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Feuilleton

Viel geredet, wenig gestritten

In der Dresdner Frauenkirche trafen sich Bürger zum Meinungsaustausch. Die Bilanz der Reihe „Deutschland spricht“ brachte aber kaum Kontroversen.

Florian Illies, Kunsthändler, Autor und Verleger, nimmt die Sachsen in Schutz und bekennt sich dazu, Dresden literarisch zu verklären. Auch Verklärung führe zur Klarheit, meinte er am Mittwochabend in der Dresdner Frauenkirche.
Florian Illies, Kunsthändler, Autor und Verleger, nimmt die Sachsen in Schutz und bekennt sich dazu, Dresden literarisch zu verklären. Auch Verklärung führe zur Klarheit, meinte er am Mittwochabend in der Dresdner Frauenkirche. © Thomas Kretschel

Von Michael Bittner 

Als vor einigen Jahren Redakteure der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit beisammensaßen, um zu überlegen, wie man die erbärmliche Diskussionskultur in Deutschland verbessern könnte, kritzelte einer von ihnen „Tinder für Politik“ auf einen Zettel. Könnte man nicht, wie die Plattform Tinder einander unbekannte Menschen zum erotischen Rendezvous zusammenbringt, auch Zweierbegegnungen zum politischen Gespräch vermitteln? Aus der Idee wurde das Projekt „Deutschland spricht“, das inzwischen zehntausende Deutsche dazu gebracht hat, miteinander zu diskutieren. Während Partnerschaftsbörsen darauf achten, möglichst passende Paare zusammenzuführen, sind die politischen Kuppler allerdings darauf bedacht, Menschen in Kontakt zu bringen, die einander überhaupt nicht ähneln. So saßen schließlich, oft zum ersten Mal, Wutbürger und Gutmensch zusammen an einem Tisch.

Am Mittwoch wurde in der Dresdner Frauenkirche Bilanz gezogen. Bringt solches Reden die Menschen einander näher? Lässt sich so die immer wieder diagnostizierte „Spaltung der Gesellschaft“ heilen? Zum Jubiläum des Mauerfalls war es besonders ein Riss, der besprochen wurde: der zwischen Ost- und Westdeutschen. Die geplante Live-Schaltung zur gleichzeitig stattfindenden zweiten Diskussion in der Frankfurter Paulskirche gelang schon einmal nicht. Eine technische Panne als böses Zeichen?

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Die Frauenkirche, dieser barocke Prachtbau, der aussieht wie eine große, mit Puderzucker bestreute Süßigkeit, ist für eine politische Diskussion ein denkbar ungeeigneter Ort. Obwohl der Eintritt frei war und Die Zeit allen Teilnehmern noch Online-Abonnements schenkte, blieben die Kirchenbänke zur Hälfte leer. Gekommen waren vor allem gediegene Bildungsbürger. Als Orgelklänge und eine salbungsvolle Ansprache des Pfarrers Sebastian Feydt die Veranstaltung eröffneten, wurde bereits klar: Hier wird heute nicht gestritten, sondern ein Gottesdienst der nationalen Versöhnung gefeiert. Vorsichtshalber waren weder Rechte noch Linke zum Gespräch geladen, ausnahmslos zutiefst vernünftige liberale Demokraten waren die Rednerinnen und Redner des Tages. Auch auf eine Einmischung des Publikums wurde verzichtet.


Die Veranstaltung fand in der Dresdner Frauenkirche statt. Die Kirchenbänke blieben zur Hälfte leer.
Die Veranstaltung fand in der Dresdner Frauenkirche statt. Die Kirchenbänke blieben zur Hälfte leer. © Thomas Kretschel

Immerhin durften zuerst der Taxifahrer Jens Blochwitz und die pensionierte Ingenieurin Barbara Thiel aus Dresden von den Erfahrungen berichten, die sie beim Projekt „Deutschland spricht“ gemacht hatten. Die Moderatorin Maria Exner achtete aber darauf, dass die beiden nur über die Segnungen des Redens redeten, nicht über ihre Meinungsverschiedenheiten in der Sache. Das persönliche Gespräch hätte sich auf einer Bühne aber ohnehin nicht reproduzieren lassen.

Dann waren die Profis an der Reihe: Selmin Çalışkan von den „Open Society Foundations“ erinnerte daran, dass auch Deutsche mit Migrationshintergrund aus dem öffentlichen Diskurs nicht ausgeschlossen werden dürfen. Gegenüber rassistischen Äußerungen müsse eine „rote Linie“ gezogen werden. Die SPD-Politikerin Daniela Kolbe plädierte dafür, auch mit Wütenden und Unzufriedenen ins Gespräch zu kommen. Zwar gehe es Deutschland im Ganzen gut, nicht aber allen Deutschen. Der prominente Kunstfreund und Schriftsteller Florian Illies, dem es mit knapp 50 Jahren schon gelingt, die Würde eines Professors im Ruhestand auszustrahlen, ließ es sich nicht nehmen, die Ostdeutschen im Allgemeinen und die Sachsen im Besonderen gegen Kritik in Schutz zu nehmen. Er bekannte sich dazu, gerade die Kunststadt Dresden immer wieder literarisch zu verklären, denn auch Verklärung führe zu Klarheit. Den Applaus, den er für seine gewagten Thesen von den Dresdnern erhielt, nahm Illies billigend in Kauf.

Sie nahmen auf dem Podium Platz (v.r.): Selmin Caliskan, Marieke Reimann (ze.tt.), Martin Machowecz, Lukas Rietzschel und Florian Illies.
Sie nahmen auf dem Podium Platz (v.r.): Selmin Caliskan, Marieke Reimann (ze.tt.), Martin Machowecz, Lukas Rietzschel und Florian Illies. © Thomas Kretschel

Auch dem Leipziger Journalisten Martin Machowecz gelang es in großer Runde nicht, nennenswerte Meinungsunterschiede zwischen den Gästen zutage zu fördern. Man müsse aus der eigenen Blase ausbrechen, verlautete es mehrfach. Dass es, um eine Blase zum Platzen zu bringen, einer gewissen Schärfe bedarf, kam niemandem in den Sinn. In jovialer Art plädierte zum Abschluss auch noch der Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel für mehr „Gelassenheit“. Von der „Krise der Demokratie“ werde schon seit Jahrzehnten geredet, offenbar sei sie der „Normalzustand“. Auch die AfD solle man weniger als „Gefahr“ denn als „Herausforderung“ begreifen, um die bestehende Demokratie zu verteidigen und zu verbessern.

So getröstet und beruhigt verließen die Zuhörer am Ende die Frauenkirche und traten wieder hinaus in die ziemlich kalte Dresdner Wirklichkeit. Nur wenige Gesichter verrieten Unzufriedenheit, womöglich weil in den zugehörigen Köpfen eine Einsicht dämmerte: Blasen können auch aus Sandstein bestehen.