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Politik

Friedensnobelpreis für Greta? Bloß nicht! - Unbedingt!

Am Freitag wird der Preisträger bekanntgegeben, die 16-jährige Klimaaktivistin gilt als Favoritin. Hätte sie das verdient? Ein Pro und Contra.

Ein Bild der schwedischen Umweltaktivistin Greta Thunberg wird bei dem Auftritt von brasilianischen und kolumbianischen Bands wie Monsieur Perine (l) bei Rock in Rio De Janeiro auf eine Großleinwand ausgestrahlt.
Ein Bild der schwedischen Umweltaktivistin Greta Thunberg wird bei dem Auftritt von brasilianischen und kolumbianischen Bands wie Monsieur Perine (l) bei Rock in Rio De Janeiro auf eine Großleinwand ausgestrahlt. © Leo Correa/AP/dpa

Pro: Ja, denn ihr Kampf ist ein Beitrag zum Weltfrieden

Von Malte Lehmig

Seit 24 Jahren finden jährlich Klimakonferenzen statt. Trotzdem steigt die Emission von Treibhausgasen. Unablässig erwärmt sich die Erde, der Meeresspiegel steigt. Das Gros der Wissenschaftler ist überzeugt davon, dass Menschen durch die Art, wie sie leben, zur Erderwärmung beitragen. Die Folgen dieser Entwicklung sind seit langer Zeit bekannt.

Doch zwischen Wissen und Begreifen liegt ein tiefer Graben. Denn Einsicht ist nur der erste Weg zur Besserung. Eine Erkenntnis, die sich nicht in Handeln übersetzt, deutet auf kollektive Bequemlichkeit und Willensschwäche hin. Das ist, bezogen auf die Erderwärmung, fatal. Die Bedrohung ist ernst und existenziell.

Darauf weist Greta Thunberg hin, immer und immer wieder. Sie tut es auf ihre Art, leidenschaftlich, nachdrücklich, kompromisslos. Was alle bereits wussten, hat sie, wie durch ein Wunder, begreifbar gemacht. Das hat eine Bewegung entstehen lassen, „Fridays for Future“, der sich Millionen von überwiegend jungen Menschen weltweit angeschlossen haben. Deren Engagement hat den Handlungsdruck auf die Herrschenden erhöht.

Ob das reicht, ist ungewiss. Der Mensch ist faul. Er hängt an seinen Gewohnheiten. Er will Wachstum, weil er meint, dann besser leben zu können. Er verdrängt Prognosen. Er hofft auf wissenschaftlichen Fortschritt. Sein Reichtum im Erfinden von Argumenten, die den Status quo legitimieren sollen, ist groß. Dabei gibt es keinen Status quo mehr. Die Erde erwärmt sich stetig weiter.

Soll Greta Thunberg für ihr Wirken den Friedensnobelpreis bekommen? Was für eine Frage! Natürlich soll sie. Ihr ist es gelungen, die Folgen des Klimawandels sowie die Notwendigkeit, diesen sehr schnell sehr stark verlangsamen zu müssen, auf die globale Agenda zu bringen. Seit Wochen und Monaten entlarvt sie trotzige Beharrungsmentalitäten als gefährliche Ignoranz. Dass ihr auf diesem Weg nicht nur viele folgen, sondern auch Felsbrocken vor die Füße legen, spricht eher für als gegen sie.

Greta Thunberg weist immer wieder auf die Folgen des Klimawandels hin – leidenschaftlich, nachdrücklich, kompromisslos. 
Greta Thunberg weist immer wieder auf die Folgen des Klimawandels hin – leidenschaftlich, nachdrücklich, kompromisslos.  © Paul Chiasson/The Canadian Press/dpa

Ja, es ist leicht, Greta Thunberg zu verspotten. Ihr Alter, ihr Geschlecht, das Asperger Syndrom, ihre zum Teil dramatischen Auftritte, der religiös wirkende Duktus, die Endzeit- und Erlösungsrhetorik. Und braucht sie wirklich noch einen Preis, um gehört zu werden? Das amerikanische Magazin „Time“ zählt sie zu den hundert einflussreichsten Persönlichkeiten des Jahres 2019. 

Für die Gestaltung einer besseren Welt erhält sie den Alternativen Nobelpreis, den „Right Livelihood Award“. Sie trifft Papst Franziskus, Barack Obama, spricht vor den Vereinten Nationen und dem britischen Parlament. Jede Tür steht ihr offen, alle Medien multiplizieren ihre Botschaft.

Außerdem: Hat nicht das Beispiel Obama gelehrt, dass die Verleihung des Friedensnobelpreises keine Wette auf eine Zukunft sein sollte? Lebensleistungen gehören gewürdigt, Vorschusslorbeeren sind unangebracht. Womöglich belastet ein solcher Preis das 16-jährige Mädchen auch, weil er in ihm die Erwartung erzeugt, den Ansprüchen dringend gerecht werden zu müssen.

Man hört die Bedenken und lächelt sie weg. Wie klein und kleckernd klingen sie. Nur mühsam kaschieren sie die Aversionen gegen Greta Thunberg.

Vor zwölf Jahren erhielt der frühere US-Vizepräsident Al Gore den Friedensnobelpreis aufgrund seiner Bemühungen um eine Bewusstmachung der Klimakrise „und der Verbreitung von mehr Wissen über den von Menschen verursachten Klimawandel“. Spätestens seitdem ist klar, dass der Kampf gegen die Erderwärmung ein Beitrag zum Weltfrieden ist.

Greta Thunberg sagt nichts Neues. Aber wie sie es sagt, ist neu. Sie redet über die Folgen des Klimawandels und fühlt diese Folgen. Sie will Panik hervorrufen, weil sie selbst in Panik ist. Sie wirft einer ganzen Generation klimapolitisches Versagen vor, weil ihre eigene Generation mit den Konsequenzen leben muss – oder überleben, das steht noch nicht fest.

Greta Thunberg ist binnen 14 Monaten vom Schule schwänzenden Mädchen zur Ikone einer internationalen Jugendbewegung aufgestiegen.
Greta Thunberg ist binnen 14 Monaten vom Schule schwänzenden Mädchen zur Ikone einer internationalen Jugendbewegung aufgestiegen. © Jacquelyn Martin/AP/dpa

Contra: Nein, denn sie infantilisiert das Verständnis von Politik

Von Christoph von Marschall

Der Friedensnobelpreis für Greta Thunberg? Bloß das nicht, bitte! Das 16-jährige Mädchen, das unter dem Asperger-Syndrom leidet, verdient Bewunderung, wie sie mit ihrer Krankheit umgeht. Aber verdient sie die renommierteste Auszeichnung der Erde? Den Friedensnobelpreis soll nach der Intention des Stifters Alfred Nobel die Person erhalten, die am meisten für die Abrüstung oder für die Förderung des Friedens getan und damit „im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht“ hat.

Trifft das auf Greta Thunberg zu? Wohl kaum.

Es ist eine Leistung, binnen 14 Monaten vom Schule schwänzenden Mädchen zur Ikone einer internationalen Jugendbewegung aufzusteigen. Aber ihre Botschaften und Kommunikationsmethoden sind bedenklich für die Demokratie. Die Greta-Bewegung steht für eine Infantilisierung des Verständnisses, was Politik leisten soll – und leisten kann. Sie verbreitet Unwahrheiten. Sie nimmt für sich eine angeblich gesicherte wissenschaftliche Wahrheit in Anspruch, die bei näherem Hinsehen darin besteht, abweichende wissenschaftliche Meinungen zu Häresie zu erklären.

Selbstverständlich wäre es unethisch, Greta ihre Krankheit und deren Symptome vorzuhalten, darunter eine Störung der körperlichen Entwicklung, Schwächen in der sozialen Interaktion, fehlendes Einfühlungsvermögen für Menschen mit anderen Problemen, ausgeprägte Spezialinteressen samt der Forderung, die Mitmenschen müssten die Welt so wie sie sehen. Man muss aber auch nicht den genialen Propagandatrick mitmachen, Krankheitsmerkmale wie die autistische Verengung der Wahrnehmung zu einem Verhalten zu erklären, das preiswürdig ist.

Greta und ihre Fans behaupten, die Politik habe die Erde untätig in eine Klimakatastrophe gleiten lassen. Der Klimanotstand ist weder eingetreten noch steht er kurz bevor. Menschen, die etwas älter als 16 sind, wissen, wie Deutschland vor 20, 30 Jahren aussah und was sich alles verbessert hat. Zweitakter und die meisten Kohleheizungen sind verschwunden, die Autos haben Abgasreinigung. In der Ruhr und im Rhein kann man wieder schwimmen. Die Emissionen sind heute um 23 Prozent geringer als 1990. Man darf kritisieren, das sei zu wenig. Aber die Behauptung, es sei nichts geschehen, ist eine glatte Lüge. Ignoranz muss man weder beklatschen noch auszeichnen.

Von Greta kommen keine Anregungen, wie die Politik die Verantwortung für die Bürger und die wirtschaftlichen Grundlagen ihres Alltags mit der Verantwortung für das Klima verbindet. „How dare you!“, klagt sie Staats- und Regierungschefs beim UN-Gipfel in New York mit wutverzerrtem Gesicht an. Einen Weg weist sie nicht.

Handelt sie wenigstens aufklärerisch? „Unite behind the Science!“ Sie trägt die Forderung vor, als gebe es nur eine ewige Wahrheit. Die jährlichen Berichte des Weltklimarats (IPCC) sind jedoch keine Bibeln. Berechnungsmodelle für die Aufnahmefähigkeit der Ozeane und Landmassen für oder die Prognose der Erwärmung haben sich als fehlerhaft erwiesen. Das ist nicht schlimm. Es bedeutet Fortschritt, wenn der IPCC 2018 lernt, wo er bei den Prognosen 2013 geirrt hat. Widerspruchsgeist und Zweifel können Quellen der Erkenntnis sein.

Es behindert den Fortschritt hingegen, wenn die von Greta geförderte Bewegung „Fridays for Future“ Wissenschaftler, die die IPCC-Vorhersagen mit Skepsis betrachten und auf Fehlannahmen hinweisen wie Fritz Vahrenholt und seine internationalen Mitstreiter, als „Klimaleugner“ diffamieren.

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