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Freitals Pfarrer hat im Ruhestand viel vor

Christoph Singer übernahm vor 23 Jahren die Kirchgemeinde Deuben. In seine Amtszeit fielen zwei Katastrophen und eine Mammutaufgabe.

Christoph Singer verabschiedet sich am Sonntag in der Deubener Christuskirche von seiner Gemeinde.
Christoph Singer verabschiedet sich am Sonntag in der Deubener Christuskirche von seiner Gemeinde. © Karl-Ludwig Oberthür

Zur Kirche geht er gleich hinten rein. Die schmale Tür neben dem Altarraum ist schneller aufgeschlossen als das große Portal an der Westseite. Das Licht im Inneren ist gedämpft, was an dem wolkenverhangenen Himmel über Freital an diesem Tag liegt. "Fast so wie damals, als ich zum ersten Mal hierher kam", erinnert sich Christoph Singer. 

23 Jahre sind seitdem vergangen, aber der Pfarrer hat jenen Tag noch gut vor Augen. "Es war Mai, aber alles war total grau. Der Himmel, die Fassaden der Häuser, das Pfarramt. Und die Kirche erst: Sie wirkte, als solle man sie besser meiden." Singer - wenig begeistert vom ersten Eindruck - hielt damals seinen Vorstellungsgottesdienst im Gemeindesaal. Dann wurden er, seine Frau und die sieben Kinder von den Gemeindemitgliedern zum Mittagessen eingeladen. "Ich war von der Freundlichkeit und dieser liebevollen Aufmerksamkeit überwältigt. Das gab für mich den Ausschlag. Da wusste ich, hier will ich trotz allem her." 1997 wurde Christoph Singer Pfarrer von Deuben. Nun verabschiedet er sich in den Ruhestand. Seinen letzten Gottesdienst wird er am 28. Juni in der Christuskirche feiern. 14 Uhr geht es los.    

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Kaum sind die ersten Meter zurückgelegt, ertönt lautstark diese Frage. Denn so schön das Wandern ist, ohne Picknick ist der Spaß nur halb so groß.

Christuskirche war ein Sanierungsfall

Dass ein Pfarrer 23 Jahre lang ein und dieselbe Pfarrstelle leitet, ist ungewöhnlich. Die evangelischen Landeskirchen legen Wert auf ein Rotationsprinzip und ermuntert ihre leitenden Angestellten, wenigstens alle zehn Jahre zu einem Ortswechsel. Auch Christoph Singer war vor 1997 schon mehrmals umgezogen. Geboren 1954 in Freiberg, wuchs er in Leipzig auf. Er studierte in der Messestadt und in Naumburg. Seine erste Stelle trat er im vogtländischen Treuen an. Nach sieben Jahren wechselte er nach Crimitzschau, wo er ebenfalls sieben Jahre Dienst tat. Freital war seine dritte Etappe. Zu einem abermaligen Umzug war er nicht bereit, vielleicht lag es auch an den Umständen.

Denn es galt, in Freital vieles anzupacken. Die Deubener Christuskirche zum Beispiel. Zu DDR-Zeiten wurde bereits der Abriss des maroden Gotteshauses, welches 1986 baupolizeilich gesperrt werden musste, diskutiert. Singers Vorgänger erwirkten schließlich, dass der Turm repariert wurde. Doch im Inneren sah es schrecklich aus. Singer: "Der Putz fiel von den Wänden, alles war grau und dreckig." Dennoch wollten gleich zu Beginn seiner Amtszeit zwei Hochzeitspaare unbedingt in der Christuskirche getraut werden. "Den Leuten war es nicht egal, was mit der Kirche wurde. Das war für mich ein Zeichen."

Als erstes wurde der Altarraum mit seinen Fenstern saniert, viele Gemeindemitglieder halfen dabei. Als nächstes erfolgten der Einbau einer neuen Heizung und einer Toilettenanlage. Nach mehr als zwei Jahrzehnten feierten die Deubener Christen zu Beginn des neuen Jahrtausends erstmals wieder ein Weihnachtsfest in der Kirche. Dann kam die Flut, die erste Katastrophe. Pfarrhaus und Kirche standen unter Wasser, der Schaden war enorm. Die Gemeinde packte abermals an. Heute ist die Kirche mit ihrem offen liegenden Dachstuhl, den hölzernen Emporen und der erneuerten Orgel ein Hingucker. "Für mich grenzt das an ein Wunder. Wir haben die Sanierung nicht aggressiv verfolgt, vieles hat sich ergeben und sich mitunter zufällig gefügt", erinnert sich Singer.

Das Fahrrad war für den Pfarrer in den vergangenen Jahren das Verkehrsmittel der Wahl, um schnell durch Freital zu kommen - auch im Talar, wenn die Zeit zwischen den Gottesdiensten knapp war.
Das Fahrrad war für den Pfarrer in den vergangenen Jahren das Verkehrsmittel der Wahl, um schnell durch Freital zu kommen - auch im Talar, wenn die Zeit zwischen den Gottesdiensten knapp war. © Karl-Ludwig Oberthür

Nicht ganz so zufällig wirkten im Hintergrund mehrere Reformen. So gehörte die Deubener Kirchgemeinde zunächst zum Verwaltungsbezirk Dresden, dann zu Dippoldiswalde und schließlich zu Freiberg. 1999 schlossen sich die Gemeinden Potschappel-Döhlen, Deuben und Hainsberg-Somsdorf zum Kirchspiel zusammen. 2014 erfolgte die Vereinigung zur Kirchgemeinde Freital. Doch von den damals noch drei Pfarrern gingen seitdem zwei Kollegen weg. Singer stand plötzlich alleine mit 3.000 Gemeindemitgliedern da. "Die letzten zwei Jahre waren schon anstrengend. Ich musste 300 Prozent geben und bin dabei auch an meine Grenzen gestoßen", muss Singer zugeben. Vor allem das Gemeindegebiet Hainsberg-Somsdorf habe unter der langen Vakanz gelitten. "So gut es ging, habe ich dort vertreten. Aber zeitlich war vieles, was hätte getan werden müssen, nicht zu schaffen."

Und dann kam noch Corona dazwischen. Diese Wochen seien zwar nicht so arbeitsintensiv gewesen, aber in menschlicher Hinsicht seltsam. "Die Flut hat 2002 die Menschen zusammengebracht. Corona hat die Menschen distanziert", fasst Springer die zweite Katastrophe in seiner Amtszeit zusammen. Noch heute sei kein normales Gemeindeleben möglich. "Ich hatte zwar plötzlich an den Wochenenden Zeit, aber vieles, was mir am Ende meiner Dienstzeit noch wichtig war, konnte ich nicht mehr erledigen." Gemeinsame Ausflüge und Zusammenkünfte fielen aus, die Konfirmation musste in den September verschoben werden.

Viel Arbeit auf der Zielgeraden

Dafür liegt auch an seinen letzten Arbeitstagen noch viel Arbeit auf Singers Tisch. Taufen, Beerdigungen, Bürokram, die Aufnahmen für den Internet-Gottesdienst - Alleinunterhalter Singer hat noch eine lange Aufgabenliste vor sich. Dann muss er sein Arbeitszimmer, in dem sich die Bücherregale biegen, räumen. Ein Nachfolger ist allerdings nicht in Sicht. Zumindest wird die Pfarrstelle Nummer zwei neu besetzt. Eine Pfarrerin wird kommen, sie ist in Freital bereits auf Wohnungssuche. Bis sie ihren Dienst antritt, werden Kollegen aus Wilsdruff, Mohorn und Oelsa die Seelsorge übernehmen. Die Gottesdienste werden unter anderem von Pfarrern im Ruhestand übernommen. Für die Kirchenbesucher dürfte das sehr abwechslungsreich werden.

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Abwechslungsreich stellt sich Christoph Singer auch seinen Ruhestand vor. Fünf Enkel hat er inzwischen, die er gerne öfter besuchen möchte. Mit dem Rad will er sich auf Mehrtagestouren begeben und hat sich schon einen Schlafsack und eine Isomatte gekauft. Demnächst kommt noch ein Zelt dazu. Dann hat er sich für einen Sprachkurs in Griechisch und Hebräisch angemeldet. Zudem möchte er wieder mehr Musik machen - Klavier und Orgel spielen zum Beispiel. Ganz aus der Welt sein wird er für Freitals Christen aber nicht - Christoph Singer bleibt in der Stadt wohnen und auch Gemeindemitglied. Und vielleicht steht er ab Mitte des nächsten Jahres auch wieder vor der Kirchgemeinde - als Pfarrer im Ruhestand hält er sich dann bereit für Vertretungsaufgaben.

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