merken
PLUS

Freispruch nach tödlichem Verkehrsunfall

Eine 88-Jährige wurde Ende 2012 von einem Pkw angefahren und starb. Der Autofahrer kam vor Gericht straflos davon.

Von Stefan Schramm

Eigentlich wollen der Kirschauer Karl-Heinz K. und seine Lebensgefährtin am 28. Dezember 2012 zu einem Baumarkt. Gar nicht mehr weit weg von ihrem Ziel fahren sie in ihrem Pkw auf der Hauptstraße in Schirgiswalde in Richtung Sohland. Doch in Höhe der Hausnummer 10 endet die Fahrt abrupt. Der von dem damals 60-jährigen Mann gesteuerte Mazda erfasst eine Seniorin, die gerade die Straße überqueren möchte. Sie erleidet schwerste Verletzungen, die sie den Jahreswechsel nicht mehr erleben lassen: Am 31. Dezember stirbt die 88 Jahre alte Frau kurz vor Mitternacht.

Anzeige
Sommer, Sonne, Sonnenschutz
Sommer, Sonne, Sonnenschutz

Ein sonniger Tag tut Körper und Geist gut. Doch ob auf dem Balkon, im Garten oder am Wasser: Hautschutz ist dabei unerlässlich.

Für Karl-Heinz K. war die Kollision der Schreck seines Lebens. Das merkte man ihm gestern deutlich an, als der Fall vorm Amtsgericht Bautzen verhandelt wurde. Er war nervös und angespannt – kein Wunder, denn die Staatsanwaltschaft warf ihm fahrlässige Tötung vor. Er habe das Sichtfahrgebot nicht eingehalten. Das Problem: In dem Streckenabschnitt, auf dem Tempo 50 erlaubt ist, geht die Straße nach Sohland bergauf und die Wintersonne stand am späten Vormittag fast genau im Süden und sehr tief. „Ich bin geblendet worden und deshalb nur 40 km/h gefahren“, sagte der Angeklagte, der seit 35 Jahren Auto fährt und nie als Raser auffällig geworden war.

Seine Sonnenblende sei deshalb nach unten geklappt, die Sicht aber trotzdem eingeschränkt gewesen. Irgendwann kam im Gegenverkehr ein heller Transporter. Direkt dahinter sei wie aus dem Nichts die Seniorin aufgetaucht und von links bis auf die Fahrbahn von Karl-Heinz K. gegangen. Der habe sie zuerst gar nicht gesehen, bis seine Lebensgefährtin auf dem Beifahrersitz, die gestern vor Gericht als Zeugin aussagte, im letzten Moment schrie: „Pass auf!“ Doch da war es bereits zu spät. Trotz eines Brems- und Ausweichmanövers des Pkws nach rechts knallte die 88-Jährige mit dem Kopf auf die Windschutzscheibe. Mit letztlich tödlichen Verletzungen, darunter Brüche von Schädel und Oberschenkel sowie massive Beeinträchtigungen von Organen und Weichteilen, wurde sie ins Bautzener Krankenhaus eingeliefert.

Bei der anschließenden Unfallaufnahme machten Polizisten Fotos, die die Lichtverhältnisse kurz nach dem Zusammenstoß dokumentieren und deshalb gestern in der Verhandlung eine Rolle spielten. Zudem fertigte ein Sachverständiger ein Gutachten an. Seine Unfallanalyse ergab, dass die Kollision in dieser Situation nur bei einer Geschwindigkeit von maximal 32 km/h vermeidbar gewesen wäre. Zudem könne der entgegenkommende Transporter die alte Dame nur sehr kurz verdeckt haben.

Im Umkehrschluss heißt das aber ebenso: Sie hätte den Mazda von Karl-Heinz K. auch schon frühzeitig sehen müssen, trägt also zumindest eine große Mitschuld am Unfall. Richter Dr. Dirk Hertle hatte seine Zweifel, dass der Zusammenstoß für den Angeklagten vorhersehbar war. Deshalb sprach er ihn vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung frei. „Sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort, sind durch dieses Erlebnis genug gestraft“, gab er dem heute 61-Jährigen mit auf den weiteren Weg. Der dürfte juristisch aber noch nicht komplett beschritten sein, denn Staatsanwalt Rainer Schneider kündigte im Anschluss an, vorm Landgericht in Berufung zu gehen.