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Vor 775 Jahren wurde die Klosterkirche am Obermarkt geweiht. Seit 305 Jahren heißt sie Dreifaltigkeitskirche.

Die Kirche ist das markanteste Bauwerk am Obermarkt.
Die Kirche ist das markanteste Bauwerk am Obermarkt. © Fotos/Repros: Rainer Kitte (2), Sammlung Ingrid Wi

Die Dreifaltigkeitskirche gehört zu den Wahrzeichen der Görlitzer Altstadt. Dabei hieß sie erst später so. Erst einmal war es die Klosterkirche. Doch egal unter welchem Namen – jetzt kann sie kräftig feiern, nämlich ihren 775. Geburtstag. Am 21. August 1245, das war der damalige Montag nach Mariä Himmelfahrt, weihte Bischof Konrad von Meißen den Sakralbau zu Ehren der Jungfrau Maria und des Heiligen Franziskus von Assisi.

Um 1200 wurde Görlitz zwischen Lunitz, Neiße, der heutigen Elisabethstraße und der Brüderstraße erst als Stadt angelegt. Noch vor den Stadtmauern begannen 1234 die Franziskaner mit dem Bau eines Klosters und besagter Kirche. Der Zeitraum war trefflich gewählt: In den folgenden Jahrhunderten gewann der Franziskanerorden an Einfluss. Die ursprüngliche Mönchskirche war dabei eine einfache Saalkirche. Sie entsprach damit dem Bestreben der Franziskaner, ihrem Armutsgelübde auch nach außen zu entsprechen.

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So durfte die Kirche eines Franziskanerkonvents nicht höher als 30 Fuß sein, die übrigen Klostergebäude nicht höher als 20 Fuß. Auch sollten die Kirchen keinen Glockenturm haben. Tatsächlich wurde dieser, bekannt als „Mönch“, erst gegen Ende des 14. Jahrhunderts hinzugefügt. Ebenso der Chor, der mittlerweile als das älteste Bauwerk der Gotik in Görlitz gilt. Aus dieser Zeit stammt auch der älteste Görlitzer Grabstein in der Barbarakapelle. Der Innenraum der Kirche wird durch den barocken Hochaltar von Caspar Gottlob von Rodewitz beherrscht. Ihm musste während der Renovierung von 1712 bis 1715 das eigentliche Kleinod der Kirche weichen, der spätgotische Marienaltar, der heute die Barbarakapelle ziert.

Kloster wurde der Stadt übergeben

1670 erhielt die Kirche eine mit Darstellungen der Apostel verzierte Kanzel an der Nordwand. Der spätgotische Flügelaltar „Goldene Maria“ wurde 2001 restauriert der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht. Die Orgel wurde 1955 von Eule-Orgelbau im alten Gehäuse von Julius Röhle (1910) mit Teilen von Friedrich Ladegast (1873) erneuert. Sie hat 28 klingende Register auf zwei Manualen.

Zu Beginn der Reformation verließen die Mönche das Kloster, es wurde 1563 der Stadt übergeben mit der Bedingung, eine Schule einzurichten. Die Klosterkirche erhielt 1712 eine eigene Parochie und wurde 1715 nach dreijähriger Renovierung, der Heiligen Dreifaltigkeit geweiht, heißt also nunmehr 305 Jahre so. Im Juni 1910 schließlich erfolgte eine Wiedereinweihung nach einer umfangreichen Sanierung. Das Portal der Nordseite wurde vermauert, das Dach ausgebessert, neue Wasserableitungen montiert.

Alle Gänge erhielten Fliesenbeläge, das Hauptschiff und die Emporen neues Gestühl. Auch ein Heizkörper-System hielt Einzug. Die Barbara-Kapelle wurde vor 110 Jahren zur Taufkapelle. Neu war jetzt auch die Form der Organisation: Fortan gab es keine vermieteten Plätze mehr. „Die alten Erbstände, die in früheren Jahrhunderten von Innungen oder einzelnen Familien erworben worden waren, sind freilich beibehalten worden. Die Ablösung wäre mit zu großen Kosten verknüpft gewesen“, schrieb der „Neue Görlitzer Anzeiger“. Die anderen Plätze aber waren ab 1910 alle frei.

Besucher sollen sich als Gemeinschaft fühlen

„Es wird fortan in der Dreifaltigkeitskirche niemand mehr zu befürchten haben, von einem Platz verwiesen zu werden. Ebenso wenig wird die Klage berechtigt sein, als wenn nur Begüterte den Vorzug guter Plätze haben könnten“, begründete die Kirchenleitung diesen damals neuen Schritt. Die Gebetsversammlungen fanden ab sofort im Altarraum statt. Begründung: „Ihre Besucher sollen sich nicht mehr in den weiten Räumen der Kirche verlieren, sondern auch bei geringerer Zahl sich als eine Gemeinschaft fühlen.“ Heimisch fühlten sich bald auch die Stadtführer, die immer mehr Touristen auch durch die Kirche führten, um die gruselige, jedem Görlitzer wohlbekannte Sage vom Klötzelmönch nahezubringen oder das stets zu frühe Schlagen der Kirchturmuhr falsch mit dem Tuchmacheraufstand zu erklären.

Auf der historischen Darstellung ist der Klosteranbau gut zu erkennen, rechts der Schwibbogen-Durchgang zum Obermarkt. 
Auf der historischen Darstellung ist der Klosteranbau gut zu erkennen, rechts der Schwibbogen-Durchgang zum Obermarkt.  © Fotos/Repros: Rainer Kitte (2), Sammlung Ingrid Wi
Der Auftritt Billy Grahams 1982 gehört zu den großen Ereignissen in dieser Kirche. 
Der Auftritt Billy Grahams 1982 gehört zu den großen Ereignissen in dieser Kirche.  © Fotos/Repros: Rainer Kitte (2), Sammlung Ingrid Wi
Der Innenraum der Kirche wird durch den barocken Hochaltar beherrscht. Er steht seit 1715 an Stelle des spätgotischen Marienaltars, der seitdem die Barbarakapelle ziert.
Der Innenraum der Kirche wird durch den barocken Hochaltar beherrscht. Er steht seit 1715 an Stelle des spätgotischen Marienaltars, der seitdem die Barbarakapelle ziert. © Fotos/Repros: Rainer Kitte (2), Sammlung Ingrid Wi

Es gab nicht nur rein kirchliche Konzerte in diesem Haus, und mancher erinnert sich vielleicht auch noch daran, wie 1982 auf seiner von der DDR-Führung erlaubten ostdeutschen Städtereise William Franklin „Billy“ Graham von der Kanzel der Dreifaltigkeitskirche redete. Der US-amerikanische „Erweckungsprediger des Evangelikalismus“ galt nicht nur bei konservativen Theologen als einer der einflussreichsten christlichen Prediger des 20. Jahrhunderts („Maschinengewehr Gottes“) – die Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt.

Zukünftig stehen schon weitere, große Aufgaben an. Unabhängig von kirchlichen Feiern soll ein weltliches Kulturerbezentrum Einzug halten, in dessen Mittelpunkt die Jakob-Böhme-Ausstellung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden stehen wird. Das ließe auf Fördermittel hoffen, und die kämen zur rechten Zeit: Manche Risse zeigen deutlich, dass eine gründliche Sanierung wieder einmal fällig ist.

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