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Weißwasser

Freiräume für Neues öffnen

Mit Leerstand gibt sich Holger Schmidt ungern ab. Vielmehr entwickelt er Lösungen für andere Nutzungen.

© Foto: Joachim Rehle

Von Anett Böttger

Weißwasser. Holger Schmidt scheint Experte zu sein, wenn es darum geht, leerstehende Gebäude wieder mit Leben zu füllen. In Dessau, wo der Stadtplaner wohnt, ist dies bei mehreren Vorhaben schon geglückt – auch dank seines ganz persönlichen Einsatzes. Seit einigen Jahren engagiert sich der 59-Jährige auch in Weißwasser für ein Denkmal, das ein Schattendasein fristet: den Neufert-Bau an der Dr.-Altmann-Straße 2. 

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Gemeinsam allem gewachsen

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Die frühere Lagerhalle der Vereinigten Lausitzer Glaswerke (VLG) ist benannt nach dem Architekten Ernst Neufert, der das 1937 fertiggestellte Gebäude entwarf. Nach jahrelangem Leerstand hat es inzwischen arg gelitten. Zu seiner Rettung gründete sich 2014 ein Verein – mit Holger Schmidt als Vorsitzendem an der Spitze.

Ursprünglich führte den promovierten Wissenschaftler sein Forschungsgebiet nach Weißwasser. An der Universität in Kaiserslautern übernahm er 2009 die damals neu eingerichtete Professur für Stadtumbau und Ortserneuerung. Beruflich bedingt interessiert(e) ihn das Thema, wie Städte mit Schrumpfung umgehen. Weißwasser habe in dieser Hinsicht eine extreme Entwicklung genommen, nachdem die Stadt durch Glasindustrie und Energiewirtschaft zunächst rasant gewachsen war, sagt der Hochschulprofessor.

Im Auftrag der Stadtverwaltung organisierte er 2013 mit seinem Fachgebiet eine kooperative Planungswerkstatt. Dabei wurden Orte in Weißwasser betrachtet, die sowohl für die Bevölkerung als auch für die Stadtentwicklung wichtig sind, darunter der Neufert-Bau. „Die Gründung unseres Vereins war auch ein Ergebnis dieser Werkstatt“, blickt Holger Schmidt zurück. Nachdem die Stadt den Bahnhof gekauft und die Glasfachschule in ihre Obhut genommen habe, sei es undenkbar gewesen, dass sie sich ein weiteres Objekt aufbürdet.

„Die Bedeutung des Neufert-Baus blieb lange Zeit unerkannt“, bedauert der Vereinsvorsitzende. Das rein funktionale Gebäude war öffentlich nicht zugänglich – anders als das Volkshaus, das viele in Weißwasser durch Feiern und Veranstaltungen aus der Vergangenheit kennen. Emotionale Bindungen an das sechsgeschossige Zentrallager konnten sich daher wohl nie entwickeln, glaubt Holger Schmidt. Nach seinen Worten gehört der Bau in eine internationale Liga. Seinerzeit mit modernster Technik errichtet, seien die Visionen des Bauhauses in dem Logistikzentrum an der Bahnlinie 1:1 umgesetzt worden.

Der Experte für Stadtumbau argumentiert sachlich und unaufgeregt. Seine konstruktive Herangehenweise an Probleme hilft ihm, Prozesse zu moderieren. Der Vater zweier erwachsener Söhne saß im Stadtrat von Dessau und sammelte 16 Jahre lang kommunalpolitische Erfahrung. Selbst bezeichnet er sich als Pragmatiker, der nun „Wissen aus dem Osten in den Westen bringt“. Freiräume in schrumpfenden Städten sieht er vor allem als Chance.

Holger Schmidt stammt aus Jena und studierte in Weimar Städtebau. Bis zum Jahr 2000 arbeitete er bei der Stiftung Bauhaus in Dessau, bevor er sich dort selbstständig machte. Sein Büro für Siedlungserneuerung betreibt er heute neben der Lehrtätigkeit im mehr als 500 Kilometer entfernten Kaiserslautern. Immer wieder kommt er auch in die Lausitz, wo sein Verein inzwischen den Neufert-Bau über einen Erbbaupachtvertrag erworben hat.

„Das Masz aller Dinge“

Mehr Aufmerksamkeit für das Denkmal soll ein Theaterprojekt in diesem Jahr erzeugen. Es trägt den Titel „Modellfall Weißwasser – Das Masz aller Dinge“ und geht Spuren des Bauhaus-Erbes in der Stadt nach. Den Vereinschef freut es, dass sich die Kulturstiftung des Bundes von dem Konzept überzeugen ließ und Fördermittel bereitstellte. Weißwasser steht dadurch in einer Reihe mit einschlägig bekannten Orten der berühmten Kunst-, Architektur- und Design-Schule, deren 100-jähriges Bestehen 2019 gefeiert wird.

Unterdessen gibt es schon recht konkrete Überlegungen für den Neufert-Bau, verrät Holger Schmidt. Das Spektrum der Nutzungsideen reicht von einer Infostelle im Erdgeschoss über Lagermöglichkeiten für Vereine und Privatpersonen bis hin zu Wohnungen in den obersten Geschossen. Doch zunächst geht es darum, eine Förderung für die Sanierung zu bekommen.

In dieser Serie erscheinen bis in den Sommer hinein Beiträge über Akteure, die beim „Modellfall Weißwasser“ mitwirken.

www.neufertbau.de/
www.modellfall-weisswasser.de/