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Dresden

Späte Entschuldigung von "Freien Kameraden"

Der Prozess gegen sechs Mitglieder der rechtsextremen Vereinigung endet bald. Manche zeigen sich aufgrund der Haft schon jetzt überraschend geläutert.

Benjamin Z., der mutmaßliche Anführer der Gruppe, kritisierte in seinem letzten Wort vor Gericht den Übereifer der Ermittler.
Benjamin Z., der mutmaßliche Anführer der Gruppe, kritisierte in seinem letzten Wort vor Gericht den Übereifer der Ermittler. © Archiv: Benno Löffler

Der bislang aufwendigste Prozess gegen eine rechtsextreme Kameradschaft am Landgericht Dresden wird am kommenden Freitag nach zwei Jahren und vier Monaten zu Ende gehen. Die Staatsschutzkammer will ihr Urteil gegen den harten Kern der "Freien Kameradschaft Dresden" (FKD) am kommenden Freitag, 9 Uhr, unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen verkünden. Es wäre dann der 115. Sitzungstag.

Diesen Freitag haben vier der sechs Angeklagten in ihren letzten Worten zumindest einen Teil der Vorwürfe eingeräumt und die Opfer ihrer Gewalttaten um Entschuldigung gebeten. Den fünf Männern und einer Frau wird neben der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung unter anderem Landfriedensbruch, gefährliche Körperverletzung und Herbeiführen von Sprengstoffexplosionen vorgeworfen. Sie sollen zwischen August 2015 und Januar 2016 eine Reihe von Gewalttaten begangen und sich mehrfach an Ausschreitungen beteiligt haben - oft gemeinsam mit den bereits als Rechtsterroristen verurteilten Mitgliedern der "Gruppe Freital". Geschädigte waren Ausländer, politisch Andersdenkende und Polizisten.

Eine "Riesensauerei"?

Selbst Benjamin Z. (31), der mutmaßliche Anführer der Gruppe, sagte in seinem letzten Wort, er möchte sich bei allen Opfern der begangenen Gewalt entschuldigen. "Ich sehe ein, dass ich mit der Gründung der FKD eine Mitschuld trage." Zuvor hatte er jedoch ausgeführt, dass er sich zu Unrecht verfolgt sieht und den Verfolgungseifer der Ermittlungsbehörden kritisiert. Mitbeschuldigten und Zeugen sei etwa das Wort im Munde herumgedreht worden, um ihn und andere zu belasten, sagte der 31-Jährige, der bis Ende 2014 Zeitsoldat bei der Bundeswehr war. Es sei "eine Riesensauerei", wie hier die Aussagen verdreht worden seien.

Z. bestritt etwa, von "geplanten Ausschreitungen" in Heidenau am 21. und 22. August gewusst zu haben. Auch an dem Angriff der Gruppe Freital auf ein alternatives Wohnprojekt in Übigau habe er nicht mitgewirkt. Er habe mit der "Gruppe Freital" und Timo S., einem der Freitaler Anführer, nichts zu tun haben wollen. Nur Monate vorher habe er mit ihm Kontakt gehabt. Z. bestreitet weiter, dass die "Freie Kameradschaft Dresden" eine kriminelle Vereinigung gewesen sei. Andererseits jedoch räumte der Angeklagte ein, nicht alles gesagt zu haben, was er wisse.

Mike K. sprach von dem großen Druck dieses Verfahrens und der Zeit in Untersuchungshaft. Wie Z. sitzt der ebenfalls 31-Jährige mehr als drei Jahre hinter Gittern. Er kritisierte, dass zwei früher Verurteilte FKD-Mitglieder mit drei Jahren und acht Monaten davongekommen seien, während die Staatsanwaltschaft für ihn nun fünf Jahre Haft gefordert habe. Dabei würden ihm nur halb so viele Tatvorwürfe gemacht. K. unterschlug dabei, dass die früher Verurteilten in ihrem Prozess im Sommer 2017 umfassende Geständnisse abgelegt hatten.

"Wir hätten mehr miteinander reden sollen"

Jeanette P. (29) sagte, sie habe erst im Laufe dieses Prozesses begriffen, wie sehr sie sich schuldig gemacht habe, auch wenn sie selbst nie Gewalt ausgeübt habe. "Auch wenn ich selbst niemanden verletzt habe, sind die Taten auch mir zuzuschreiben", sagte sie. Erst während des Prozesses habe sie begonnen "alles zu hinterfragen", sie habe auch mit ihren Eltern, zu denen sie nun wieder ein gutes Verhältnis habe, etwa viel über Pegida gesprochen. Heute sei sie stolz, wenn ihr Sohn auf dem Spielplatz mit allen anderen Kindern spiele, egal welche Hautfarbe sie haben. Sie hat es wohl auch ihrer Entbindung im Frühjahr  2017 zu verdanken, dass ihr als einzige der  sechs Angeklagten eine Untersuchungshaft erspart blieb.

Franz R. (25) sagte, er schäme sich heute für seine damaligen Chats. "Ich werde mich von der (rechtsextremen, Anmerkung der Redaktion) Szene fernhalten." In der Haft, so schwer die Zeit auch für ihn sei, habe er sehr viel gelernt. Er habe sich etwa zwei Monate lang eine Zelle mit einem "Linken aus Leipzig-Connewitz" geteilt. "Rechts-links war unter uns völlig egal", sagte R., "am Ende haben wir über uns selbst gelacht". Er habe Mist gemacht, das stehe außer Frage, dieser Quatsch werde aber keinen Menschen mehr gefährden. "Vielleicht", sagt er fast am Ende seines Vortrages, "hätten wir mehr miteinander reden sollen".

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Die Generalstaatsanwaltschaft hatte bereits im November für die angeklagten Männer Freiheitsstrafen zwischen vier Jahren und zwei Monaten (für Franz R.) und bis zu sieben Jahren (Benjamin Z. und der 29-Jährige Michael K.) gefordert. Lediglich Jeanette P. kann auf einem Bewährungsstrafe hoffen. Sie hatte bereits zum beginn der Hauptverhandlung umfassende Angaben gemacht. Franz R. kann auf eine Verurteilung nach dem Jugendstrafrecht hoffen. Er war zur Tatzeit noch Heranwachsender. 

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