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Freital ehrt seinen Schlossdirektor

Rolf Günther bekommt den Kultur- und Kunstpreis der Stadt für sein Lebenswerk. Einen Wunsch aber hat er noch.

Rolf Günther, seit 1987 Direktor auf Schloss Burgk, rückte in seiner Amtszeit auch die Gemälde von Otto Dix ins rechte Licht.
Rolf Günther, seit 1987 Direktor auf Schloss Burgk, rückte in seiner Amtszeit auch die Gemälde von Otto Dix ins rechte Licht. © Egbert Kamprath

An sein erstes Mal hat Rolf Günther nur vage Erinnerungen. Damals, Ende der Sechzigerjahre, war er Schüler der 67. Polytechnischen Oberschule „Ernst Schneller“ in Dresden-Dobritz. Es war ein Wandertag, vielleicht in der vierten oder fünften Klasse. „Wir sind mit der Straßenbahn durch den Plauenschen Grund gefahren und zum Haus der Heimat hochgelaufen“, sagt Günther. Was er dort gesehen hat? Er zuckt mit den Schultern: „Das weiß ich nicht mehr.“ Vielleicht hätte er es sich gemerkt, wenn er gewusst hätte, dass er dereinst der Direktor des Museums sein würde.

Sein zweiter Besuch auf Schloss Burgk zwanzig Jahre später ist ihm hingegen noch immer sehr gegenwärtig. Günther, zu jener Zeit Mitarbeiter für Kultur im VEB Zentrum für Forschung und Technologie Mikroelektronik in Dresden-Klotzsche, war auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung. „Unser Betrieb, der damals 6000 Beschäftigte hatte, sollte neue Strukturen bekommen, da hätten sich meine Aufgaben grundlegend verändert, das passte mir nicht“, sagt Rolf Günther.

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Der Dresdner Maler Erich Gerlach gab ihm den entscheidenden Tipp: „Geh nach Freital ins Haus der Heimat, die suchen Leute.“ Und Günther ging. Aber was er dort im Herbst 1986 vorfand, war erschütternd: „Ich war von der Dresdner Straße aus zu Fuß nach Burgk unterwegs. Auf den Feldern rechts und links lief die Gülle aus der Schweinemästerei herunter.“

Kaum besser war sein Eindruck, als er den Hof des Schlosses Burgk betrat. In den heutigen Ausstellungsräumen waren Ställe oder Scheunen. „Überall lagen Misthaufen, es stank, die Gebäude waren verfallen, im Westflügel war das Dach eingestürzt“, sagt Günther. Nur das als Stadtmuseum genutzte Schloss, das Haus der Heimat, schien einigermaßen intakt zu sein. Aber da trog der Schein, wie er später feststellte: „Das Dach war total undicht. Wenn es regnete, lief das Wasser durch zwei Etagen und tropfte im Festsaal auf den Flügel.“

Hauptnutzer des städtischen Anwesens war bis 1990 die LPG Bannewitz, ein Landwirtschaftsbetrieb, der sinnigerweise noch den Beinamen „Fortschritt“ trug, von dem Günther allerdings in Burgk nichts feststellen konnte. In einem Teil der Häuser befanden sich Wohnungen, in die nach dem Krieg Umsiedler aus dem Osten eingezogen waren. Der Park war keiner mehr, sondern ein Gemüsegarten mit Karnickelställen, den Teich hatte man zugeschüttet.

Rolf Günther trat den Rückzug an, ohne sich im Schloss vorgestellt zu haben. „Ich wollte dort nicht bleiben“, sagt er. Aber die Idee, gerade an einem so unmöglichen Ort etwas Kulturelles aufzubauen, hatte sich bereits in seinem Kopf manifestiert. Er kam wieder, stellte sich im Potschappler Rathaus bei Heidrun Weigel vor, der Stadträtin für Kultur, die heute die Seniorenbeauftrage der Stadt ist. Sie sagte zu Günther: „Wir brauchen einen Chef.“ Und das wurde er. Am 1. Januar 1987 begann er seinen Dienst im Haus der Heimat.

Dabei hatte Rolf Günther mit Kultur und Kunst als Beruf zunächst nichts im Sinn. Im Dresdner Stadtteil Dobritz aufgewachsen, wurde er nach der zehnten Klasse Kaufmann. „Ich hätte auch Abitur machen können, aber dafür war ich zu faul“, sagt er. In jene Zeit aber fällt ein Schlüsselerlebnis, das die Weichen für seine berufliche Zukunft stellte. „Als meine Eltern, die gerade Rentner geworden waren, zum ersten Mal in den Westen durften, gaben sie mir für die Zeit ihrer Reise 100 Mark für die Verpflegung. Ich aber kaufte mir dafür das große Buch über den niederländischen Maler Hieronymus Bosch, das gerade im Verlag der Kunst erschienen war – für 96 Mark“, sagt Günther und schmunzelt: „Ich überlebte dank einer Klassenkameradin, einer Bäckerstochter.“ In Meißen studierte er später Kulturwissenschaften und in der Wendezeit an der Luther-Universität in Halle Kunstwissenschaften.

Als er sein Diplom verteidigte, war er bereits Direktor auf Schloss Burgk, das seit dem Ausscheiden von Hellmuth Heinz im Jahre 1971 nur amtierende Leiter hatte, zuletzt Siegfried Huth. Als Günther kam, war schon Wolfgang Vogel dort, aber auch Juliane Puls und Jörg Schlegel halten dem Museum bereits mehr als dreißig Jahre lang als Mitarbeiter die Treue. Diese Kontinuität spricht für Günthers Qualitäten als Chef: Er ist einer, der zwar weiß, was er will, aber offen ist für Vorschläge und der auf die Fähigkeiten seiner Leute vertraut.

Unter Günther mauserten sich die Städtischen Sammlungen Freital zu einem Mehrspartenmuseum mit überregionaler Bedeutung. 1991 wurde die Kunstsammlung als Dauerausstellung eröffnet, mit acht Bildern von Otto Dix als Höhepunkt; 1992 die Bergbauschauanlage, 1996 die Tagestrecke, und im neuen Jahrtausend folgte der Technikgarten. Mit dem 2013 verstorbenen Holger Fischer landete Günther den wohl größten Coup: Sie holten 1993 die Sammlung von Friedrich Pappermann auf Schloss Burgk. Nirgendwo sonst, selbst in Dresden nicht, ist mehr Dresdner Kunst dauerhaft ausgestellt als in Freital.

Rolf Günther (r.) freut sich 1991 mit dem Freitaler Künstler Wolfgang Petrovsky über die Eröffnung der Kunstausstellung auf Schloss Burgk. 
Rolf Günther (r.) freut sich 1991 mit dem Freitaler Künstler Wolfgang Petrovsky über die Eröffnung der Kunstausstellung auf Schloss Burgk.  © Museum/Siegfried Huth

Schloss Burgk ist Rolf Günthers Lebenswerk. Für seine Verdienste bekommt der 63-Jährige nun auf Beschluss des Stadtrates den mit 3000 Euro dotierten Kultur- und Kunstpreis der Stadt Freital. Oberbürgermeister Uwe Rumberg (CDU) übergab ihm die Auszeichnung am Donnerstag im Festsaal des Schlosses Burgk.

Günther ist Dresdner geblieben, wäre aber gern Freitaler geworden. Schon 1988, sagt er, habe er einen Wohnungsantrag bei der Stadt gestellt, ohne Erfolg. In den späten Neunzigern verhandelte er dann mit Bürgermeister Klaus Mättig über den Kauf eines Grundstücks in Pesterwitz. „Aber ich kam nicht zum Zuge, ich war eben nicht privilegiert“, sagt er und lacht. So baute er vor neunzehn Jahren in Dresden ein Haus für sich, seine Frau Regina und seinen inzwischen 30-jährigen Sohn Helge.

Noch ein reichliches Jahr lang wird Rolf Günther von Dresden nach Burgk zur Arbeit kommen, dann geht er in den Ruhestand. Sein Büro hat er im Westflügel, dort, wo 1987 das Dach fehlte. „Wenn ich mir vor Augen führe, wie es hier damals aussah, dann könnte ich schon zufrieden sein“, sagt Günther. Wenngleich er noch Träume hat, wie den Wiederaufbau des Torhauses, das er sich für die Erweiterung der Ausstellung zur Stadtgeschichte wünscht. Diese endet nämlich momentan kurz nach der Wende, als noch die Misthaufen auf dem Schlosshof lagen.