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Freitalerin posiert für den Playboy

Cindy hat ein Shooting für das Männermagazin gewonnen. Karrierestart oder Endstation für die 21-Jährige?

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Von Marleen Hollenbach

Ein wenig verloren sitzt sie auf ihrem Stuhl. Den schwarzen Mantel will sie lieber anbehalten. Die langen blonden Haare trägt sie offen. Der Geruch ihres Parfüms erfüllt die Luft. Cindy ist 21 Jahre alt und hat eine Fotostrecke im Männermagazin „Playboy“ bekommen. Vier Seiten sind ihr gewidmet, der jungen Freitalerin mit der Zahnlücke. Es erfüllt sie mit Stolz, sagt sie. Doch was kommt nach dem Playboy? Wo sieht sie sich in 20 Jahren? „Ich glaube nicht, dass ich dann noch leben möchte“, sagt die 21-Jährige. Alt werden, das macht Cindy Angst. „Ich weiß ja schließlich nicht, in welchem Zustand ich dann bin.“

Die verführerische Pose hat die 21-Jährige Cindy schon geübt. Acht Stunden dauerte das Fotoshooting für das Männermagazin. Irgendwann einmal hofft die Freitalerin, von ihren Fotos leben zu können. Bisher bleiben die großen Angebote allerdings aus.Foto: Er
Die verführerische Pose hat die 21-Jährige Cindy schon geübt. Acht Stunden dauerte das Fotoshooting für das Männermagazin. Irgendwann einmal hofft die Freitalerin, von ihren Fotos leben zu können. Bisher bleiben die großen Angebote allerdings aus.Foto: Er

Es war keine Rebellion gegen die Mutter, keine Suche nach einer Perspektive, nicht einmal eine durchdachte Handlung – als Cindy ein Bewerbungsfoto an Bild schickte, wusste sie nicht, was das auslösen würde. Der Rückruf und die Einladung kamen für sie völlig unerwartet, beim Shopping, sagt sie. Die Überraschung sei groß gewesen. Und doch soll es nun der Anfang einer großen Karriere sein. „Schön wäre es, irgendwann einmal von meinen Fotos leben zu können, Deutschland hinter mir zu lassen und um die Welt zu reisen“, sagt Cindy. Dann muss sie kichern. So richtig daran glauben kann sie nicht.

Vom Geld noch nichts gesehen

Es ist die Welt von „Germanys next Topmodel“, in der auch Cindy gerne leben würde. Gerade erst werden wieder wöchentlich die neuen Folgen im Privatfernsehen ausgestrahlt. Brust raus, Bauch rein. Wer weiterkommen möchte, der benötigt vor allem den richtigen Hüftschwung. Ein sexy Blick – schon liegt dir die Welt zu Füßen. Zumindest wird das suggeriert. Reisen, Geld und der schnelle Ruhm, all das versprechen sich die Teilnehmerinnen vom Modeln. Doch die Auswahlkriterien sind streng. Um es in die Welt von Heidi Klum und Co. zu schaffen, braucht Frau die richtigen Maße. Die hat Cindy nur zum Teil. „Für den Laufsteg bin ich mit meinen 1,65 Meter einfach zu klein“, sagt sie. Den Kontakt zur Glamourwelt fand die junge Frau auf anderem Wege. Das Fotoshooting bei der Bild-Zeitung war ein Anfang. Dass es sich um Nacktfotos handelt, stört die 21-Jährige nicht. „Es waren fast nur Frauen im Team, und es war ja auch ein professioneller Fotograf dabei“, erklärt Cindy. Doch mit den ersten Bildern war noch lange nicht Schluss. Einmal in den Medienrummel hineingeraten, fand sich die junge Freitalerin zusammen mit den anderen „Bild-Girls“ vor einer Jury wieder. Drei Tage sollten die Frauen vor den Juroren posieren. Allein und in der Gruppe. Dann stand fest: Cindy ist das „Bild-Girl“ des Jahres. Die Bildstrecke im Männermagazin war der Preis. Dafür sollte sie 10 000 Euro erhalten. Noch hat Cindy davon keinen Cent gesehen. Was sie mit dem Geld anstellen will, das weiß die Freitalerin nicht. „Ich bin ein geiziger Mensch“, sagt sie. Muss sie wohl auch sein.

Gemeinsam mit ihrer Mutter lebt Cindy in einer kleinen Wohnung. „Ich mache mein Ding und meine Mutter ihres.“ Ein richtiger Job fehlt der jungen Frau. Nach der Schule hat sie eine Friseurlehre begonnen, aber wieder abgebrochen. „Das war nichts für mich, weil ich mich vor den Kunden geekelt habe, vor allem dann, wenn jemand mit fettigen Haaren kam“, erzählt Cindy. Einem normalen Beruf nachzugehen, das sei ihr einfach zu langweilig.

Cindy blättert durch das aktuelle Männermagazin. Schaut sich ihre Bilder in Hochglanzoptik noch einmal an. Dann zeigt sie auf jene, die ihr nicht gefallen. Es sind zwei Fotos, auf denen ihr Gesicht deutlich zu erkennen ist. Ein Mitspracherecht bei der Bildauswahl hatte Cindy nicht. Ob sie es bereut, die Fotos gemacht zu haben? „Man muss im Leben alles einmal ausprobieren und sollte prinzipiell nie etwas bereuen. Dafür ist das Leben zu kurz“, sagt sie mit fester Stimme. Dann klappt sie das Männermagazin wieder zu.

Warten auf die großen Jobs

Auch auf ihrer Facebook-Seite sind einige Fotos zu sehen. Lasziv schaut sie auf dem einen Bild in die Kamera, auf einem anderen steigt sie nur mit Mantel bekleidet aus einer schwarzen Limousine. Über 2 000 Facebook-Nutzer haben die Seite bereits geteilt. Auch mit Kommentaren ist die Community nicht sparsam umgegangen. „Süß“, „Heiß“, „Traumfrau“ steht unter ihren Fotos. Doch es bleibt nicht dabei. „Willst du dich zu mir legen?“, fragt einer. „Ich lese nicht immer alle Kommentare, vielleicht ist das auch besser so“, erwidert Cindy, als sie damit konfrontiert wird. Außerdem seien die Männer, die solche Kommentare von sich geben, Tausende Kilometer entfernt. Wenn sich einer die Wand mit ihren Nacktfotos tapeziert, dann würde sie schließlich davon nichts mitbekommen. „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“, sagt sie.

Auch von der „Aufschrei-Debatte“ hat Cindy nichts gehört. Unter diesem Slogan teilten Tausende Frauen via Twitter ihre Erfahrungen mit Alltagssexismus, berichteten von dummen Sprüchen, Gewalt oder Übergriffen, die sie erdulden mussten. Für die Freitalerin ist das kein Thema. Cindy spielt mit ihrer Kette. Der große silberne Anhänger hat die Form eines Peace-Zeichens. Dann erklärt sie. „Wenn mich einer dumm anspricht, dann ignoriere ich das oder lache darüber. Frauen, die das aggressiv macht, kann ich nicht verstehen.“

Was Cindy mehr stört als anzügliche Sprüche von Männern, sind die Kommentare von Freunden und Bekannten. Vor allem ihre Freundinnen haben Kritik an den freizügigen Fotos geäußert. Mit einer hat sie deshalb jetzt auch keinen Kontakt mehr. „Typisch Frauen, die sind stutenbissig und neidisch“, erklärt Cindy lapidar. Mehr möchte sie zu diesem Thema nicht sagen. „Würde ich über diese Leute reden, käme ihnen eine Aufmerksamkeit zu, die sie gar nicht verdient haben“, so Cindy.

Betreten schaut sie zu Boden. Für einen Moment verschwinden das mädchenhafte Lächeln, die freche Zahnlücke. Für Menschen, die andere verurteilen, hat die junge Frau nichts übrig. Viel lieber seien ihr da Tiere. Ihr Hund, ein Chihuahua, den sie seit vier Jahren besitzt, steht an oberster Stelle. Bambi, Keks, Krümel, Schönheit – die Liste seiner Kosenamen ist lang.

Cindys Alltag hat sich seit dem Playboy-Shooting kaum verändert. Auf die großen Jobs wartet sie noch. Bisher allerdings vergeblich. Immerhin flog sie neulich nach Düsseldorf. Für das Fernsehen mimte sie im Boxring das Nummerngirl. Jetzt hofft sie auf weitere Angebote. Wenn es nach ihr geht, könnte ihr Gesicht schon bald die Titelblätter der großen Magazine schmücken. Auch eine Fernsehkarriere kann sie sich vorstellen. Bis es soweit ist, gibt Cindy Interviews. Dabei bat sie neulich ein Pressefotograf, verführerisch in die Kamera zu schauen. Das brachte die junge Frau aus der Fassung. „Ich schaue doch nicht in einem normalen Café mit Gästen sexy“, erklärt sie beinahe ein bisschen entrüstet.

Auch wenn es in Cindys Leben sehr viele Fragezeichen gibt; eines beschreibt sie erstaunlich klar. Sobald es ihr möglich ist, will die Freitalerin das Land verlassen. Die 21-Jährige zieht es in den Norden, nach Helsinki. Nicht nur, weil dort die großen Rockstars Konzerte geben, die Partys wilder und die Sprache schöner seien. „Dort ist das Leben einfach besser. In Deutschland gibt es doch zwischen den Menschen keinen Zusammenhalt mehr“, sagt sie.