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Der Feind im eigenen Bett

Frank Rudkoffsky schreibt den bösen Abgesang auf eine Generation, die alles besser machen wollte.

Bei einer Pegida-Demo in Dresden spielt der Romanheld eine üble Rolle.
Bei einer Pegida-Demo in Dresden spielt der Romanheld eine üble Rolle. © Robert Michael

Von Jens-Uwe Sommerschuh

Dieser Roman offenbart auf amüsante Weise das Elend, in dem der gutbürgerliche deutsche Nachwuchs steckt, jene Generation, die 1980 und später geboren ist und nun in die Jahre kommt, in denen es langsam aufwärtsgehen sollte mit der Karriere.  Frank Rudkoffsky lässt abwechselnd Sophia und Jan erzählen, wobei sie deutlich mehr Text erhält, was Sinn ergibt. Denn Jan ist eher der Nette, der personifizierte Durchschnitt, ein wackerer junger Mann, der in seiner Journalistenlaufbahn ständig von anderen überholt oder ausgestochen wird, die nicht einmal besser sind als er, aber cleverer, stromlinienförmiger und besser vernetzt. Man kennt diesen Typus oder auch nicht. 

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Frau mit Alpha-Qualitäten

Jans Ziel ist, nach dem beflissenen Volontariat eine Festanstellung zu ergattern, bei der Stuttgarter Zeitung am liebsten, denn in der Schwaben-Metropole sind Jan und Sophia vor allem deshalb gelandet, weil Sophia bei Daimler brillante Aufstiegschancen hat. Sie ist dort im „Controlling“ tätig und hat Alpha-Qualitäten. Zu Beginn des Romans muss sie freilich pausieren, denn sie ist „im Mutterschutz“, was nebenbei eines der hässlichsten Wörter ist, die uns die Einheit gebracht hat.

Von wegen Schutz: Max beißt, nachdem er sich schon beim Geburtsvorgang als Zerstörer erwiesen hat, ihre Brustwarzen wund, er schläft so gut wie nie und wäre ein furchtbarer Tyrann, wenn ein Baby nicht das Beste wäre, was man sich vorstellen kann. Jan versucht, so gut es geht, Sophia zu unterstützen, muss aber ab und zu einen Artikel fertigkriegen, denn da es mit der Festanstellung nichts geworden ist, schlägt er sich mit Zeilenhonorar durch.

Im digitalen Hobbykeller

Bereits hier schleicht sich in Sophias Erzählton ein Hauch herablassender Arroganz, was später zunehmen wird. Da sie ihrer Mutterrolle oder dem, was ihr in Internetforen als gut und richtig vorgeführt wird, nur mit Mühe gerecht wird und sie, zwischen den Versorgungsbemühungen am kleinen Schreihals, eine Menge Zeit hat, fängt sie ein Spiel an, das sich rasch verselbstständigt. Sie begibt sich mit falscher Identität in diverse Foren und Gruppen und beginnt, die Leute gegeneinander auszuspielen, einzelne „Freunde“ oder „Follower“ rauszuekeln … „Aus Langeweile, Ehrgeiz und Schreibabyfrust“ verwandelt sie ihren „digitalen Hobbykeller in eine Folterkammer“ … Max schreit vier Stunden am Stück? „Ein guter Grund, um Homöopathiefreunde und Impfgegner aufzumischen – oder welche zu spielen, gerne auch im selben Thread.“

Einmal gibt sie sich unter dem Namen „RollingRose“ als hartgesottene „Travelmom“ aus, die ihr vier Monate altes Baby mit auf den Mount Everest nehmen will, und sie muss die ersten vernichtenden Kommentare selbst schreiben, weil zunächst niemand anspringt. Das Internet als Schlangengrube? Dummheit und Klugscheißerei, Aggressivität und Blauäugigkeit halten einander die Waage. Sophie fühlt sich unterfordert. Bis sie ein neues Opfer findet. Den eigenen Mann.

Undercover bei Pegida

Auch Jan hat sich des Internets auf eine Weise bedient, die er im Kollegenkreis nicht zugeben würde, obwohl er sich für ziemlich schlitzohrig hält. Er klinkt sich in die Foren „besorgter Bürger“ und Ende 2014 bei einer Gruppe ein, die sich „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ nennt, kurz „Pegida“, gibt dort genau die Kommentare ab, die alle hören wollen, um dann schließlich nach Dresden zu fahren und eines Montags mitzumarschieren.

Das Ergebnis seiner Undercover-Recherche, bei der er selbst, um nicht aufzufallen, wacker mitgebrüllt hat, „Nie-der-mit-der-Lü-gen-pres-se“ und anderes, ist ein Online-Artikel, der unter dem Titel „Kipppunkt“ für großes Aufsehen sorgt und endlich auch die großen Blätter auf Jan aufmerksam macht. Er beschreibt darin, wie bei einer Dresdner Montags-Demo die Gewalt ausufert und ein Journalist verletzt wird. Dass er selbst, als er einen Kollegen in der Menge gesichtet hat, einen gewissen Schultz, den er nicht ausstehen kann, die Menge auf „den Typen von der taz da“ aufmerksam macht, verschweigt er in dem Artikel. Seither hat er Angst, dass das rauskommt.

Und tatsächlich beginnen nach einer Weile die Attacken im Internet: „Einen wie dich hätte man früher in die Gaskammer geschickt!“ Die „Anonymen“ wissen bald sogar, wo er joggen geht: „Nächstes Mal im Kräherwald ist Endstation, dann treten wir deine Lügenfresse zu Brei …“ Was er nicht weiß: Nicht alle Kommentare stammen von Rechten, Pegidisten und anderen, die er mit seinem Text aufgebracht hat. Denn seine Sophia, die sauer ist, dass er eine feste Anstellung ausgeschlagen hat, weil er jetzt auf Größeres aus ist, textet fleißig mit …


Der Autor Frank Rudkoffsky recherchiert in den Abgründen der "neuen Medien".
Der Autor Frank Rudkoffsky recherchiert in den Abgründen der "neuen Medien". © Ronny Schönebaum

Frank Rudkoffsky, Jahrgang 1980 und selbst als Blogger und Jounalist tätig, hat eine fein recherchierte und sprachlich faszinierende Psychostudie verfasst, einen Roman, der die Verlogenheit der Mittelschicht und die banale wie brutale Abgründigkeit der „neuen Medien“ aufdeckt oder zumindest aufscheinen lässt. Diese beiden eigentlich klugen Menschen, Sophia und Jan, werden im Hamsterrad beruflicher und privater Herausforderung zu Zombies, und das vermeintliche Happy End ist ein zynischer Abgesang auf die Ideale einer Generation, die eigentlich alles besser machen wollte als ihre Vorgänger.

Frank Rudkoffsky: Fake. Verlag Voland & Quist, 233 Seiten, 20 Euro

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