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Frau hat das Ruder fest im Griff

Niederlommatzsch. Anke Kopschinski ist die einzige Fährführerin in Sachsen.Sie bringt die Gäste ans andere Elbufer und holt sie auch wieder zurück.

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Von Jürgen Birkhahn

Als Anke Kopschinski den Beruf des Reifenmachers erlernte, dachte sie nicht, dass sie einmal ein Schiff steuern wird. Selbst als sie ihren Mann Michael Kramer kennen lernte und ihn begleitete, wenn er auf der Elbe flussauf und flussab schipperte, waren die Gedanken, selbst einmal das Ruder in der Hand zu halten, weit entfernt. Heute ist sie Fährführerin und bringt mit der „Stolzenfels“, einem kleinen Fährboot, die Fahrgäste von Niederlommatzsch nach Seußlitz.

Nicht selten gibt es am Fährsteg erstaunte Gesichter. „Eine Frau als Kapitän? Das finde ich toll“, sagt Helga Schulz. Ihre Begleiterin hat gleich noch ein Lob auf den Lippen: Sie bekommen ein Bienchen. Sie bringen uns immer so schön ans andere Ufer“, sagt die alte Dame, die gemeinsam mit anderen Senioren ein paar Urlaubstage in Seußlitz verbringt.

Ausbildung zum Decksmann

Die beiden Urlauberinnen haben recht: Eine Frau am Ruder eines Schiffes hat Seltenheitswert. In Sachsen ist Anke Kopschinski die einzige Frau, die als Fährführerin arbeitet, sagt Klaus Kautz, Chef des Wasser- und Schifffahrtsamtes in Dresden. Entlang der Elbe gibt es lediglich noch in Aken (Sachsen-Anhalt) zwei Frauen, die ein Fährschiff führen. Schiffe sind eben eine Domäne der Männer.

Und auch bei Anke Kopschinski geht es nicht ganz ohne Manneskraft. Denn zum Fährbetrieb gehört viel mehr, als die Fahrt von einem Ufer zum anderen. Vor allem, wenn sich der Wasserstand der Elbe ändert. Dann müssen die Anleger dem jeweiligen Wasserstand angepasst, die schweren Eisenbauten hin- und hergerückt werden. „Da helfen natürlich meine Männer“, sagt Anke Kopschinski mit Blick auf Lebenspartner Michael und Schwiegervater Heinz Kramer. Deshalb habe sie auch keine Bedenken gehabt, als Michael vor drei Jahren auf die Idee kam, den Fährbetrieb von der Gemeinde Diera-Zehren in private Hand zu übernehmen. „Da war schon klar, dass ich auch einmal fahre“, sagt sie.

Die Ausbildung zum Decksmann, so der Dienstgrad der Niederlommatzscher Fährfrau, hat sie bei ihrem Mann absolviert. Sowohl Praxis als auch Theorie hat er vermittelt. Nach 180 Arbeits- und Ausbildungstagen erfolgte die Prüfung beim Wasser- und Schifffahrtsamt. Ausbildung und Prüfung haben es in sich. Auch wenn es beim Lebenspartner sozusagen den Privatunterricht gibt. „Jede Überfahrt ist anders, mal ist es windstill, mal bläst der Wind so kräftig, dass er das Boot wegdrückt“, erzählt die 35-Jährige. Es ist kein Tag, wie der andere. Auch ist jeden Tag die Situation auf der Elbe anders, muss man auf Wassersportler oder große Schiffe acht geben. Leichtsinnige Wassersportler können die Fähre schnell in eine brenzliche Situation führen. Wie nützlich da der Rettungsring ist, hat Anke Kopschinski schon bewiesen, als sie einem gekenterten Ruderer geholfen hat.

Am Wochenende Hochbetrieb

Während im Winter hauptsächlich Einheimische die Fähre für eine kurze Verbindung zwischen Niederlommatzsch und Seußlitz nutzen, sind es jetzt vor allem Touristen, die die Elbe überqueren.

Hat Anke Kopschinski das Schiff angelegt und mit beiden Leinen festgemacht, dann bleibt meist noch ein wenig Zeit, um mit den Fährgästen zu plaudern. Viele erkundigen sich, welche Sehenswürdigkeiten sich in der Gegend befinden und wie sie dort hinkommen - wollen wissen, ob es noch andere Überfahrten über die Elbe gibt, und wann die Fährfrau abends zum letzten Mal ablegt. „Wir sind auch ein Stück Touristinformation“, sagt die junge Frau, die gern Auskunft gibt, und sich freut, wenn der eine oder andere Fahrgast später wieder mit an Bord ist. Hauptsächlich an den Wochenenden ist an der Fähre viel los. An Spitzentagen werden 1 500 Fahrgäste befördert. Dafür gibt es im Winter Tage, wo das Schiff nur einmal am anderen Ufer festmacht. Festgeschriebene Fährzeiten gibt es in Niederlommatzsch nicht. „Wir fahren immer hin und her, sobald jemand am Anleger steht und wartet“. Nur mittags ist mal für eine halbe Stunde Pause.

Die Schichten teilt sie sich freilich mit Michael und Heinz Kramer, denn auch Tochter Stefanie möchte mit ihren 13 Jahren etwas von der Mutter haben, die sich heute ein Leben ohne die Elbe nicht mehr vorstellen kann. An eine Erweiterung ihres Patents, etwa für die Längsfahrten auf der Elbe, denkt sie vorerst nicht. Denn dazu müsste sie schon Matrose sein. Den Dienstgrad gibt es aber erst nach drei Jahren Job als Decksmann.