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Freundschaft im Angesicht des Feinds

Wie ein Nieskyer und seine Enkel noch heute von seinem Grenzdienst bei der Nationalen Volksarmee profitieren.

Günter Wiesenberg freut sich auf den 24. August. Dann trifft er zum 100. Mal auf seine „Armeekumpel“, mit denen er 1966 an der innerdeutschen Grenze Dienst geschoben hat. Die Freundschaft bezieht inzwischen auch die Familien mit ein. So fiebert Rosemarie
Günter Wiesenberg freut sich auf den 24. August. Dann trifft er zum 100. Mal auf seine „Armeekumpel“, mit denen er 1966 an der innerdeutschen Grenze Dienst geschoben hat. Die Freundschaft bezieht inzwischen auch die Familien mit ein. So fiebert Rosemarie ©  André Schulze

Neu ist die Sache für Rosemarie und Günter Wiesenberg nicht. Trotzdem fiebern sie dem Treffen mit ihren Freunden jedes Mal mit großer Vorfreude entgegen. Endlich, am 24. August ist es soweit, dann steht Wiedersehen Nr. 100 an. Nicht allein die Zahl ist außergewöhnlich, auch wie die Geschichte zustande gekommen ist, hat es in sich.

1966 musste der Nieskyer Dienst schieben bei der Nationalen Volksarmee. In Vitzeroda, heute ein Ortsteil der Stadt Werra-Suhl-Tal im thüringischen Wartburgkreis, sollte der Klassenfeind an der innerdeutschen Grenze kein Durchkommen finden. „Das hat man uns damals so eingetrichtert. Aber wir haben das nicht so verbissen gesehen“, erinnert sich der 76-Jährige an die Zeit, in der er seine besten Freunde kennenlernte. „Wir lagen zu sechst auf einem Zimmer. Mit Jochen Otto aus Porschendorf bei Stolpen und Gottfried Richter aus Mettelwitz bei Lommatzsch habe ich mich auf Anhieb gut verstanden. Auch als wir nach der Dienstzeit auseinandergingen, war mir klar: Man trifft sich immer zweimal im Leben.“ Mindestens. Denn dass diese Zahl in den Folgejahren weit übertroffen werden würde, konnten die drei Freunde da noch nicht ahnen. Aber alle arbeiteten irgendwie daran. „Wir hatten ja zum Abschied unsere Adressen in die Kragenbinden geschrieben, der Kontakt war also möglich. Als unsere Tochter im Januar 1967 geboren wurde, gab‘s ganz spontan den ersten Treff.“ Damals allerdings nur mit Gottfried Richter und seiner Frau Marie Luise, ein paar Wiedersehen später waren auch Jochen und Erika Otto mit dabei. „Am Anfang hatten wir uns so viel zu erzählen, da trafen wir uns dreimal im Jahr. Wir waren jung, wollten uns etwas anschauen in der Heimat der anderen. Da waren die Nächte oft erst morgens gegen vier zu Ende“, lachen die Wiesenbergs.

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Ein Bild aus längst vergangenen Tagen: Günter Wiesenberg (2.v.r.) war schon während seiner Armeezeit immer für einen Scherz gut.
Ein Bild aus längst vergangenen Tagen: Günter Wiesenberg (2.v.r.) war schon während seiner Armeezeit immer für einen Scherz gut. ©  privat

Hoch her ging es vor allem dann, wenn die alten Geschichten wieder zur Sprache kamen. „Einmal fuhr einer mit dem Moped ins Grenzgebiet. Ich schoss in die Luft. Es war aber der Förster, der hatte die Erlaubnis dazu“, erzählt der Nieskyer. Und schiebt gleich noch eine Anekdote hinterher: „Gottfried hat einmal nach einer Kuh geschossen. Ein Grenzdurchbruch war das aber nicht.“ Mehrmals haben die drei Ex-Grenzer schon den Ort ihres früheren Wirkens besucht. 1990 wurden sie beim Frühstück sogar von ihrem ehemaligen Unteroffizier bedient, der in Vitzeroda hängen geblieben ist.

Längst gehören auch runde Geburtstage, Urlaubsfahrten, Enkelwandertage und viele andere Ausflüge zu den Erinnerungen der befreundeten Paare. „So ernst der Grund unseres Wehrdienstes gewesen sein mag – dass er uns drei zusammengeführt hat, ist ein echter Glücksfall“, meint Günter Wiesenberg. Dieses Mal treffen sie sich in Mettelwitz, die Nieskyer werden 2020 wieder Gastgeber sein. Ein Ende ist trotz des vorgerückten Alters nicht abzusehen. „Lange Strecken wandern geht zwar nicht mehr. Aber eine Autotour zu interessanten Zielen ist immer noch drin.“

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