merken
PLUS

Freital

Entschuldigung, wo geht's hier ins Zentrum?

Freital ist auf der Suche nach seiner Mitte und damit auch nach seiner Identität. Der Versuch einer Klärung.

Hier soll Freitals Zentrum wachsen. Es sollen Wohnungen entstehen, Büros, neue Läden, Cafés, Räume für Kultur, Plätze zum Verweilen, kleine Parks.
Hier soll Freitals Zentrum wachsen. Es sollen Wohnungen entstehen, Büros, neue Läden, Cafés, Räume für Kultur, Plätze zum Verweilen, kleine Parks. © Karl-Ludwig Oberthuer

Stellen Sie sich vor, Sie kommen gerade die Poisentalstraße herunter. Ausnahmsweise mal zu Fuß. Sie biegen an der Dresdner Straße nach rechts ab in Richtung Neumarkt. Gerade da begegnet Ihnen eine Schulklasse. Die Lehrerin spricht Sie an: "Entschuldigung, wir sind eine zehnte Klasse aus Oberhausen und erkunden gerade unsere Partnerstadt. Wo geht's denn hier eigentlich ins Zentrum?" Gute Frage, antworten Sie spontan und gewinnen etwas Zeit zum Überlegen. Wo ist eigentlich das Zentrum von Freital?

Eine Frage, die tatsächlich nicht so leicht zu beantworten ist und die zunächst einmal weitere Fragen aufwirft. Was ist ein Zentrum? Das Wort kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie "fester Schenkel des Zirkels, um den sich der andere dreht". Es ist also der Mittelpunkt eines Kreises. Im Falle einer Stadt also die Mitte, klar, das weiß jeder. Die Frage nach dem Wo, ließe sich also mit ein bisschen Geometrie beantworten. In Freital landet man da - zumindest so ungefähr - dort, wo Sie gerade die Schulklasse getroffen haben. An der Dresdner Straße zwischen Busbahnhof, Sächsischem Wolf und Neumarkt. Also dort, wo Freital gerade dabei ist, sein Zentrum zu entwickeln.

Anzeige
Gemeinsam allem gewachsen

Die Sparkassen-Versicherung Sachsen ist auch in dieser außergewöhnlichen Situation für ihre Kunden da.

Das Zentrum einer Stadt ist aber eben nicht nur der geometrische Mittelpunkt, sondern sollte auch der Lebensmittelpunkt der Menschen sein. Der Ort, wo sie sich gern mit Freunden und Bekannten treffen, wo sie gern Zeit verbringen, sei es beim Einkaufen, beim Bummeln, zur Erholung, mit Kultur oder wie auch immer. Erste Schritte zur Entwicklung einer solchen lebendigen Mitte hat Freital in den letzten Jahren unternommen und auch 2019 weiter vorangetrieben. 

Der Neumarkt wurde neu gestaltet. Die von vielen zunächst belächelte Pergola erhielt inzwischen sogar eine Auszeichnung. Belebt wird die Fläche mit einem Wochenmarkt. Auch die Flohmarkthändler tragen dazu bei, das oben genannte Kriterien zum Teil erfüllt sind. Das Aufstellen einer öffentlichen Toilette am Neumarkt wurde gerade erst vom Stadtrat beschlossen. 

Doch reicht das aus? Sicherlich noch nicht. Es ist ein Anfang. Weitergehen soll die Entwicklung des Stadtzentrums auf der Fläche, wo einst die beliebte Gaststätte "Sächsischer Wolf" stand. Das Gebäude ist Geschichte. Das Areal an der Ecke Poisental-/Dresdner Straße liegt brach. Gras wächst friedlich vor sich hin. Der Stadtrat hatte beschlossen, das Grundstück von der RTLL-Gruppe entwickeln und bebauen zu lassen. Doch der Investor ließ Gutachten anfertigen, stellte hohen Sanierungsbedarf wegen Altlasten fest und wollte dafür Geld von der Stadt.

Das lehnte diese ab, zog die Zusage zurück, und verständigte sich mit einem neuen Investor auf die Bebauung. Ein Kaufvertrag ist noch nicht unterzeichnet, da RTLL zunächst seine Forderungen erfüllt sehen will. Ein Gericht erließ einen einstweiligen Verkaufsstopp. 

Mitwirkung ist gefragt

Doch trotz dieser misslichen Lage, an der die Stadt nicht ganz schuldlos ist, wird im Hintergrund natürlich weiter an der Entwicklung eines Zentrums für Freital geplant, das den Namen auch verdient. Und da steht wieder eine Frage im Raum, die es zu klären gilt. Was braucht es, damit die neue Mitte Freitals auch angenommen wird?

Zuallererst einmal Mitwirkung. Was erwarten die Freitaler von ihrem Zentrum? Sicherlich keine gesichtslose Massenarchitektur von der Stange. Klar, Freital ist nicht Hamburg, das sich für schlussendlich 866 Millionen Euro die Elbphilharmonie gebaut hat. Und Freital ist auch nicht Berlin, das mit dem Potsdamer Platz ein neues Zentrum bekommen hat und auch das alte Stadtschloss neu baut. Freital ist eine Stadt mit jetzt etwas mehr als 40.000 Einwohnern. Tendenz steigend. Und doch werden da sicher nicht alle Träume wahr.

Es braucht den Mut, mit den vorhandenen Mitteln zukunftsfähige Entscheidungen zu treffen und auch umzusetzen. Dazu gehört es auch, nicht dem erstbesten Investor zu vertrauen. Insofern ist die Auseinandersetzung mit RTLL sicherlich richtig. Es gehört aber auch der Mut dazu, architektonische Entwürfe durchzusetzen, die nicht sofort den Massengeschmack treffen. Das Blaue Wunder wurde in Dresden zur Zeit seiner Entstehung auch alles andere als schön gefunden.

Freital sollte die Chance begreifen, die in seiner jungen Geschichte steckt. Kein Zentrum zu haben, keinen Lebensmittelpunkt, das ist zwar auch ein Mangel an Identität. Doch diese ließe sich nun gewinnen mit einer lebenswerten Stadtmitte. Es ist eine Chance, die Entwicklung bewusst steuern zu können und nicht dem Zufall überlassen zu müssen.  

Ideen sind gefragt

Weiterführende Artikel

Symbolbild verwandter Artikel

"Wir dürfen keine Zeit verlieren"

Freital will sein Zentrum bebauen. Wie das gut gelingen kann und was jetzt die nächsten Schritte sind, darüber spricht CDU-Fraktionschef Martin Rülke.

Symbolbild verwandter Artikel

"Wir brauchen den Wow-Effekt im Zentrum"

Der Freitaler FDP-Stadtrat Lothar Brandau streitet für eine wertvolle Bebauung am „Sächsischen Wolf“. Im Interview spricht er über Fehler, Risiken und Chancen.

Symbolbild verwandter Artikel

Wie ein Architekt Freitals Zentrum plant

Hardy Wolf muss die Balance zwischen Einkaufen, Wohnen und Arbeiten finden. Und er macht ein Versprechen.

Symbolbild verwandter Artikel

Ein Haus der Moderne mitten in Freital

Der Neumarkt sollte das Zentrum der Stadt werden. Nur zwei Gebäude wurden gebaut. Eines ist etwas Besonderes.

Symbolbild verwandter Artikel

Herr Rumberg, wie weiter im Stadtzentrum?

Freitals verschobenes Großvorhaben, die AfD stärkste Kraft im Rat und das Ende der Lederfabrik. Ein Gespräch mit dem OB.

Symbolbild verwandter Artikel

Stillstand in Freitals Stadtzentrum

Der geschasste Investor hat einen Verkaufs-Stopp für das Gelände des Sächsischen Wolfs erwirkt. Wird man sich noch einig?

Was also antworten Sie nun der Schulklasse? Vielleicht ungefähr so: Hier, wo wir gerade stehen, ist Freitals Zentrum. Es ist heute noch nicht das, was sich die Freitaler wünschen. Aber die Stadt arbeitet daran. Es sollen Wohnungen entstehen, Büros, neue Läden, Cafés, Räume für Kultur, Plätze zum Verweilen, kleine Parks. Schaut euch heute hier um, entwickelt Ideen und schickt sie uns. Und wenn ihr in zehn Jahren wiederkommt, erlebt ihr hier vielleicht wirklich schon ein richtig lebendiges Stadtzentrum.

Mehr Nachrichten aus Freital lesen Sie hier. 

Täglichen kostenlosen Newsletter bestellen