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Rettungsaktion für Freitals Mittelalter

Die 19 Platten bedeckten einst die Gräber von Döhlener Persönlichkeiten. Nun werden sie vor dem Verfall bewahrt - unter anderem mithilfe von Alkohol.

Michael Eilenberger und Heiko Gerloff arbeiten weiter an den Grabplatten in der Denkmalhalle an der Lutherkirche Döhlen.
Michael Eilenberger und Heiko Gerloff arbeiten weiter an den Grabplatten in der Denkmalhalle an der Lutherkirche Döhlen. © Karl-Ludwig Oberthür

Es riecht scharf nach Chemie, als Michael Eilenberger den Kanister öffnet. "Das ist nur Alkohol", versichert der Restaurator und füllt das farblose Konzentrat in eine handliche Sprühflasche. Dann macht sich der Mann, ausgerüstet mit Gummihandschuhen, festem Schuhwerk und derber Schürze, ans Werk. Eilenberger verteilt die alkoholische Lösung großzügig auf die Sandsteinplatten, die an der offenen Denkmalhalle hinter der Döhlener Kirche hängen. Er besprüht die Gesichter längst verstorbener Ritter und ihrer Frauen, die Rüstungen, Gewänder, Degen. Auch die Innenschriften und Familienwappen bekommen etwas ab. 

Der Alkohol soll einen Reinigungsprozess in Gang setzen. Denn die Grabplatten sind von einer jahrhundertealten Schmutzschicht und Ablagerungen überzogen, die es mitunter unmöglich machen, überhaupt noch etwas zu erkennen. Verwundern kann das nicht. Die insgesamt 19 Sandsteinkolosse reichen zurück bis ins tiefste Mittelalter. Damals, 1356, wurde eine Barbara Küchenmeister in der Döhlener Kirche beerdigt. Die jüngste Grabplatte wurde 1769 gemeißelt, als ein M.J. von Polenz starb. Die meisten Platten wurden zwischen 1580 und 1690 angefertigt.

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Alle Steine befanden sich einst im Innenraum der alten Döhlener Dorfkirche. Als diese Ende des 19. Jahrhunderts einem größeren Neubau wich, wurden die Grabplatten ausgelagert. Mehrere Jahre standen sie unter freiem Himmel - sie lehnten einfach an einer Mauer des Kirchengeländes. Das setzte dem Sandstein arg zu. 

Geschichtsbewusste Döhlener starteten schließlich eine Rettungsaktion:  Mit finanzieller  Unterstützung des Freiherrn Dathe von Burgk wurde 1899 eine offene Halle errichtet, in der die Grabplatten zur Schau gestellt wurden. Geld für den Bau kam sogar vom russischen Zaren Nikolaus II. Denn dessen Vorfahrin, Zarin Katharina II. - auch die Große genannt - hatte wiederum Vorfahren im Dörfchen Döhlen. Über mehrere Generationen stammte sie von der Familie Zeutsch ab, den Besitzern des Döhlener Rittergutes. Auch die Grabplatten einiger Zeutschs sind erhalten und nun Aufgabe von Michael Eilenberger. 

Eilenberger ist Diplomrestaurator aus dem Erzgebirge und ein Mann mit Erfahrung. Seine Spezialität: alles aus Stein. Er hat schon an Schlössern, Kirchen, auf Friedhöfen und an denkmalgeschützten Häusern gearbeitet. Vor zwei Jahren nahm er sich der ersten Platten der Döhlener Denkmalhalle an, die am meisten gelitten hatten.

Spendenaufruf gestartet

Zu verdanken ist die Rettungsaktion dem Pesterwitzer Eberhard Kammer. Der ehrenamtliche Denkmalpfleger kam vor Jahren auf einem Spaziergang an der Denkmalhalle vorbei - und erschrak. "Müll und Laub lagen herum, einige hatten die Halle als Toilette benutzt, der Putz fiel von den Wänden", erinnert er sich. Er informierte die Stadtverwaltung, putzte etliche Klingeln und erreichte, dass der Bau gesichert wurde. Für die Grabplatten selbst reichte das Geld nicht. Kammer gab nicht auf. "Man muss den Leuten auf die Nerven gehen", sagte er und startete in Zusammenarbeit mit der Kirchgemeinde einen Spendenaufruf. Inzwischen ist eine fünfstellige Summe zusammengekommen und Restaurator Eilenberger konnte im Frühjahr 2018 mit der Arbeit an den beginnen.

Jetzt ist er wieder da, um alle restlichen Platten "auf einen Rutsch" zu bearbeiten. Vorgesehen ist, die Denkmale in ihrem Bestand zu sichern. Sie werden zunächst gereinigt und aufgehellt. Dann erfolgt eine sogenannte strukturelle Steinfestigung, wie Eilenberger erläutert: "Mithilfe eines Bindemittels werden poröse Stellen behandelt. Das verhindert, dass der Sandstein weiter abplatzt oder abbröckelt." Anschließend sind Risse, Löcher und Dellen zu schließen. Der letzte Arbeitsschritt ist das Retuschieren, also die farbliche Anpassung der Ausbesserungsstellen an das Original. Michael Eilenberger ist nicht der erste Restaurator, der sich der Platten annimmt. Deutlich sind an manchen Stellen ältere Bearbeitungsspuren zu erkennen. Einige Risse und Löcher wurden möglicherweise schon beim Umsetzen von der Kirche nach draußen repariert.

Mitte Juni möchte Eilenberger mit seiner Arbeit fertig sein. Für Eberhard Kammer ist das Projekt dann noch längst nicht abgeschlossen. Die Denkmalhalle wurde einst auch bemalt, mit Wappen, Stammbäumen und einem Himmel. Über den einzelnen Tafeln standen Erklärungen zu den Innenschriften. Heute ist davon vieles nicht mehr erhalten oder nur noch schwierig lesbar. "Mein Ziel ist es, auch die Bemalung wieder herstellen zu lassen", sagt Kammer. Er sammelt dafür weiter Geld und hofft, im nächsten Jahr, zum 100. Stadtgeburtstag, Freitals mittelalterliches Erbe in neuem Glanz zu sehen.

Wer das Projekt unterstützen möchte, kann auf folgendes Konto der Kirchgemeinde spenden: Kassenverwaltung Pirna, RT0852 Denkmalhalle Döhlen, IBAN: DE 11 3506 0190 1617 2090 27

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