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Frau Holle denkt ans Aufhören

Seit 20 Jahren ist Regina Herberger Chefin beim Kultursommer. Mit dem DA spricht sie über ihren Nachfolger.

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Als der Mittelsächsische Kultursommer (Miskus) 1994 die ersten Mittelaltermärkte und Konzerte veranstaltete, ahnte niemand, dass sich das Festival zu einem der vielfältigsten deutschlandweit entwickeln würde. Jährlich sorgen etwa 3 000 Mitwirkende in 40 Veranstaltungen dafür, dass die Besucher „Landschaft genießen – Kultur erleben“ können. Regina Herberger hat sich am 1. Februar vor 20 Jahren mit dem Miskus-Virus infiziert – und das Festival hat sie nicht mehr losgelassen. Mit dem DA sprach sie über die Anfänge des Mittelsächsischen Kultursommers und darüber, warum sie davon nicht lassen kann.

Frau Herberger, Ihre Profession ist eigentlich der Handel. Was hat Sie denn 1994 dazu bewogen, das Fach zu wechseln?

Ich würde heute sicher noch im Handel arbeiten, weil das auch eine Berufung für mich war, und das seit der Lehrzeit. Anlass für den Wechsel ist tatsächlich der Untergang der Handelsorganisation (HO) gewesen. Gegen die großen Konzerne kam man damals als HO-Nachfolger einfach nicht mehr an, die Firma musste aufgeben. Ich habe dann noch ein Jahr in Dresden studiert und mich zum staatlich geprüften Betriebswirt qualifiziert. Doch auf über 100 Bewerbungen kam entweder die Antwort, ich sei zu alt, oder gar keine Rückmeldung. Ich sah mich schon am Starnberger See, da hatte ich ein Jobangebot.

Und wer hat Sie zum Kultursommer gebracht und Ihnen die Chance, dort neu zu starten, gegeben?

Das waren Mitarbeiter der Abteilung Wirtschaftsförderung vom Landratsamt Mittweida. Sie fragten mich damals, ob ich mir vorstellen könnte, etwas ganz Neues, nämlich ein Kulturfestival, mit ins Leben zu rufen. Dafür wurde gezielt nach Hoch- und Fachschulabsolventen gesucht. Die Stelle war eine geförderte Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM), wie es damals viele gab.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Arbeitstag?

Ganz besonders gut. Der war in Langenstriegis und für mich etwas vollkommen Neues, aber Faszinierendes. Es trafen sich sehr engagierte Leute, unter anderem auch Vertreter von Zweckverbänden wie vom Talsperrenzweckverband und vom Muldentaler Heimat- und Verkehrsverein. Uwe Fritzsching und Thomas Eulenberger sind die Geburtshelfer der ersten Stunde. Wir haben eine Menge Ideen gesponnen – zum Beispiel wie wir die Geschichten von Prinz Lieschen und Doktor Eisenbart aufgreifen können oder, wie der historische Besiedlungszug zum Laufen gebracht werden könnte. Die Begeisterung der Beteiligten war einzigartig.

Als Sie Ihre Arbeit beim Kultursommer aufnahmen, lief gerade die Vorbereitung für die erste Festivalsaison. Neue Ideen sind das eine, Partner und Mitwirkende zu gewinnen und Geld zu bekommen, das andere.

Damals herrschte Aufbruchstimmung, es war die Geburtsstunde vieler Festivals. Geld spielte gar nicht die entscheidende Rolle. Wir waren gut aufgestellt. Die Finanzierung lief ausnahmslos über das Arbeitsamt, eine Landesförderung oder Geld vom Kulturraum gab es 1994 noch nicht. Viel wichtiger war es, Verbindungen zu knüpfen. Wir haben Türklinken geputzt, uns bei den Vereinen und den Bürgermeistern vorgestellt, waren beinahe jeden Abend unterwegs, stießen aber von Anfang an auf eine große Akzeptanz. Die Zeit des Aufbruchs hatte aber auch eine traurige Seite. Für unsere Kostümschneiderei brauchten wir Material. Das holten wir aus Textilbetrieben, die Anfang/Mitte der 1990er Jahre geschlossen wurden. Keinen interessierte eigentlich, was wir da mitnahmen. Noch heute verwenden wir Posamenten aus Annaberg, Leder aus Zug und Nähgarn aus Oederan. Für die Menschen in den Betrieben war das schlimm, für unseren Start gut.

Welche Vereine waren die Ersten, die sie für die Mitwirkung gewinnen konnten?

Ganz stark war die Resonanz auf unsere Ideen bei den mittelsächsischen Chören und bei den Karnevals- und Heimatvereinen, die Dreschflegelgruppe Eulendorf ist zum Beispiel seit Beginn dabei. Und wir bekamen große Hilfe von vielen Kantoren und Kirchenmusikdirektoren, wie dem damaligen Waldheimer Kantor Wolfgang Ihl. Und es gab etwa 50 Freiwillige, die jedes Wochenende begeistert für die historischen Märkte in die Kostüme schlüpften.

Ist das heute anders?

Bei den Vereinen in keinster Weise, 200 mischen inzwischen jedes Jahr mit. Ein herausragendes Beispiel für die Mitarbeit vieler Vereine ist immer wieder das Leisniger Burg- und Altstadtfest. Traurig stimmt mich die zunehmende Überalterung vieler Frauen- und Männerchöre, weil dadurch das Volksliedgut, das mir besonders am Herzen liegt, nicht mehr in dem nötigen Maß gepflegt werden kann. Stolz sind wir auf unsere vielen Laienschauspieler, die immer wieder bereit sind, sächsische Geschichte auf die Bühne zu bringen. 2014 sind es wieder sieben Theaterstücke, die Geschichte in bunten Bildern erzählen.

Beim Saisonauftakt an der Talsperre und bei der Märchenburg sind Sie Frau Holle. Wer würden Sie noch gern sein?

Frau Holle ist zweifellos meine Lieblingsrolle seit dem zweiten Kultursommer. Jemand sagte mal, sie sei mir auf den Leib geschrieben und das stimmt sicherlich. Ich habe drei Enkelkinder und weiß gar nicht, wie viele Märchen ich schon vorgelesen habe. Kinder sind unser wichtigstes Klientel. Wenn wir sie begeistern können, dann sind auch die Eltern begeistert. Kinder werden deshalb bei keiner Veranstaltung vergessen und zur Märchenburg nach Kriebstein fährt mein Auto ganz allein. Ich gab auch schon die Eberhardine, die Frau August des Starken, eine ziemlich stattliche Person. Obwohl das zu mir passt, lag mir diese Figur nicht so. Da ist mir das mittelsächsische Marktweib lieber, mit Schürze und Kopftuch, da fühle ich mich wohler. Das ist mein Naturell.

Sie sind jetzt 61 Jahre alt. Denken Sie schon darüber nach, mal etwas kürzer zu treten?

Die 20 Jahre beim Miskus sind ohne Übertreibung meine besten Berufsjahre. Das mache ich mit Leib und Seele. Solange die Kraft es zulässt, werde ich dem Miskus zur Verfügung stehen. Und ich fühle mich topfit dafür. Aber familiär bin ich sehr gebunden. Mein kranker Mann und meine pflegebedürftige Mutter brauchen mich zunehmend. Sie hat sich 60 Jahre um mich gekümmert, deshalb will ich mich jetzt zu Hause um sie kümmern. Doch wenn ich mit 63 die Geschäftsführung abgebe, werde ich dem Kultursommer trotzdem weiter zur Verfügung stehen. Zur Pressekonferenz für die Saison 2015 übernimmt Olaf Hanemann die Geschäftsführung, er hat sich in den letzten acht Jahren toll eingearbeitet und macht einen super Job.

Gibt es eine Veranstaltung, die Sie sich noch wünschen würden für den Kultursommer?

Die wird am 29. August in Döbelns Nikolaikirche sein. Ich schätze die Zusammenarbeit mit Kantor Kleindopf. Zwei tolle Konzerte fanden im Rahmen des Kultursommers statt. Nun freue ich mich auf eine „Nacht der leuchtenden Kirche“ und riesig auf die Sängerin Karin Nakagawa aus Japan, die schon einmal in der Wechselburger Basilika unser Gast war; sowie auf drei andere tolle Künstler. Musik sowie Texte aus der Bibel und weltliche Texte werden in der illuminierten Kirche zu hören sein. Und ich bin auch froh, dass am 6. September Philharmonic Rock zurückkehrt ins Kloster Buch. Das Publikum will dort nichts anderes. Auszusetzen, das war sicher ein Fehler. Und noch einmal wünschen würde ich mir den Hofball der Wettinerinnen, der schon im Hof des Freiberger Schlosses Freudenstein zu erleben war. Doch dazu braucht es die passende Kulisse.

Das Gespräch führte Elke Görlitz.