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Früher einzahlen für später mehr Rente

Wer vorzeitig in Rente geht, muss lebenslang Abzüge in Kauf nehmen. Die lassen sich mit Sonderzahlungen ausgleichen. Das Modell ist flexibel, lohnt sich aber nicht für jeden.

Der Beratungsbedarf wächst: Rentenberaterin Evelyn Kiss in ihrem Chemnitzer Büro.
Der Beratungsbedarf wächst: Rentenberaterin Evelyn Kiss in ihrem Chemnitzer Büro. © Toni Söll

Arbeiten bis zur gesetzlichen Rente? Das müssen die meisten. Das Alter für den Renteneintritt steigt in Deutschland schrittweise an. Alle ab Jahrgang 1964 dürfen erst mit 67 Jahren regulär in Rente gehen. Wer sich früher aus dem Job verabschiedet, muss lebenslang Abschläge in Kauf nehmen – 0,3 Prozent pro vorgezogenem Monat. Geht man statt mit 67 bereits mit 63 Jahren, büßt man damit 14,4 Prozent Rente ein.

Trotzdem hat 2018 fast jeder Vierte Abschläge in Kauf genommen. Sie lagen laut Deutscher Rentenversicherung im Schnitt bei etwa 90 Euro brutto. „Um die Einbuße komplett oder teilweise auszugleichen, können Versicherte während ihres Berufslebens freiwillig Sonderzahlungen an die Rentenkasse leisten“, sagt Christian Lindner, Rentenberater in Dresden. So stehe ihnen später die Möglichkeit frei, eine vorgezogene Altersrente zu beziehen – abschlagsfrei.

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Die Zahl derer, die bereits solche Extra-Beiträge leisten, ist überschaubar. Doch sie steigt: von 11.620 Arbeitnehmern 2017 auf 17.086 im Jahr 2018. Aktuellere Daten kann die Deutsche Rentenversicherung nicht nennen. Doch auch Christian Lindner verzeichnet einen höheren Beratungsbedarf zu diesem Thema.

Billig ist das Ganze nicht. Je früher jemand in Rente gehen möchte und je höher seine Rente ist, desto teurer wird der Ausgleich. Wer zum Beispiel 800 Euro Monatsrente bekäme und ein Jahr früher ohne Abschläge gehen will, muss 6.820 Euro zusätzlich in die Rentenversicherung einzahlen. Bei 1.200 Euro Rente und drei Jahre vorzeitigem Eintritt wären es schon rund 33.160 Euro. „Die Höhe der Sonderzahlungen wird anhand der verbleibenden Restarbeitszeit und der Zeit, die man früher geht, berechnet“, sagt Dirk von der Heide von der Deutschen Rentenversicherung.

Es lohnt sich, früh anzufangen

Sinnvoll könne die freiwillige Zahlung nach Einschätzung von Christian Lindner durchaus sein, wenn jemand etwas erbt, sein Geld nicht klassisch anlegen möchte oder aber eine Abfindung oder Lebensversicherung ausgezahlt bekommt. Der Rentenberater hat ausgerechnet: Im Beispiel einer Frau mit durchschnittlicher Lebenserwartung und einem Renteneintritt mit 63 Jahren dauert es 16,5 Jahre, bis sie die Sonderzahlungen wieder raus hat. Unterstellt wurden dabei drei Prozent Rentenanpassung.

Grundlage für das Modell ist das Flexirentengesetz. Darin ist geregelt, dass freiwillige Sonderzahlungen ab dem 50. Lebensjahr möglich sind. Vor Juli 2017 galt dafür noch das Mindestalter von 55 Jahren. Einzahlungen können nun also über einen längeren Zeitraum geleistet werden. Zudem wurde parallel im Sozialgesetzbuch VI (Paragraf 109) festgeschrieben, dass sich Versicherte bereits mit 50 Jahren eine Rentenauskunft von der Deutschen Rentenversicherung zuschicken lassen können – nicht wie bisher erst mit 55. Ein berechtigtes Interesse muss man dafür nicht nachweisen.

Aus dieser Sonderauskunft geht dann hervor, wie hoch die Rente voraussichtlich sein wird, wie sich die Rente mindert, wenn man früher geht und auch, wie hoch die „Beitragszahlung zum Ausgleich einer Rentenminderung“ ausfällt. „Etwa zehn Jahre vor dem geplanten Renteneintritt sollte man sich kundig machen und beraten lassen – rentenrechtlich ebenso wie steuerrechtlich“, empfiehlt Lindner.

Wann und wie die Sonderzahlungen geleistet werden, ist flexibel. Versicherte können den Betrag auf einmal zahlen oder aber über einzelne Jahre verteilen. „Pro Jahr sind bis zu zwei Zahlungen möglich, man kann nicht jeden Monat etwas einzahlen“, sagt von der Heide. Steuerrechtlich von Vorteil ist eine Verteilung der Ausgleichszahlungen, denn sie können jährlich nur bis zu einer bestimmten Obergrenze als Sonderausgaben von der Steuer abgesetzt werden. Es lohnt sich also, möglichst früh anzufangen und die Zahlungen über eine längere Zeit zu strecken.

Für Ost-Biografien besonders interessant

Das zeigt auch eine Untersuchung der Stiftung Warentest. Demnach bekommt ein gut verdienender Arbeitnehmer, der 50.000 Euro auf einen Schlag in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlt, über die steuerliche Erstattung rund zehn Prozent zurück. Würde er die Einzahlung über fünf Jahre staffeln, läge die Erstattung vom Finanzamt bei rund 30 Prozent.

Über die Höhe der Einzahlungen kann jeder Versicherte selbst entscheiden. Es ist auch nicht nötig, den gesamten Ausgleichsbetrag zu leisten. „Wird nur ein Teil eingezahlt, mindert das ebenso die künftigen Rentenabschläge, aber dann nicht vollständig“, erklärt Evelyn Kiss, Rentenberaterin in Chemnitz.

Beachten sollte man jedoch: Wer lange Zeit vor dem Renteneintritt Sonderzahlungen vornimmt, sichert sich die aktuell geltenden Rentenpunkte. Das kann sich positiv auswirken. „Steigen die Renten, müsste man mehr Geld in die Hand nehmen, um den Rentenausgleich zu finanzieren“, erklärt Christian Lindner. Er macht zudem darauf aufmerksam, dass die Ausgleichszahlung derzeit für Versicherte mit einer Ost-Erwerbsbiografie besonders interessant ist. „Sie müssen Entgeltpunkte Ost ausgleichen, die in diesem Jahr jeweils knapp 500 Euro weniger kosten als Westpunkte. Dennoch gibt es dafür in Zusammenhang mit der Rentenangleichung ab 1. Juli 2024 denselben Rentenanspruch wie für Westpunkte“, so Lindner.

Ausgangslage: 

  • Ein Arbeitnehmer, geboren 1958, möchte mit 63 in Rente gehen. Bis dahin hat er voraussichtlich 60 Rentenpunkte Ost gesammelt. Beim Rentenwert Ost von 33,23 Euro entspricht das einer Monatsrente von 1993,80 Euro.
  • Zur abschlagsfreien Regelaltersrente mit 66 Jahren fehlen 36 Monate. Das bedeutet 36 x 0,3 = 10,8 % Abschläge von den Entgeltpunkten. Das sind 6,48 Punkte. Multipliziert mit dem Rentenwert entsteht ein monatliches Minus von 215,33 Euro, das es auszugleichen gilt.
Berechnung:
  • 6,48 Punkte werden mit dem Kaufpreis von jeweils 7.049,05 Euro multipliziert. Das Ergebnis wird durch den Zugangsfaktor 0,892 dividiert. Der Zugangsfaktor ist die Zahl 1 abzüglich des Abschlags von 10,8 %.
  • Also: 6,48 x 7.049,05 Euro : 0,892 = 51.208,35 Euroà Der Arbeitnehmer muss 51.208,35 Euro Sonderzahlungen in die Rentenkasse einzahlen, um seinen Abschlag für den vorzeitigen Renteneintritt voll auszugleichen.
  • Hinweis: Der Preis eines Entgeltpunktes steigt von Kalenderjahr zu Kalenderjahr. Wer also länger wartet, muss für dasselbe Ergebnis mehr einzahlen.
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Und wer sich später doch umentscheidet und auf einen vorzeitigen Renteneintritt verzichtet? Kein Problem: In dem Fall dienen die Einzahlungen nicht zum Ausgleich von Abschlägen, sondern erhöhen die reguläre Altersrente. Nur eine Rückzahlung des Geldes ist nicht möglich. Bei einem frühen Tod hat zumindest die Witwe beziehungsweise der Witwer etwas höhere Ansprüche.

Von den Sonderzahlungen profitieren können auch Selbstständige, für die eine Rentenversicherungspflicht besteht – die also laufende Beitragszahlungen leisten. Dazu gehören Berufsgruppen wie Handwerker, freiberufliche Erzieher, Ergotherapeuten oder Hebammen. Wer von ihnen mindestens 35 Jahre Mindestversicherungszeit erfüllt und sich somit einen Anspruch auf eine vorzeitige Rente erarbeitet hat, kann die Abschläge durch Einzahlungen mindern.

Einmalzahlung manchmal besser

Lohnen können sich freiwillige Sonderzahlungen ebenso für Hausfrauen und -männer. Je nach persönlicher Situation haben sie so die Möglichkeit, ihre Rentenabschläge auszugleichen und die spätere Rente aufzustocken. Voraussetzung ist auch bei ihnen die Erfüllung einer Mindestversicherungszeit von 35 Jahren. Auch wer bereits eine vorgezogene Rente mit Abschlägen bezieht, kann noch freiwillige Einzahlungen leisten. Im regulären Rentenalter gibt es dann mehr Rente.

Warum aber sollten Beschäftigte in die gesetzliche Rente investieren und nicht lieber privat vorsorgen? Weil es sich rechnet, meint die Stiftung Warentest. Da die privaten Rentenversicherer ihr Geld am Kapitalmarkt anlegen, wo es derzeit nur niedrige Zinsen gibt, fielen die gesetzlichen Renten momentan deutlich höher aus. „Für 100 Euro monatliche Rente muss man in die gesetzliche Rentenversicherung rund 25.000 Euro einzahlen“, erklärt Max Schmutzer von der Stiftung Warentest. „Bei einer privaten Rentenversicherung muss man für dieselbe Summe mit über 30.000 Euro rechen.“

Allerdings sollte dabei der steuerliche Aspekt berücksichtigt werden. Wenn man aufgrund einer hohen gesetzlichen Rente darauf Einkommensteuer zahlen muss, können Sonderzahlungen in die Deutsche Rentenversicherung nachteilig sein, warnt der Bund der Versicherten. In dem Fall wäre eine Einmalzahlung in eine private Rentenversicherung die bessere Alternative.

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