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Freital

Frauenpower in Freitals Stadtrat

Sie sind jung, unbekannt und haben viele Stimmen bekommen. Wer die neuen Stadträtinnen sind und was sie bewegt.

Lydia Engelmann, Nicole Wachsmuth und Daniela Forberg (v.l.) gehören zur jüngeren Generation der neuen Freitaler Stadträte. Mit ihnen ziehen insgesamt mehr Frauen als bisher ins Kommunalparlament ein.
Lydia Engelmann, Nicole Wachsmuth und Daniela Forberg (v.l.) gehören zur jüngeren Generation der neuen Freitaler Stadträte. Mit ihnen ziehen insgesamt mehr Frauen als bisher ins Kommunalparlament ein. © Egbert Kamprath, Andreas Weihs, Karl-Ludwig Oberth

Luke ist mitgekommen. „Hier, lass es dir schmecken“, sagt Lydia Engelmann und verfüttert an den vierbeinigen Kumpel einige Leckerlis. Den Hund hat sie einst aus einem Tierheim geholt und nach dem Helden Luke Skywalker aus Star Wars benannt. Lydia Engelmann liebt die Filme, die in einer fiktiven Galaxie spielen. Bald muss sie sich der Wirklichkeit auf Erden stellen: Engelmann ist bei der Wahl am 26. Mai für Bündnis 90/Die Grünen angetreten – und hat ein Mandat errungen. 691 Stimmen bekam sie als relativ unbekannte Kandidatin.

Und sie ist nicht die einzige Newcomerin. Auch Nicole Wachsmuth (Die Linke) und Daniela Forberg (SPD) ließen erfahrene und bekanntere Kandidaten hinter sich. Sie alle vereint, dass sie junge Frauen sind, die sich in die Lokalpolitik wagen und Freitals Stadtrat nicht nur jünger, sondern auch weiblicher machen. Zuletzt war das Kommunalparlament eine Männerdomäne. Nur acht Mitglieder und damit ein knappes Viertel waren Frauen. Nach der jüngsten Wahl hat sich das Verhältnis verschoben. Nun sitzen elf Frauen im Stadtrat, das ist ein Drittel.

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Lydia Engelmann stammt aus Freital. Sie ist in Hainsberg aufgewachsen und dort zur Schule gegangen. Nach dem Abitur arbeitete sie ein Jahr lang in der Subway-Filiale in Freital, bevor sie zum Lehramtsstudium ging. Das ist jetzt beendet, im August beginnt sie am Gymnasium in Dresden-Plauen ihr Referendariat. Sie gibt Englisch und Geschichte. „Die 18 Monate werden eine Herausforderung und bestimmt stressig.“ Bevor es soweit ist, will die 28-Jährige, die derzeit bei der Oma wohnt, noch eine neue Wohnung suchen. Nebenbei geht sie arbeiten und kniet sich in die Lokalpolitik rein. Ihr Ziel ist es, mehr für die Umwelt und den Naturschutz in Freital zu tun.

„Ich denke da an Feste und Märkte ohne Einweggeschirr und Kunststofftüten“, sagt sie. Auch der öffentliche Personennahverkehr müsse sich verbessern. Und es gibt die Idee, ein Bürgersolarkraftwerk zu installieren, vielleicht auf den Dächern öffentlicher Gebäude. „Ich denke, wir können in Freital viel für den Umwelt- und Klimaschutz tun.“ Zu den Grünen stieß Lydia Engelmann 2018. Doch die Motivation, sich mit Politik zu beschäftigen, begann schon 2014, als die Demonstrationen gegen Flüchtlinge durch Freital zogen und in Dresden Pegida immer mehr Zulauf erhielt. „Das hat mich schockiert“, erinnert sich Lydia Engelmann.

Da erging es ihr ähnlich wie Nicole Wachsmuth. Die 31-Jährige stieß 2015 zu den Linken. Der Ausschlag, sich politisch zu betätigen, seien die Demos in Freital gewesen, berichtet sie. „Jeden Freitag kam die brüllende und schreiende Masse direkt an unserem Haus vorbei. Ich habe meinen Sohn zur Oma gebracht, damit er sich das nicht anhören musste.“ Wachsmuth bezeichnet sich selbst als „extrem sozial“. Sie denke immer mehr an die anderen als an sich selbst, sagt sie. Nicole Wachsmuth ist gelernte Sozialassistentin und arbeitet derzeit in einem Obdachlosenheim in Pirna. Zuvor war sie in der Flüchtlingshilfe aktiv. „Was ich da an Schicksalen mitbekommen habe, lässt doch unsere Probleme ganz klein wirken.“ Da nimmt sie sich nicht aus.

Nicole Wachsmuth stammt aus Tharandt und wuchs bei den Großeltern auf. Ihr Vater blieb der Familie unbekannt, die Mutter heiratete später einen Mann aus Mosambik. Schon als Kind fühlte Nicole Wachsmuth sich als Außenseiterin. „Ich war die einzige, die auf dem Schuleinführungsfoto nicht lacht.“ Früh musste sie viel Verantwortung übernehmen, sich um die jüngeren Geschwister kümmern und mit ansehen, wie die Großeltern an schweren Krankheiten litten. „Als meine Oma starb, war ich elf und hatte drei Jahre mit ihr viel Zeit im Krankenhaus verbracht.“

Sie selbst erlebte ebenfalls eine schwere Krankheit. Mit Mitte 20 bekam sie Borreliose. Nach zwei Jahren in Behandlung konnte sie die Infektion besiegen, sollte aber eigentlich wegen der Belastungen nicht mehr in ihren Beruf zurückkehren. Wachsmuth boxte sich durch, nahm alle Risiken auf ihre Kappe. Dass sie nun im Stadtrat sitzt, ist für sie immer noch ein bisschen unwirklich. „Ich selbst habe die Wahlergebnisse erst am nächsten Tag erfahren, weil ich den Sonntag arbeiten war und dann ins Bett fiel. Mein Freund weckte mich am nächsten Morgen und erzählte es mir.“ Sie schätzt, dass viele Stimmen vor allem von jungen Freitalern kamen. „Ich kenne ganz viele, die mit allen möglichen Problemen zu mir kommen: Bewerbungen schreiben, Gerichtssachen klären, sich mit Ämtern auseinandersetzen. Da merkt man, dass für die Jugend Anlaufstellen fehlen.“ Deshalb wolle sie sich für mehr Jugendangebote einsetzen, sagt Wachsmuth.

Was ihr und Lydia Engelmann noch an politischer Erfahrung fehlt, hat Daniela Forberg längst. Die 39-Jährige hat es für die SPD überraschend in den Stadtrat geschafft – vor mehreren erfahrenen Kandidaten. Trotzdem ist sie kein Küken mehr. Forberg ging früh in die Lokalpolitik. Über ein Schülerprojekt lernte sie den ehemaligen SPD-Oberbürgermeister Klaus Pollack kennen und trat bald darauf bei den Jusos ein. Das war 1994. Als sie 18 war, wechselte sie in die SPD, zeitgleich mit ihrem Vater Harry Retz. „Wir kamen allerdings unabhängig voneinander auf verschiedenen Wegen zu den Sozialdemokraten“, erzählt sie. Mehrmals kandidierte sie für die SPD für den Stadtrat und den Kreisrat, mit einem Sitz hat es noch nie geklappt. Umso mehr freut sie sich nun über ihr Mandat. „Ich bin von ganzem Herzen Freitalerin und möchte alles für die Stadt geben.“ Forberg ist in Zauckerode aufgewachsen, mit Mann und Sohn lebt sie heute in einem Eigenheim in Saalhausen. Ihr Geld verdient sie als Rechtsfachwirtin und ist Büroleiterin in einer Dresdner Kanzlei. Es ist kein typisch sozialdemokratischer Hintergrund. Doch der löst sich ohnehin bei vielen Mitgliedern auf. Freital ist dafür ein typisches Beispiel. Lange sei der Ortsverein eine reine Männersache gewesen, viele Mitglieder jenseits der 50, berichtet sie. Nun sind ganz viele junge Leute zur Freitaler SPD gestoßen, die neue Ideen, Anregungen aber auch ganz andere Sorgen mitbringen. Daniela Forberg freut sich darauf, mit dem jungen Team und erfahrenen Leuten im Rücken am Stadtrat für frischen Wind zu sorgen. „Wir waren in der Vergangenheit zu ruhig. Das soll sich ändern.“ Ein erster Schritt ist der neuer Internetauftritt der Genossen. Und schon bald folgt ihr Auftritt im Stadtrat. Die konstituierende Sitzung ist für den 11. Juli angesetzt, mit all den anderen neuen und auch bekannten Gesichtern.

Für Informationen zwischendurch aufs Handy können Sie sich unter www.szlink.de/whatsapp-regio anmelden.

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