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Medien sind nicht Freitals Feind

Seit dieser Woche steht die Stadt wieder im Fokus. Medienexperte Peter Stawowy über die Rolle der Berichterstatter.

© Sven Ellger

Freital. Freitals Ruf ist beschädigt. Seit den Schlagzeilen über die mutmaßliche Terrorzelle „Gruppe Freital“ steht die Stadt in der Schmuddelecke. Wie sie dort wieder rauskommen kann und welche Schuld die Medien an Freitals Image haben, darüber sprach die SZ mit dem Dresdner Medienberater und Medienjournalisten Peter Stawowy. Für die Landeszentrale für politische Bildung hat er voriges Jahr in Freital einen Bürgerdialog zum Thema Asyl moderiert.

Herr Stawowy, woran denken Sie, wenn Sie „Freital“ hören?

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Ich denke sofort an die Straße, über die man von Dresden fast nahtlos nach Freital gelangt. Das liegt aber wahrscheinlich daran, dass ich versuche, mich von Medien-klischees freizuhalten. Man kann natürlich nicht leugnen, dass durch die Medien die Sicht auf Freital nicht gerade positiv ist.

Freitals Image hat seit den fremdenfeindlichen Angriffen sehr gelitten. Welche Rolle spielen dabei die Medien?

Es gibt eine breite Palette an Medien, da gibt es gute und schlechte. Besonders die überregionale Medienwahrnehmung ist extrem schlecht. Gerade Boulevardblätter und die, die darauf aus sind, ihre Reichweiten zu erhöhen, neigen stark dazu, mit Klischees zu arbeiten. Da braucht nur eine kleine Sache zu passieren, die vielleicht nicht repräsentativ für eine Stadt ist, aber ein Klischee bedient und deshalb viele Klicks bringt.

Kann man den Medien also die Schuld an Freitals schlechtem Ruf geben?

Es gibt in der Politikkommunikation ein Sprichwort: Don’t kill the messenger, zu Deutsch: Töte nicht den Überbringer der Botschaft. Und man muss nun mal zuerst feststellen: Freital hat ein Problem. Dafür können die Medien erst mal nichts. Gerade im regionalen Bereich gibt es außerdem viele Medien, die sehr bemüht sind, fair zu berichten und ein differenziertes Bild zu zeichnen. Dazu zähle ich etwa die SZ, den MDR und die Lokalradios.

Aber gehen die Medien überhaupt noch vorurteilsfrei an die Berichterstattung über Städte wie Freital, Bautzen oder Heidenau heran?

Es gibt keinen Menschen, der ohne Vorurteile ist. Man braucht Vorurteile, weil man ohne sie die ganze Komplexität des Daseins überhaupt nicht erfassen könnte. Ein Journalist kann auch nicht neutral sein. In dem Moment, wo er eine Sache zum Thema macht, hat er schon die erste Wertung vorgenommen. Idealerweise sollte er breit recherchieren und alle Seiten zu Wort kommen lassen. Außer die natürlich, die die freiheitlich-demokratische Grundordnung nicht achten.

Über diejenigen, die sich in der Stadt gegen Fremdenfeindlichkeit engagieren, wird gerade in den überregionalen Medien viel weniger berichtet. Ist es da nicht klar, dass es zu Pauschalisierungen kommt? Ich meine, suchen Journalisten überhaupt nach Gegenbelegen für eine These?

Dahinter steckt ein unglücklicher Medienmechanismus. Klar gibt es in Freital tolle Leute, die sich engagieren. Aber auf Klischees, Skandale oder Konflikte springt der Leser mehr an, solche Überschriften reizen mehr. In der Wissenschaft gibt es den Begriff „Framing“: Ist für ein Thema einmal ein Interpretationsrahmen gesetzt, werden in den meisten Fällen alle anderen Medien diesem Rahmen folgen und versuchen, ihn weiter zu belegen. Damit verabschieden wir uns von einer wertfreien, ausgeglichenen Berichterstattung.

Da ist es durchaus berechtigt, wenn man auf die Medien schimpft …

Das ist die große Frage: Haben die Medien zuerst angefangen, die Klischees zu bedienen und die Leser reagieren nur? Oder liefern die Medien genau das, was die Leser gern hören und lesen wollen?

Kommen wir zurück zu Freital. Wie könnte die Stadt ihr Image drehen?

Das ist schwer. Man müsste versuchen, Freital mit anderen Begriffen in Verbindung zu bringen, ohne aber das Problem zu verschweigen oder gar etwas vorzugaukeln, was nicht ist. Da hilft keine schnelle Kampagne, das ist ein langer Prozess. Und da ist die komplette Stadt in der Pflicht. Man könnte versuchen, etwas auf die Beine zu stellen, mit dem man national oder gar international Reputation erlangt, etwas Kulturelles zum Beispiel. Aber es bringt nichts, wenn die Bürger die Stadt damit allein lassen.

Wie gefährlich kann Freitals Image für die Stadt sein?

Ich sage mal so: Auch Städte wie Sebnitz und Hoyerswerda sind gebrandmarkt, existieren aber noch. Es ist eben die Frage, ob die Freitaler so wahrgenommen werden wollen. Wenn nicht, müssen sie es ertragen oder aktiv werden. Gefährlich wird so ein Image dann, wenn sich etwa Investoren gegen den Standort Freital entscheiden oder sich potenzielle Zuzügler abwenden.

Kann die Aufmerksamkeit für Freital vielleicht auch Chance sein?

Die Weisheit „Auch schlechte PR ist gute PR“ gilt schon lange nicht mehr. Im Moment sehe ich nicht, dass diese Aufmerksamkeit Freital von Vorteil sein könnte. Es sein denn, die Stadt nutzt sie als Chance zum Aufbruch. Als Chance, um sich mal zu fragen: Wo stehen wir eigentlich? Wollen wir, dass unsere Stadt so wahrgenommen wird? Was können wir alle zusammen tun? Freitals Feind sind nicht die Medien, sondern die Nazis, die Rückhalt haben mit ihren Parolen oder nicht genug Gegenwind bekommen.

Was können Medien in der Berichterstattung besser machen?

Ich denke, seit dem Lügenpresse-Geschrei gibt es viele interessante Entwicklungen in der Medienwelt. Journalisten sind selbstkritischer geworden, in den Redaktionen wird viel mehr über Themen diskutiert. Wichtig ist eine ruhige Sachlichkeit und Ausgewogenheit. Journalisten dürfen sich nicht durch den Druck zur Schnelligkeit und dem Wettbewerb verleiten lassen. Sie müssen sich fragen: Springe ich über das Stöckchen, das mir hingehalten wird?

Und die Mediennutzer?

Heute gibt es jede Menge Medien, auch undifferenzierte. Außerdem kann inzwischen jeder mit dem Handy ein Video machen und ins Netz stellen. Viele sehen solche Ausschnitte und halten das für die Wahrheit. Ich empfehle eine kritische Distanz, zum allem, was man liest, hört, sieht. Tendenziell halte ich die Printmedien momentan für glaubwürdiger als Onlinemedien. Man sollte skeptisch sein, viele Quellen nutzen, immer überlegen, was ist Interessenslage hinter dem Stück. Und vor allem: sich nicht so schnell aufregen.

Was raten Sie den Bürgermeistern von Kommunen wie Freital in Sachen Krisenkommunikation?

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Ich kann den Bürgermeistern nur raten, die Medienmechanismen zu verinnerlichen. Es ist ein kapitaler Fehler, auf die Medien zu schimpfen, das zeigt sich gerade bei US-Präsident Trump. Ein Politiker, der in der Verantwortung steht und die Medien kritisiert, macht sich eine weitere Baustelle auf.

Das Gespräch führte Carina Brestrich