Dresden, ihrem Blick auf diese Stadt und aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen auseinanderzusetzen. Sie haben zunächst ihr Umfeld beobachtet und dann Probleme und Themen herausgefunden, zu denen sie sich äußern möchten. Nach dieser inhaltlichen Auseinandersetzung erfolgte die künstlerische Arbeit. In Modellbauten und kleinen gespielten Sequenzen stellen die Kinder ihre Lösung des gefundenen Problems dar. Ein kleines utopisches Potential ist diesen künstlerischen Projekten oft eingeschrieben.

An diesem Samstag werden die Kinder die Möglichkeit haben, ihre Fragestellungen, Lösungsansätze und Kunstwerke – und damit auch ihren Blick auf Dresden – den Stadträten vorzustellen. So viel sei vorab verraten: Themen aus dem Sachgebiet Verkehr sind am häufigsten vertreten. Hätten Sie damit gerechnet?

Bedürfnisorientierte Erziehung

Am Beginn der Arbeit mit den Kindern stand aber oft dieser Satz: „Das wurden wir noch nie gefragt.“ Und dementsprechend gehemmt waren sie und stellten in Frage, ob das, was sie entdecken, denken und vorschlagen, richtig ist. Es ist falsch, Kinder in dem Zweifel, ob ihre Meinung wichtig ist, aufwachsen zu lassen. Ihnen zu vermitteln, dass sie noch kein Recht haben, sich zu „Erwachsenenthemen“ zu äußern. Es ist falsch, weil es sie in eine passive Haltung gegenüber gesellschaftsrelevanten Themen und Prozessen versetzt, die einer demokratischen Gesellschaft schadet. Die Demokratie ist nämlich viel mehr als ein politisches System, sie ist eine Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens, in der alle ein Recht darauf haben, gehört zu werden und mitzugestalten. Diese Gemeinschaftsform muss aber erfahren und gelebt werden können – von Anfang an.

Ich bin fest davon überzeugt, dass nicht nur die Kinder davon profitieren, sondern auch Erwachsene Neues erfahren und die Auseinandersetzung mit sich selbst und anderen ein Motor für Weiterentwicklung ist. Wollen wir also mündige Bürgerinnen und Bürger aufwachsen lassen, die die Demokratie weiterleben und verteidigen, müssen wir bereits Kindern Beteiligung ermöglichen und gleichermaßen Erwachsenen vermitteln, dass zu einem vollständigen Bild einer (Stadt-)Gesellschaft auch die Perspektive der Kinder gehört. In Zahlen bedeutet dies beispielsweise, dass die Stimmen von circa 94.000 Menschen, die in Dresden leben, fehlen.

Aber wie kann diese Beteiligung gelingen? Beginnen wir im Nahraum der Kinder, in der Familie und den Betreuungseinrichtungen, denn hier setzt die Diskussion um das Erlernen von demokratischen Prinzipien im Kindesalter am häufigsten an. Unter dem Stichwort „bedürfnisorientierte Erziehung“ wird intensiv diskutiert und gelebt, was gleichberechtigte Kommunikation in Familie bedeuten kann. Für den institutionalisierten Bereich stellt der Sächsische Bildungsplan die soziale Bildung unter den Leitbegriff Beteiligung.

Kinder aber nur in familiären und pädagogischen Kontexten inhaltlich einzubeziehen, greift zu kurz. Um ihnen echte Beteiligung zu ermöglichen, bedarf es struktureller Rahmenbedingungen. Das zuletzt 2004 im Bundestag debattierte Wahlrecht ab Geburt ist dabei nur eine zu prüfende Maßnahme, die mehr Bedeutung auf Kinderpositionen legt und Erwachsene in eine andere Verantwortung gegenüber der Kinderrechte bringen würde.

Tabea Hörnlein ist Dramaturgin für Partizipationsprojekte am Theater Junge Generation Dresden (TJG) und initiiert Projekte der Kinder- und Jugendbeteiligung am Theater sowie derzeit auch im Rahmen der Kulturhauptstadtbewerbung Dresden 2025. 
Tabea Hörnlein ist Dramaturgin für Partizipationsprojekte am Theater Junge Generation Dresden (TJG) und initiiert Projekte der Kinder- und Jugendbeteiligung am Theater sowie derzeit auch im Rahmen der Kulturhauptstadtbewerbung Dresden 2025.  © Dorit Günther/TJG

Die Unicef-Initiative „Kinderfreundliche Kommune“ geht das Thema sehr praktisch über die Umsetzung der Kinderrechte in Kommunen an und begleitet diese individuell dabei, Kinder- und Jugendbeteiligung in die kommunale Verwaltung zu integrieren und als integralen Bestandteil des Themas Bürgerbeteiligung anzuerkennen.

Solange jedoch diese Formen keine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit sind, kann sich jeder Erwachsene selbst zu seiner Haltung zum Kind als gestaltendem Teil der Gesellschaft befragen und Möglichkeiten der Beteiligung abwägen. Denn klar ist für mich auch, dass Kinder nur dann an Gesellschaft beteiligt werden, wenn es ihnen durch Erwachsene ermöglicht wird. Ihnen muss der Raum geboten werden, selbst sind sie kaum, anders als beispielsweise Jugendliche, in der Lage, sich diesen zu nehmen.

Für uns am TJG ist die Antwort sehr klar. Wir wollen, dass Erwachsene – auch politische Entscheidungsträger – die Möglichkeit erhalten, mit Kindern ins Gespräch zu kommen, um erlebbar zu machen, welchen Zugewinn eine (Stadt-)Gesellschaft hat, wenn sie die Jüngsten miteinbezieht: Wir erleben, dass die Frage nach dem „Warum“ von Kindern gegenüber scheinbaren Selbstverständlichkeiten drängender gestellt wird, Utopisches denkbar ist und gelebte Regeln des Zusammenlebens ablesbar werden. Denn Kinder vermitteln auch oft das, was sie selbst tagtäglich erleben, und sind damit Seismografen von Stimmungen und Ängsten aller.

Aber auch in unserem Arbeitskontext gibt es noch freie Spielräume. Wir involvieren Kinder seit unserem Bestehen in den künstlerischen Probenprozess und hören ihre Stimmen zu dem, was wir künstlerisch erarbeiten. Seit acht Jahren bestimmen Jugendliche einen wesentlichen Teil des Spielplans der Theaterakademie mit, indem sie in der Reihe „tak-ticker“ eigene Inszenierungen auf die Bühne bringen und von Thema bis Ausstattung und Spielform alles selbst bestimmen, jedoch auf dem Weg von Erwachsenen – Theaterpädagogen und Dramaturgen – befragt werden. Die Zukunftskonferenzen der Kinder formulieren am ehesten unseren Willen, Kinder politisch in die Gestaltbarkeit der (Stadt-)Gesellschaft zu involvieren. Eine Struktur der Kinderbeteiligung, die in die inhaltliche Konzeption des Hauses eingeht, haben wir jedoch noch nicht. Aber wir sind bereit, uns auf den Weg zu machen.

Was haben die Kinder von einer erhöhten gesellschaftlichen Beteiligung? Für sie steigt die Identifikation mit der Stadt, in der sie leben. Die eigene Perspektive erweitert sich auf das Umfeld und die Gestaltbarkeit dessen wird spürbar. Diese positiven Erfahrungen werden, wenn sie als alltägliche Praxis erlebt werden, auch hoffentlich im Erwachsenenalter nicht verebben. So bilden wir gemeinsam die engagierte Gesellschaft, die von der Beteiligung und der Vielfalt aller lebt und in der sich niemand zurückgelassen fühlt.

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