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Die Wessis und die Friedensfahrt

Werner Stauff gelingt 1988 als viertem Fahrer der BRD ein Etappensieg – und er fragt sich danach, was er mit dem Preisgeld anfangen soll. Teil 3 der Serie.

Umlagert: Vor allem von der Atmosphäre an der Strecke und den vielen Schülern ist Werner Stauff noch heute begeistert.
Umlagert: Vor allem von der Atmosphäre an der Strecke und den vielen Schülern ist Werner Stauff noch heute begeistert. © privat

Drei Kilometer Vorsprung hatten die drei Ausreißer damals. Das war auch für die Zuschauer zu sehen. Denn während auf der rechten Straßenseite Werner Stauff, Tom Cordes und Giovanni Fidanza schon um den Tagessieg im polnischen Legnica taktierten, musste das Verfolgerfeld auf der linken noch die letzte Runde in Angriff nehmen. 

Am Ende gewann der Kölner Stauff den Zielsprint vor dem Italiener Fidanza und dem Niederländer Cordes. Verdient, schließlich war es auch der damals 28-Jährige, der auf der mit 196 Kilometern längsten Etappe der 1988er-Friedensfahrt den erfolgreichen Ausreißversuch gestartet hatte.

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Nach seinem Etappensieg 1988 in Legnica wird Werner Stauff von Reportern und Fans belagert – für den inzwischen 59-Jährigen einer der größten Karriere-Erfolge.
Nach seinem Etappensieg 1988 in Legnica wird Werner Stauff von Reportern und Fans belagert – für den inzwischen 59-Jährigen einer der größten Karriere-Erfolge. © privat

Auch 31 Jahre später ist Stauff noch immer begeistert. Von der Rundfahrt – und seinem Erfolg. „Die Zuschauerresonanz war enorm – egal, ob wir durch die Tschechoslowakei, Polen oder die DDR gefahren sind. In jedem Ort, der eine Schule hatte, standen die kompletten Klassen mit Fähnchen in der Hand an der Strecke und haben gebrüllt“, erinnert er sich. „Und die Siegerehrung war gigantisch. Da gab es eine weiße Taube in die Hand, die man fliegen ließ.“

Auch im Westen wurde sein Etappenerfolg vom 18. Mai 1988 gewürdigt – wenn auch vorwiegend von der Fachpresse. „Das war schon vergleichbar mit einem Sieg bei der Tour de France. Bei uns war die Friedensfahrt eine Riesensache, zumal es ja nicht viele Etappensieger aus der Bundesrepublik gab“, sagt Stauff. 13-mal nahm die BRD teil. Vier Erfolge gab es. Der spätere Bundestrainer Peter Weibel, in dessen Amtszeit die Goldmedaille des Straßenvierers bei den Olympischen Sommerspielen 1992 in Barcelona und der Weltmeister-Titel von Jan Ullrich 1993 fielen, gewann 1975 ein Teilstück. 1984 folgte Achim Stadler, 1987 Remig Stumpf. Stauff sollte der Letzte sein, dem dieses Kunststück gelang.

Mit 28 Jahren doch noch Profi

Es sei für ihn einer der größten Erfolge gewesen, sagt Stauff, der zwei Jahre zuvor deutscher Meister auf der Straße geworden war und in dessen Vita auch drei nationale Titel im Mannschaftszeitfahren stehen. Und obwohl er schon relativ alt war, wechselte er am Ende der Saison doch noch zu den Profis. „Da hat mir der Etappensieg sicher geholfen. Der war ja auch eine Hausnummer“, sagt er. Stauff unterschrieb beim Team Stuttgart. Als aus der Mannschaft zwei Jahre später das Team Telekom wurde, war er aber schon nicht mehr aktiv.

„Ich bin bereits nach meinem ersten Profijahr in die sportliche Leitung gewechselt“, erzählt Stauff. Damals seien einige Dinge zusammengekommen, die ihn zu diesem Schritt bewegten, denn „eigentlich hätte ich schon noch weiterfahren können“. Stauff war damals bereits mit Beate Habetz verheiratet, die 1978 Straßenweltmeisterin war. „Der erste Sohn war da, das zweite Kind unterwegs – und dann gab es dieses Angebot“, sagt der heute für eine Spedition tätige Ex-Rennfahrer über die Gründe für sein Karriereende. Dadurch sei er zwar noch öfter von zu Hause weg, aber das gesundheitliche Risiko weniger groß gewesen. „Obwohl: Wenn man die Stürze heute sieht“, fällt ihm lachend ein, „dann war das damals alles halb so schlimm.“

Dabei erinnert er sich an üble Stürze am Tag vor seinem Etappenerfolg. „Da ging es nach Wałbrzych, quasi das Zentrum des polnischen Kohlereviers. Es hatte geregnet, und die Straßen waren extrem glitschig. Wir mussten dort am Ende noch drei Schleifen durch die Stadt drehen, und bei jeder Kurve hat sich jemand hingelegt. Die Trikots haben wir danach direkt weggeschmissen, denn diesen öligen Dreck hast du aus unseren weißen Outfits nicht mehr rausgekriegt.“ 

Dagegen sei der Streckenzustand in der DDR überragend gewesen. „Ich habe zu meinem Schwager Werner Wüller, der auch zum BRD-Team gehörte, gesagt: ,Die haben hier extra für die Friedensfahrt asphaltiert.‘“ Mit dieser Annahme dürfte er nicht so verkehrt gelegen haben.

Und auch wenn Stauff für den Klassenfeind fuhr, der Kontakt zu den Stars des Arbeiter- und Bauernstaates war immer möglich. „Da waren zwar schon immer so ein paar Leute dabei, bei denen man dachte, wenn die da jetzt rumstehen, dann gehen wir mal besser vorbei“, sagt Stauff. „Aber wir haben Wege gefunden, uns auszutauschen – und wenn es unterwegs auf dem Rad war.“ Schließlich kannten sich Stauff, Olaf Ludwig und DDR-Kapitän Thomas Barth schon von der Junioren-Weltmeisterschaft 1978 in Washington.

Siegerkranz und Küsschen für Werner Stauff, links der Italiener Giovanni Fidanza, rechts der Niederländer Tom Cordes.
Siegerkranz und Küsschen für Werner Stauff, links der Italiener Giovanni Fidanza, rechts der Niederländer Tom Cordes. © privat

Eine gute Gelegenheit bot sich zum Beispiel in Zakopane. „Dort waren alle Teams in einem riesigen Ski-Hotel untergebracht. Da hat sich das fast von selbst ergeben, dass man sich getroffen hat.“ Doch auch wenn keine gemeinsamen Wettkämpfe anstanden, gab es immer wieder mal Begegnungen. „Heute kann man das ja sagen“, leitet Stauff eine Geschichte über ein Wiedersehen mit Ludwig ein. „Als wir auf dem Weg zu einem Rennen in Westberlin waren, haben wir uns mit Olaf und seiner Frau im Intershop am Hermsdorfer Kreuz in der Nähe von Gera getroffen.“

Finale Feier mit Olaf Ludwig

Mit dem Olympiasieger von 1988 in Seoul feierte Stauff auch das Finale der Friedensfahrt. Am Abend der Schlussetappe gab es noch einen Empfang, „auf dem auch Erich Honecker gesprochen hat“. Stauff und sein Schwager hatten da aber schon entdeckt, dass es in der obersten Etage des Hotels ein Restaurant und eine Diskothek gab. „Wir sind in unseren Trainingsklamotten gleich mal hochgefahren, wurden aber umgehend wieder hinauskomplimentiert: ,Nur reservierte Plätze‘, hat uns eine Kante von Mann erklärt“, erzählt Stauff. „Wir sind sofort runter an die Rezeption und haben die Bestellung für den Abend aufgegeben: zwei Plätze im Restaurant, zehn in der Disko.“

Nach der Ansprache des DDR-Chefs gingen die meisten Rennfahrer ins Bett, Stauff und Wüller aber ins Restaurant. „Die Kante war immer noch da, aber diesmal ganz freundlich. Wir haben die ganze Karte rauf und runter gegessen“, sagt Stauff lachend. Danach ging es in die Disko. „Das war wirklich klasse gemacht. Mit Varieté, Zauberkünstlern und weiß der Geier, was da noch alles war.“ 

Einigen Konkurrenten hatte das Duo seine Pläne vorab gesteckt. „Zuerst waren die Holländer da“, erinnert er sich. „Und ich glaube, bis auf Barth war die ganze DDR-Mannschaft vor Ort.“ Bei den Gesprächen sei es dann auch um Politik gegangen. „Ich habe gesagt: Ich glaube, der sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse regelt das irgendwie. Mal sehen, was die Zukunft bringt“, sagt Stauff. „Ein Jahr später war es dann ja so weit.“

Wenn er den Optimismus gehabt hätte, daran zu glauben, wäre Stauff wohl auch anders mit seinen Prämien umgegangen. „Die wurden damals sofort ausgezahlt. Aber wir konnten damit nicht so viel anfangen. Selbst nachdem wir das ganze Essen bezahlt hatten, war immer noch so viel übrig, dass wir den Rest unter der Toilettenfrau und dem Barkeeper aufgeteilt haben“, erzählt er. „Wie viel das war, kann ich nicht mehr sagen. Aber die Frau hatte Tränen in den Augen und meinte, dafür hätte sie fast einen ganzen Monat arbeiten müssen.“

Wenn man Stauff zuhört, drängt sich die Frage auf, wieso es nur diese 13 Teilnahmen der BRD gab. Doch der 59-Jährige hat dafür einige Erklärungen. So fand das Milk Race, nach der Friedensfahrt das wichtigste Amateur-Etappenrennen, fast gleichzeitig statt. „Ich bin selber dreimal in Großbritannien an den Start gegangen“, sagt Stauff. Außerdem fielen westdeutsche Klassiker wie Rund um den Henninger Turm oder Rund um Köln, die auch bei Amateuren einen gewissen Stellenwert besaßen, in diese Zeit.„Vor allem Ende der 1970er-Jahre gab es nicht so viele Fahrer, die die Friedensfahrt bestreiten wollten. Das lag aber nicht daran, dass sie im Ostblock ausgetragen wurde, sondern eher am sportlichen Charakter. Sie war schon ziemlich schwer.“


Bisher erschienen:

Teil 1: Wie die Friedensfahrt zum Mythos wurde

Hunderttausende Zuschauer, Sieger als Volkshelden und plötzlich eine steile Wand - das Radrennen begeisterte die Massen. Die SZ erinnert an Triumphe und Tragödien.

Teil 2: Das turbulente Leben des Friedensfahrt-Ausreißers

Andreas Petermann wird mit dem Team Weltmeister über 100 Kilometer, aber bei der Friedensfahrt sorgt er allein für einen Husarenritt. Nach seiner Karriere arbeitet er auch in Marokko.


Nächste Folge: Warum Hans-Joachim Hartnick beim Sieg 1976 vom Sportsgeist eines Konkurrenten profitierte.