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Frühere Treuhand-Chefin räumt Fehler ein

Sie hat lange geschwiegen. Jetzt spricht Birgit Breuel in einem Interview über die Privatisierung der DDR-Wirtschaft. Und sie lobt die Ostdeutschen.

Birgit Breuel stand von 1991 bis 1995 an der Spitze der Treuhandanstalt, die für die Privatisierung, Sanierung und Stilllegung der früheren DDR-Betriebe zuständig war.
Birgit Breuel stand von 1991 bis 1995 an der Spitze der Treuhandanstalt, die für die Privatisierung, Sanierung und Stilllegung der früheren DDR-Betriebe zuständig war. © Axel Heimken/dpa (Archiv)

Frankfurt/M. Die frühere Präsidentin der Treuhandanstalt, Birgit Breuel, hat sich für eine umfassende Aufarbeitung der Geschichte der deutschen Wiedervereinigung ausgesprochen. „Wir brauchen in Deutschland eine breite gesellschaftliche Debatte über die Mühen der Einheit“, sagte Breuel der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Knapp 29 Jahre nach der Deutschen Wiedervereinigung räumt Breuel zudem ein: „Natürlich haben wir Fehler gemacht. Das war sehr bitter.“

Dabei dürfe es aber nicht um eine einzelne Behörde gehen. „Die Treuhand war nur ein Baustein des harten Systemwechsels, wenn auch ein sehr gewichtiger“, sagte die ehemalige Behördenchefin.

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Die frühere CDU-Politikerin Breuel stand von 1991 bis 1995 an der Spitze der Treuhandanstalt, die für die Privatisierung, Sanierung und Stilllegung der früheren DDR-Betriebe zuständig war. Damit stieß sie in der Öffentlichkeit teils auf heftige Kritik. So sei beispielsweise die Schließung des Kali-Bergwerks 1993 im thüringischen Bischofferode „der Höhepunkt der Überforderung“ vieler Ostdeutscher gewesen. Damals waren die Kumpel in Hungerstreik getreten. „Die Polizei verbot mir, dort hinzufahren“, erinnert sich Breuel. „Wahrscheinlich hätte ich mich darüber hinwegsetzen sollen.“

Breuel zeigte zugleich Verständnis für die Nöte der Ostdeutschen bei der Umwandlung von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft. „In Westdeutschland wäre es nicht möglich gewesen, den Leuten eine Veränderung dieses Ausmaßes zuzumuten. Sie hätten das nicht durchgehalten“, sagte die 81-Jährige.

In Westdeutschland sei die Festigung von Demokratie und Marktwirtschaft mit dem Wirtschaftswunder einhergegangen, in Ostdeutschland mit einem brachialen Strukturwandel. Das erkläre einen Teil der Enttäuschungen: „Ich glaube, die Ostdeutschen haben sich damals die Freiheit einfacher vorgestellt, nicht so kompliziert, nicht so hart im Wettbewerb“, so Breuel.

So viele Firmen wie möglich am Leben halten

Der Westen habe die Treuhand-Manager „stets als Verschwender bezeichnet und der Osten als Plattmacher“. „Ich habe immer versucht, die Interessen der Ostdeutschen zu vertreten“, beteuert Breuel. Auch wenn sie mir das nicht abnehmen konnten.“ 

Auf die Frage, ob manche Privatisierung zu hart, zu schnell angegangen worden sei, antwortet Breuel, es sei darum gegangen, so viele Firmen wie möglich am Leben zu erhalten. "Das war unser einziges Ziel.“ Auch die frühe Währungsunion sei richtig gewesen. „Weil es ein glaubhaftes Zeichen setzte, damit die Menschen in Ostdeutschland blieben“, so Breuel. „Hätte es die D-Mark nicht gegeben, wäre die Wanderung von Ost nach West noch viel massiver gewesen.“

Die Grundlinien der Treuhand-Politik verteidigt Breuel jedoch bis heute: „Ich fand den Weg, für den sich ganz Deutschland damals entschieden hat, grundsätzlich richtig. Das denke ich auch heute noch“, so Breuel. (SZ/epd/dpa/abi)

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Das Interview mit Birgit Breuel kam am Rande eines Filmprojekts der ARD zustande. Der Film „D-Mark, Einheit, Vaterland – das schwierige Erbe der Treuhand“ wird am 23. Juli um 21.45 Uhr auf Arte, am 19. August um 22.45 Uhr in der ARD und am 10. September um 22.05 Uhr im Mdr gezeigt.