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Handarbeit im Salbeifeld

Die Heilpflanzen am Stadtrand von Freital blühen - aber nicht so ertragreich wie sonst. Das liegt am Wetter.

Cindy Richter gehört zu den Bombastus-Mitarbeitern, die diese Woche bei Freital die Salbeiblüten ernten.
Cindy Richter gehört zu den Bombastus-Mitarbeitern, die diese Woche bei Freital die Salbeiblüten ernten. © Egbert Kamprath

Die Hummeln und Bienen sind die Ersten, die sich an diesem Morgen für den Salbei interessieren. Geschäftig summen sie auf der Suche nach Nektar von Blüte zu Blüte. Sie sollten sich beeilen, denn in Kürze wird es hier nichts mehr zu holen geben. Auf dem Feld, am Stadtrand von Freital zwischen Wurgwitz und Oberhermsdorf gelegen, findet in dieser Woche die Ernte statt.

Angebaut wird der Salbei von den Bombastus-Werken. Die Aktiengesellschaft aus Freital, gegründet 1904, verarbeitet die Heilpflanze zu verschiedenen Produkten und gilt als einer der größten europäischen Anbaubetriebe. Die Felder bei Wurgwitz sind sozusagen eine botanische Seltenheit und Anfang Juni ein Ausflugsziel vieler Spaziergänger. Viel zu sehen gibt es dieses Jahr allerdings nicht. Der violette Blütenteppich, der der Gegend für wenige Tage im Jahr ein Hauch von Provence verleiht, zeigt sich 2020 sattgrün mit violetten Tupfen - und nicht violett mit grünen Tupfen. 

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Hier sollte eigentlich ein violetter Teppich blühen, stattdessen überwiegt die Farbe grün.
Hier sollte eigentlich ein violetter Teppich blühen, stattdessen überwiegt die Farbe grün. © Egbert Kamprath

Schuld daran ist das Wetter. Der Frühling war nicht nur sehr trocken, er wurde in den entscheidenden Nächten auch zu kalt. In der Phase, als der Salbei seine Blüten ansetzte, sank die Quecksilbersäule in den Minusbereich. "Das hat die Blütenbildung empfindlich gestört", erklärt Joachim Günther, Vorstand der Bombastus-Werke. Der Salbei verzögerte seine Blüte nicht, er brach sie regelrecht ab. Nur wenige, vermutlich geschützt stehende Pflanzen, zeigen nun ihre violette Pracht. Die meisten Pflanzen jedoch haben nur spärliche Blütenstängel.

Nur zwanzig Prozent des normalen Ertrags

Joachim Günther schätzt, dass Bombastus nur gut ein Fünftel der durchschnittlichen Ernte einfahren wird. Weil die Blüte so dürftig und lückenhaft ist, kann noch nicht mal eine Maschine für die Ernte eingesetzt werden. Die Mitarbeiter müssen die Blüten mit der Hand einsammeln. Viele nehmen es gelassen hin. "Mir macht es Spaß, bei dem sonnigen Wetter auf dem Feld zu stehen. Das ist viel schöner als Büroarbeit", sagt Cindy Richter und schiebt sich den Strohhut zurecht. Dann zeigt die Bombastus-Mitarbeiterin, wie Salbeiernte funktioniert. Sie greift sich ein Büschel Blüten, nimmt die Schere in die Hand und schneidet die Stängel flugs ab. Anschließend packt sie die Ernte einfach in die große Bauchtasche ihrer Spezialschürze und greift das nächste Büschel. Ein paar Pflanzen weiter ist die Schürze voll, die Blüten werden nun in einen Kunststoffsack umgelagert. 

Die Bombastus-Werke bewirtschaften rund 40 Hektar Fläche zwischen Wurgwitz und Oberhermsdorf. Auf 22,5 Hektar wächst Salbei unterschiedlichen Alters, auf den restlichen Feldern steht Winterweizen oder Luzerne. Der Fruchtwechsel ist wichtig, damit sich die Böden erholen können. Die Salbeipflanzen werden fünf Jahre genutzt. Selbst am Lebensende dienen sie noch einem guten Zweck: Sie werden sorgfältig gerodet, denn auch die Wurzeln werden zu Heil- und Pflegeprodukten verarbeitet. 

Nur ein kleiner Bereich - dieses Jahr 1,5 Hektar - wird zum Blühen gebracht. Die anderen Salbeipflanzen wurden im März frühzeitig gestutzt, damit sie keine Blüten ausbilden, sondern lediglich Blätter treiben. Diese werden im Juli geerntet und getrocknet, um daraus Tees herzustellen.

Die Blüten enthalten ätherische Öle, die als Wirkstoff in Heil- und Kosmetikartikeln verwendet werden.
Die Blüten enthalten ätherische Öle, die als Wirkstoff in Heil- und Kosmetikartikeln verwendet werden. © Egbert Kamprath

Die Blüte hingegen enthält wichtige Wirkstoffe, sogenannte ätherische Öle. Diese werden extrahiert und zu Salben, Cremes, Zahnpasta, Essig, Bonbons oder Salbeiblütentrunk verarbeitet. Um diese Wirkstoffe zu gewinnen, werden die Blüten nach der Ernte in einem Alkohol-Wasser-Gemisch eingelegt. Die Extraktion dauert über mehrere Monate. "Im Herbst erfolgt dann der nächste Verarbeitungsschritt", erklärt Joachim Günther. Dass die Ernte nun so schlecht ausfällt, sei zwar ärgerlich, aber noch zu kompensieren. "Wir haben noch Salbei-Extrakt aus dem vergangenen Jahr übrig."

Keine Chance für Unkraut

Immerhin, das trockene Frühlingswetter hatte auch seine guten Seiten. So ist im Salbeifeld eigentlich das Unkraut und nicht das Wetter der große Feind. Zwölf Mitarbeiter und drei Saisonkräfte der Abteilung Feldbau sorgen schon seit März dafür, dass sich keine anderen Pflanzen in den Salbeifeldern ansiedeln. Auch das ist Handarbeit. "Da liegen wir gut im Rennen, weil Unkraut ohne Wasser schlecht wachsen kann", sagt Joachim Günther. Der Salbei dagegen hat die Trockenheit ganz gut weggesteckt und vom Regen im Mai profitiert.

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Wenn die Blütenernte in diesen Tagen eingeholt ist, beginnt schon die Vorbereitung auf die nächsten Arbeiten. Die Blatternte für die Teeproduktion wird vorbereitet. Zwar übernehmen das Maschinen, aber dabei dürfen wieder Unkraut noch restliche Salbeiblüten im Bestand sein. Das Putzen des Bestandes ist ebenfalls Handarbeit. "Dafür brauchen wir Unterstützung und bieten wie immer Ferienjobs für Schüler an, die sich ihr Taschengeld aufbessern wollen", wirbt Vorstand Günther. Neben der Bezahlung garantiert er viel Bewegung an frischer Luft und einen schönen Rundblick über Freital. 

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