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Fremd im eigenen Körper

Ein Schüler will aus Scham nicht am Sportunterricht teilnehmen. Wie sollten Erwachsene reagieren? Eine Kolumne von Kinderpsychiater Veit Rößner.

© Matthias Rietschel

Einer meiner Schüler fühlt sich im falschen Körper. Er verbirgt seine Männlichkeit und möchte nicht am Sport mit den anderen Jungen teilnehmen. Die Kommunikation ist schwierig. Gespräche mit den Eltern fanden statt. Was kann ich als Klassenlehrer tun, damit sich dieser Junge wohlfühlt?

Wenn sich der Körper in der Pubertät verändert und erwachsene Formen annimmt, dann ändert sich alles. Besonders Mädchen sind mit ihrem Aussehen unzufrieden oder verachten es gar. Aber auch Jungen haben es nicht immer leicht, werden von den Veränderungen der Pubertät „überrumpelt“ und fühlen sich unattraktiv.

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Leider schreiben Sie nicht das Alter und ob der Junge selbst geäußert hat, sich im falschen Körper zu fühlen. Dies kommt zwar tatsächlich vor, viel häufiger ist es aber die vorübergehende Ablehnung von Veränderungen am eigenen Körper zwischen Kindheit und Jugend. Die Differenzierung zwischen beidem ist nicht möglich, ohne mit dem Kind oder Bezugspersonen gesprochen zu haben. 

Denn auch wenn es sich „nur“ um Schwierigkeiten mit den Veränderungen während der Pubertät handelt, werden beispielsweise Merkmale wie Brustwachstum oder -behaarung, das Runder- oder Kräftigerwerden des Körpers und die Veränderung der Behaarung des Körpers verborgen und abgelehnt.

Es ist für mich sehr schwierig, Ihnen individuelle Ratschläge zu geben, ohne genaue Hintergründe und Einzelheiten einer eventuell bestehenden komplexen Vorgeschichte zum Verhalten des Jungen zu kennen. Interessant wäre, ob es einen konkreten Auslöser für das Verhalten gab und ob er sich schon immer, also schon im Kindesalter, als Junge unwohl gefühlt hat. Dies könnte man unter Umständen auch am damaligen Aussehen, Frisur, Kleidungsstil oder im Gespräch mit den Eltern und mit ihm selbst herausfinden.

Große persönliche Not

Auf jeden Fall sollten auch Sie die beschriebene Problematik ernst nehmen, ist sie doch ein Hinweis auf eine große persönliche Not des Jungen. Den ersten Schritt sind Sie ja schon gegangen und haben Gespräche mit den Eltern geführt. Diese sollten je nach Alter des Jungen unbedingt in dessen Beisein stattfinden. Dabei können Sie Ihre Sorge zum Ausdruck bringen, Ihren Eindruck mit den Empfindungen der unmittelbaren Bezugspersonen abgleichen und bei Bedarf eine weiterführende Diagnostik beim Fachmann anregen, um Ursachen, Hintergründe und mögliche zusätzliche Belastungsfaktoren zu identifizieren.

Sie persönlich können, falls Sie ein gutes Verhältnis zu dem Jungen haben, das Gespräch suchen, Ihre Beobachtungen mitteilen und ihn je nach Reaktion direkt fragen, wie mit ihm umgegangen werden soll. Sie können auch fragen, wie er angesprochen werden möchte. Vielleicht hat er sich schon einen neutraleren Spitznamen ausgedacht. Sie können ihn auch auf einen der Vertrauenslehrer hinweisen. Manchmal ist eine dritte, gänzlich neutrale Person für zurückhaltende, belastete Kinder eine kleinere Hürde als der eigene Lehrer.

Die Pflicht zur Teilnahme am Sportunterricht muss möglichst mit den Eltern und dem Kind gemeinsam besprochen werden. Ein Attest kann nur ein Arzt ausstellen und würde nur eine zeitweise Entlastung bewirken. Vielleicht senkt diese formale Notwendigkeit auch die Hemmschwelle für die Familie, eine Beratung bzw. eine Diagnostik aufzusuchen. Eine langfristige Befreiung vom Sportunterricht sollte jedoch sehr sorgfältig abgewogen werden, da dieser Schritt den Jungen weiter isolieren und wahrscheinlich auch stigmatisieren würde.

Haben auch Sie eine Frage an den Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Dresdner Uniklinikum? Schreiben Sie an die Sächsische Zeitung, Nutzwerk, 01055 Dresden oder eine Mail an [email protected].

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