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Freie Fahrt im Blutgefäß

Am Klinikum Freital wird per Katheter durch die Arterie operiert. Das hilft bei Verkalkung – ändert aber nichts am Lebensstil des Patienten.

Von Matthias Weigel

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Großer Badespaß in Freitals Freibädern 

Nach vielen Renovierungsarbeiten ist die Badesaison in den Freibädern "Windi" und "Zacke" in vollem Gange. 

Flapsig könnte man ihn als Klempner, als Rohrreiniger bezeichnen. Doch das würde dem Aufgabengebiet von Dr. Dirk Münch am Helios-Klinikum in Freital keinesfalls gerecht werden. Denn während in Bad und WC vielleicht etwas Chemie oder mechanische Utensilien für freien Durchfluss in dicken Rohren sorgen, operiert Dr. Münch am lebenden Objekt und in ganz anderen Dimensionen. Seine „Rohre“ sind millimeterdünne, verletzliche Arterien. Sein Werkzeug sind meterlange Katheter, die über ein kleines Loch in das Blutkreislaufsystem eingeführt werden. Seine „Verstopfungen“ sind verkalkte Stellen oder Verschlüsse in den Beinen oder im Fuß.

Seit inzwischen fast zehn Jahren wird die moderne Rohrfrei-Methode namens Angiographie am Klinikum angewandt. Maßgeblich hat sie Münch hier etabliert, nachdem er an das Haus wechselte. 2008 wurde ein neues modernes Katheterlabor für die Eingriffe eingerichtet. Mehr als 500 Patienten jährlich gibt es inzwischen – neben der Weißeritzregion auch aus der Meißener, Großenhainer oder Freiberger Ecke. Zahlreiche Patienten kommen auch aus Dresden zur Behandlung nach Freital. Der 4 000. Eingriff steht kurz bevor.

„Wir behandeln verstärkt komplexe Fälle, die aus anderen Kliniken zu uns überwiesen wurden“, sagt Münch. Das Haus in Freital ist als eins von drei Gefäßzentren in der Region zertifiziert, hat sowohl eine Klinik für Angiologie, Gefäßchirurgie und Diabetologie zusammen, sodass die fachlichen Kollegen allesamt vor Ort sind. Neben Dr. Münch gibt es für die Angiographie Oberarzt Dr. Thomas Nanning und derzeit einen Facharzt in Ausbildung zu dieser Spezialisierung, ein weiterer folgt demnächst. Gute Ausbildung ist wichtig.

Die Vorteile der Methode liegen klar auf der Hand: Der Eingriff ist im Gegensatz zur OP minimal und schmerzarm. Auf eine Narkose kann verzichtet werden. Und das Problem mit der Verstopfung in den Arterien lässt sich super lösen. „Und in unkomplizierten Fällen sind die Patienten nur ein, zwei Tage in der Klinik“, sagt Münch. Und die Erfolgsquote liegt bei über 90 Prozent.

Der klassische Eingriff erfolgt von der Leiste aus direkt ins Bein oder rückwärts über die Beckenschlagadern ins Bein der anderen Seite. Komplizierter und eher die Ausnahme, aber machbar, ist der Weg vom Arm bis ins Bein. Der Draht ist dann vier Meter lang, der Eingriff kann durchaus drei bis vier Stunden dauern. Den richtigen Weg durch die Arterie finden die Ärzte, indem sie Kontrastmittel spritzen und kurz röntgen. Oft findet man ihn auch allein anhand der Gefäßverkalkungen. „Aber kein Eingriff ist wie der andere“, sagt Münch. Durch die Gefäßschleuse eingeführt wird zum Beispiel ein Ballonkatheter, der aufgeblasen das Gefäß dehnen kann. Hilft das nicht ausreichend, können die Ärzte ein kleines Drahtgeflecht – einen sogenannten Stent – über den Katheter zur Stabilisierung einsetzen. Möglich ist es ebenfalls, Gerinnsel aufzulösen oder abzusaugen oder punktgenau Medikamente einzuführen. Die Technik hat sich mit den Jahren enorm weiterentwickelt. „Als ich angefangen habe, ging man nicht mal bis in den Unterschenkel. Heute geht es locker bis zum Fuß“, sagt Münch. – Münchs typische Patienten sind in der Regel Raucher, Diabetiker oder solche mit Bluthochdruck und im Schnitt 75 Jahre alt. Geplagt sind sie vor allem mit der Schaufensterkrankheit. Ihr Gehen ist von Schmerzen in Wade oder Oberschenkel und von ständigem Stehenbleiben geprägt. Bei ihnen zeigen sich unter der Belastung des Beins die ersten Folgen der Arteriosklerose, die mangelnde Durchblutung.

Die Ursachen dieser Arterienverkalkung liegen in den meisten Fällen im Wohlstand begründet. Bewegungsmangel, falsche Ernährung, Rauchen, Stoffwechselstörungen. Das meist dabei auch noch in Kombination, was das Risiko für Herzinfarkte oder Schlaganfälle potenziert.

„Was man tut, hängt im Wesentlichen vom Stadium ab“, sagt Münch. Bei Bewegungsschmerzen, der typischen Schaufensterkrankheit, ist ein Eingriff möglich. Bei Ruheschmerzen, schwarzen Zehen oder offenen Stellen muss hingegen dringend etwas getan werden, um die Durchblutung wieder herzustellen, eine Amputation zu vermeiden. Jeder Eingriff wird individuell und nach Voruntersuchung entschieden. Am Anfang steht prinzipiell eine Vordiagnostik beim niedergelassenen Gefäßmediziner oder über die hauseigene Sprechstunde. Natürlich gibt es auch Patienten, die über die Notaufnahme kommen.

Bei allem technischen Fortschritt hat die Sache aber auch ein Manko: Den Ärzten bleibt mit der Methode nur, die Symptome zu lindern. „Wir haben viele Patienten, die wiederholt zu uns kommen“, sagt Münch. Die meisten ändern wenig an ihrem Lebensstil, so entstehen mit zunehmenden Risikofaktoren neue Engstellen oder Verschlüsse in den Gefäßen. Das steigende Alter sorgt zudem für eine Zunahme des Gefäßverkalkungs-Risiko. „Es bleibt letztlich Klempnerei in alten Rohren“, sagt Münch. Da war er wieder, der Vergleich. Doch wenn Münch das als Spezialist selber sagt, darf man auch mal flapsig sein.

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