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Freunde der untergehenden Sonne

Paderborn wird derzeit vom „XXL-Penis-Skandal“ erschüttert. Dabei ist das, was Trainer Stefan Effenberg dort vorfindet, sonst eher eine Nummer zu klein.

© Tobias Kappel

Von Dirk Gieselmann

In keiner Sprache gibt es die Wendung, etwas sei so schön wie ein Flughafen, darauf hat der britische Schriftsteller Douglas Adams einmal hingewiesen. Dass auch Trainingsgelände von deutschen Zweitligisten sich nicht für schmeichelnde Vergleiche eignen, ist ein Gedanke, der einem durch den Kopf weht wie der Dezemberwind durch die Übergangsjacke, an diesem Freitagmorgen auf der Paderkampfbahn, dem Arbeitsplatz des Stefan Effenberg.

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Der SC Paderborn ist unter seinem neuen Trainer, der einst mit dem FC Bayern die Champions League gewann, bereits seit sieben Spielen sieglos. Am Zaun zwischen Fußballplatz und angrenzendem Spaßbad hängt ein Transparent aus Raufasertapete: „Seid eine Mannschaft, dann stehen wir weiter hinter euch“, hat jemand in schwarzen und blauen Lettern darauf gepinselt. „Es geht um den Verein, verdammt!“ In der Wasserrutsche weint ein Kind.

Drei Platzwarte stochern zwischen Reifenspuren, die quer über das Feld führen, im morastigen Geläuf, offenbar auf der Suche nach Grashalmen. André Breitenreiter, bis zum Sommer Trainer beim SC, fühlte sich auf diesem Gelände wie bei einem „Dorfverein“, er schimpfte: „Hier laufen Kinder auf den Platz, Hunde pinkeln in die Ecke.“ Unter diesen Bedingungen sei seine Mannschaft „der krasseste Außenseiter aller Zeiten“ – sagte Breitenreiter im Oktober 2014, da war der SC Tabellenneunter in der Bundesliga.

Gut ein Jahr später ist der SC Drittletzter im Unterhaus, Breitenreiter weg, Effenberg da, aber das neue Trainingsgelände noch immer nicht eröffnet. Stattdessen ziehen sich die Spieler in den Kabinen einer von der Stadt gemieteten Turnhalle um, der Cheftrainer ist im Büro des Hausmeisters hinter vergilbten Lamellenjalousien untergekommen. Ab und an linst ein Nackter über die Palisadenwand des Saunabereichs im Spaßbad nebenan zum Fußballplatz herüber. Nur mal gucken, ob er schon da ist: Effe, der Tiger in Ostwestfalen-Lippe.

Anfang Oktober, nach einem 0:1 in Duisburg und dem Absinken auf Tabellenplatz 15, wurde Markus Gellhaus von seinen Aufgaben als Trainer entbunden, Manager Michael Born trat mit Effenberg in Verbindung, auf der mallorquinischen Finca des Vereinsbosses und Möbeltycoons Wilfried Finke wurde kurz darauf der Vertrag unterzeichnet. Endlich ein Job für den Tiger, letzte Ausfahrt Zweite Liga. Er landete an einem Mittwoch in Ostwestfalen, im dicken Schneetreiben, „ich dachte, ich bin in Norwegen“, sagte er. Es war der Flughafen Paderborn-Lippstadt.

Das Training hat jetzt begonnen. „Weiter!“, ruft Effenberg übers geschundene Geläuf seinen Spielern zu, die sich in mehreren Gruppen beim Fünf-gegen-zwei abhetzen. „Weiter! Druck!“ Drei fehlen: Srdjan Lakic, Mahir Saglik und Daniel Brückner sind nach dem 0:4 in Bochum suspendiert worden. Mit einem Schokonikolaus in der Hand verließen sie die Geschäftsstelle, ein schwacher Trost, zumal die Ursachen für die Maßnahme recht undurchsichtig geblieben sind. Hatten die drei sich hängen lassen? Sollte ein Zeichen gesetzt werden, was man eben so machen zu müssen glaubt, nach sieben sieglosen Spielen? „Es gab keine richtige Begründung, es hätte jeden treffen können“, so Stürmer Süleyman Koc. „Das wissen sie schon“, sagt Effenberg. „Wenn sie das nicht verstehen, dann kann ich ihnen auch nicht helfen.“

Mogul lässt die Peitsche knallen

Ein Rentner mit Fahrradhelm glaubt, dass Präsident Wilfried Finke den Rauswurf veranlasst habe – und dem Trainer nichts anderes übrig geblieben sei, als sich zu fügen. Auch das gehört wohl zur neuen Lebenswirklichkeit des Tigers: Plötzlich ist ein Paderborner Möbelmogul der Dompteur, und der lässt die Peitsche knallen. Effenberg soll, so heißt es, recht beklommen gewirkt haben, als er Lakic, Saglik und Brückner mitteilte, dass sie nicht mehr mittrainieren dürfen.

Wie ein eingecremter Raubvogel sitzt der Trainer am Nachmittag in der Pressekonferenz in der Benteler-Arena. „Helden geben nie auf“, steht auf seinem Namensschild. Die Jungs sind gefordert, der Druck ist da, wir müssen den Kampf annehmen und uns dementsprechend präsentieren: Schließt man die Augen, kann man sich von solchen Abstiegskampffloskeln auch an einen anderen Ort tragen lassen, nach Hannover oder Bremen. Nur ab und an durchschneidet eine typische Effe-Parole den Singsang, dann klingt er, Freunde der Sonne, wieder wie früher, wie der Held in einem US-amerikanischen Sportdrama, das von einem sensationellen Comeback handelt, vom Triumph über alle Widerstände, als wollte er, von einem Geigen-Glissando untermalt, jetzt alle wachrütteln, die Spieler, die Fans, die drei Platzwarte, den Möbeltycoon, das weinende Kind in der Wasserrutsche und auch sich selbst: „Wir arbeiten hart, jeden verdammten Tag!“, ruft er. „Ich habe null Zweifel! Null Komma null!“ Und: „Du musst in jeder Sekunde an dich glauben. Es wird die Zeit kommen, in der die Sonne wieder scheint.“

Dann gibt Manager Born den Termin für das Winterpausentestspiel gegen Rheda-Wiedenbrück bekannt, und Gesamtgeschäftsführer Martin Hornberger vermeldet, dass es bei der Partie gegen Düsseldorf Weihnachtscookies für die Kleinen geben werde. Stefan Effenberg versucht, einen Schluck Kaffee zu trinken und gleichzeitig süffisant zu lächeln. Das Spiel gegen die Fortuna drei Tage später endet torlos. Es ist das achte ohne Sieg.